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Die wunderbarsten 75 PS der Automobilgeschichte

WELT-Logo WELT 24.08.2018
Porsche 356 © Thomas Geiger Porsche 356

Ein aktueller Elfer hat mindestens 370 PS. Wenn man in einem Porsche 356 sitzt, reichen jedoch schon 75 PS für grandiosen Fahrspaß. Das war in den Fünfzigern so, und das wird sich auch niemals ändern.

75 PS, von null auf 100 km/h in 14,5 Sekunden und bei Vollgas gerade mal 175 km/h – normalerweise kann man einen Porsche-Fan mit solchen Eckdaten nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Denn schon der kleinste Boxster hat 300 PS, braucht für den Spurt auf Tempo 100 weniger als ein Drittel der Zeit und ist 100 km/h schneller.

Doch wenn man einem Boxster- oder Elfer-Fahrer zum Datenblatt auch das Auto zeigt, sieht das ein bisschen anders aus. Denn das sind die Eckdaten eines Porsche 356, dem Urvater aller Sportwagen aus Stuttgart, mit dem die Geschichte von Elfer & Co. vor ziemlich genau 70 Jahren begonnen hat.

Es ist aber nicht nur die Ehrfurcht, die einem jede Häme verbietet. Sobald man am Steuer des Klassikers sitzt und im Heck der luftgekühlte Boxer brabbelt, fühlt man das gleiche Feuer, das in jedem Porsche brennt.

Ja, der Zündschlüssel ist – warum auch immer – hier noch rechts vom spindeldürren Lenkrad, und mit seinen nicht einmal vier Metern wirkt der 1958er 356 A Super Speedster, den wir für diese Ausfahrt aus dem Porsche-Museum geholt haben, eher wie ein Spielzeug vom Rummelplatz als wie ein echter Sportwagen.

Doch kaum klackt der erste Gang ins Getriebe und die Kupplung schnappt zu, weiß man, was die Stunde geschlagen hat: Willig dreht der Vierzylinder hoch und schüttelt mit jedem Gasstoß ein Jahrzehnt ab. Gierig hängt der Motor am Gas, und giftig schießt der mit seinen 760 Kilo federleichte Speedster nach vorn.

Agil, aufgeweckt und ungeheuer authentisch fühlt sich das an und sehr viel puristischer als das exklusivste GT-Modell aus der Neuzeit. Das liegt weniger an der simplen Ausstattung mit einem wunderbar schlichten Faltverdeck und einfachen Steckscheiben. Sondern vor allem daran, dass es nichts gibt, was die Nähe zwischen Fahrer und Fahrzeug beeinträchtigen könnte. Kein Steuergerät, keine Servopumpe – nichts verfälscht die unmittelbare, direkte Umsetzung des Willens.

Wenn man auf winzigen Ledersesselchen kauert, nur eine Handbreit über dem Boden sitzt und so tief über die Straße fliegt, dass man beim Panamera auf der Spur nebenan nicht einmal ins Fenster schauen kann, bekommt man deshalb schon bei 80 Sachen einen Geschwindigkeitsrausch und will sich gar nicht vorstellen, wie sich Vollgas anfühlt.

Nicht das Fahrzeug ist das Limit, sondern der Fahrer. Selbst wenn es diesmal vielleicht nicht die Angst vor dem Grenzbereich ist oder die Sorge um die nicht vorhandene Sicherheitsausstattung; auch der Respekt vor dem Rentner spielt eine große Rolle – schließlich zahlen Fans für einen 356er in diesem Zustand heute hohe sechsstellige Beträge.


Aus gutem Grund. Erstens, weil der 356er ein faszinierendes und in seiner Schlichtheit wunderschönes Auto ist. Zweitens, weil er mit insgesamt knapp 78.000 Exemplaren in beinahe 20 Produktionsjahren ein extrem seltener Porsche ist.

Und drittens, weil er die Keimzelle von Marke und Mythos ist. Denn kaum war Porsche vor den Kriegswirren aus Stuttgart nach Gmünd in Kärnten geflüchtet, machte sich Ferry Porsche wieder Gedanken über den damals ultimativen Sportwagen.

Auf Basis des von seinem Vater Ferdinand konstruierten VW Käfer und dem Berlin-Rom-Rennwagen ersann er einen zweisitzigen Roadster, aus dem im Sommer 1947 ein offizielles Projekt mit dem bezeichnenden Kürzel 356.49.001 wurde. Am 8. Juni 1948 gab es die amtliche Betriebserlaubnis der Landesregierung Kärnten, ein paar Wochen später war Weltpremiere beim Grand Prix der Schweiz in Bern. Und spätestens beim Publikumsdebüt auf dem Genfer Salon 1949 war der Silberling bereits in aller Munde.

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Der Anfang für den kleinen Sportwagen war schwer. Die ersten 50 Exemplare baute Porsche mehr oder minder in Handarbeit in Gmünd. Doch 1950 zog er zurück nach Stuttgart, mietete sich beim Karosseriebauer Reutter ein und begann 1951 mit der Serienproduktion. Der Preis damals: stolze 10.200 Mark aufwärts.

500 Exemplare später wechselte Porsche vollends zurück ins Stammwerk nach Zuffenhausen und installierte dort die Bänder, von denen bis 1965 immerhin rund 78.000 Porsche 356 laufen sollten. Heute brauchen die Schwaben dafür mit ihren Sportwagen kaum mehr als ein gutes Jahr.

Doch damals war der 356er damit so etwas wie ein Bestseller und Dauerbrenner – wenngleich sich sein Erfolg vor allem auf den Export stützt. Aber das ist heute ja nicht viel anders.

Natürlich ist der 356er dem Elfer auf dem Papier in jeder Dimension unterlegen. Und wenn man vom einen Auto ins andere wechselt, dann kommt einem der Oldtimer doch nicht mehr ganz so sportlich vor. Aber dafür umso reizvoller. Und das geht offenbar nicht nur mir so. Nicht umsonst sind die alten Porsche mittlerweile deutlich teurer als die Neuwagen. Und das breite Grinsen gibt es gratis dazu.

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