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Tempolimit: Gefährlicher Geschwindigkeitsrausch

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 22.03.2019 Peter Ilg

In der Debatte um Tempolimits und Höchstgeschwindigkeiten stellt sich die Frage: Ist sehr schnell fahren wirklich so viel gefährlicher als schnell fahren? Oh ja.

Ein Volkswagen im Crashtest © IIHS Highspeed Foto/dpa Ein Volkswagen im Crashtest

Anfang März hatte Volvo bekannt gegeben, dass ihre neuen Autos ab 2020 nicht schneller als 180 Kilometer pro Stunde fahren werden. Jetzt haben die Schweden nachgelegt und angekündigt, die Sicherheit beim Autofahren weiter zu erhöhen – durch Überwachung der Fahrerin oder des Fahrers. "Wir werden das Auto eingreifen lassen, wenn der Fahrer schlecht fährt", sagte Firmenchef Håkan Samuelsson bei der Ankündigung dieser Sicherheitstechnik am Mittwoch.

Kameras und Sensoren sollen dafür die Fahrerin beobachten. Falls sie die Augen schließt oder Schlangenlinien fährt, reduziert das System die Geschwindigkeit, bremst das Auto im letzten Schritt bis zum Stillstand ab und parkt automatisch ein. Anfang der 2020er-Jahre will Volvo das Überwachungssystem einführen. Ab dem Modelljahr 2021 können Besitzer von Volvos mittels einer anderen Technologie die Höchstgeschwindigkeit ihres Fahrzeugs individuell beschränken. Zum Beispiel, wenn sie ihr Fahrzeug Fahranfängern überlassen.

Volvo wirbt mit einer Vision: Ab 2020 soll kein Mensch mehr in einem neuen Auto der Schweden schwer verletzt oder getötet werden. Das knüpft an die Unternehmensphilosophie an, die schon immer betont, nach möglichst sicheren Autos zu streben. Ein Volvo-Ingenieur war es übrigens, der 1959 den ersten Sicherheitsgurt entwickelt hat. Noch im selben Jahr wurden weltweit erstmals Sicherheitsgurte serienmäßig in Volvos eingebaut.

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Tempobegrenzung bringt keinen großen Kostenvorteil

Manche vermuten dagegen, dass Volvo die Höchstgeschwindigkeit eigentlich beschränkt, um an den Bauteilen zu sparen, die es für hohe Geschwindigkeiten absichern würden. "Kurzfristig sehe ich dadurch keinen wirklichen Kostenvorteil in der Produktion der Autos", sagt Thomas Schirle, Professor an der Fakultät Fahrzeugtechnik der Hochschule Esslingen. Etwas kleinere Bremsscheiben und Bremssättel, leicht günstigere Reifen, insgesamt maximal 200 Euro pro Fahrzeug schätzt er.

Schirles Ansicht nach nehmen die Schweden mit ihrer Initiative mittel- bis langfristig nur das zwingend Notwendige für die Technologien der Zukunft vorweg: "Selbst 180 km/h sind für elektrisch angetriebene Autos und autonomes Fahren schon eine sehr hohe Messlatte." Sollte sich die Elektromobilität durchsetzen, werden Autos langsamer fahren, weil hohe Geschwindigkeiten kurze Reichweiten zur Folge haben.

Aber ist es überhaupt so ein Gewinn für die Sicherheit, die Höchstgeschwindigkeit von Autos zu beschränken? Andere Hersteller regeln ihre Autos erst bei 250 km/h ab. Wie sich hohes Tempo im Vergleich zu niedrigeren Geschwindigkeiten verhält, hat Professor Schirle berechnet. Werden zwei Autos, das eine aus 180 km/h, das andere aus 250 km/h, bis zum Halt abgebremst, fährt das schnellere Auto zu dem Zeitpunkt, an dem das langsamere schon steht, immer noch 180 km/h. Der Bremsweg beträgt im langsameren Fall 150 Meter, im schnelleren 280 Meter.

Schwere SUV entwickeln besondere Durchschlagskraft

Noch größer wird der Unterschied bei schweren Autos – und SUV sind beliebt wie nie. Die doppelte Masse eines Autos führt zu einer doppelten Durchschlagskraft. Mit 250 km/h kann ein voll beladener SUV eine doppelt so starke Mauer durchbrechen wie mit 180 km/h. Deshalb sind Auffahrunfälle am Stauende so gefährlich. Alle gängigen Crashszenarien sichern aber nur bis etwa 60 km/h ab. Was darüber hinausgeht, bleibt dem Schutzengel überlassen.

"Die verheerenden Folgen bei Unfällen durch zu schnelles Fahren können mit niedrigeren Geschwindigkeiten deutlich reduziert werden", sagt Fahrzeugtechnik-Experte Schirle. Dass Motoren heute so stark sind, sei auch eher dem Wunsch nach rasanter Beschleunigung als nach hohen Geschwindigkeiten geschuldet. Doch das hat neben der Sicherheit auch noch andere Nachteile.

Um auf 250 km/h zu kommen, braucht man 2,5-mal so viel Motorleistung wie für 180 km/h. "Rein rechnerisch ist für die doppelte Geschwindigkeit die vierfache Energie notwendig", sagt Schirle. Und somit bläst man auch die vierfache Schadstoffmenge in die Luft. Eine niedrigere Höchstgeschwindigkeit macht Autos nach Meinung von Schirle zudem alltagstauglicher: "Wenn Aggregate wie Motor, Bremsen, Achsen kleiner werden, hat man im Innenraum mehr Platz für die Passagiere und das Gepäck."

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