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Warum Schulden gut für ein Unternehmen sein können

The Motley Fool-Logo The Motley Fool 05.09.2018 Christoph Gössel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
a man wearing glasses and looking at the camera © Provided by The Motley Fool

Als Privatperson fühlen wir uns meistens besser, wenn wir keine Schulden haben: Wir müssen nicht regelmäßig Geld an die Bank abdrücken und nicht fürchten, dass ein Jobverlust uns in die Zwangsversteigerung treibt.

Man könnte nun auf den Gedanken kommen, das Ganze auch auf das Investieren zu übertragen und nur die Aktien solcher Unternehmen kaufen, die praktisch keine Verschuldung aufweisen.

Bei Unternehmen sieht die Sache jedoch anders aus: Ein gesundes Maß an Verschuldung ermöglicht Wachstum und kann somit sehr gut für ein Unternehmen sein. Warum? Sehen wir es uns an!

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Der Leverage-Effekt

Leverage ist Englisch und bedeutet so viel wie Hebelung. Mit dem Leverage-Effekt ist gemeint, dass ein Unternehmen sein Geschäft durch die Aufnahme von Fremdkapital schnell vergrößern, also hebeln kann.

Das funktioniert wie folgt: Stellen wir uns ein Industrieunternehmen ohne Finanzschulden (also Bankkredite oder Anleihen) vor, das in einem Markt arbeitet, der noch lange nicht gesättigt ist. Das Unternehmen schreibt jedes Jahr Gewinne und kann mit diesen Gewinnen den Kauf weiterer Produktionsmaschinen finanzieren. So wächst das Unternehmen jedoch nur langsam in diesen riesigen Markt hinein.

Nimmt das Unternehmen nun aber einen Kredit auf, steht auf einmal ein Riesenhaufen Geld zur Verfügung, den man direkt für den Kauf weiterer Anlagen nutzen kann, wodurch sich wiederum mehr Umsätze erzielen lassen. Das Unternehmen kann also durch die Kreditaufnahme wesentlich schneller den Markt erobern.

Die Kennzahl, auf die es dabei ankommt

Schnelles Wachstum, höhere Produktion – all das klingt super, aber wir haben ja bereits angesprochen, dass Fremdkapital Zinsen kostet und für das Unternehmen mit einem Risiko verbunden ist. Wie finden wir nun heraus, ob sich die Fremdkapitalaufnahme trotz dieser Faktoren lohnt?

Es gibt eine Kennzahl, die uns hier weiterhelfen wird: Den ROCE (Return on Capital Employed/Verzinsung des eingesetzten Kapitals). Die Berechnung sieht wie folgt aus:

ROCE = 100 * EBIT(operativer Gewinn)/eingesetztes Kapital

Wir berechnen also in Prozent, welchen operativen Ertrag das Unternehmen aus seinem eingesetzten Kapital erwirtschaftet. Das eingesetzte Kapital wiederum besteht aus dem Kapital, das dem Unternehmen langfristig zur Verfügung steht (anders als zum Beispiel ein Lieferantenkredit). Konkret sind dies das Eigenkapital und die langfristigen Finanzschulden.

Liegt diese Kennzahl oberhalb des Zinssatzes für Fremdkapital, den das Unternehmen zahlen muss, dann kann sich eine weitere Kreditaufnahme lohnen: Das Unternehmen kann auf das neue Fremdkapital (das dann ja auch zum eingesetzten Kapital zählt) wahrscheinlich eine höhere Verzinsung erzielen, als es dafür an den Kreditgeber zahlen muss.

Liegt der ROCE unterhalb des gezahlten Zinssatzes, dann ist eine zusätzliche Fremdkapitalaufnahme aus finanzieller Sicht nicht lohnend: Das Unternehmen zahlt einen höheren Zinssatz, als es Profit aus dem frischen Geld schlagen kann.

Ein kurzes Beispiel

Die fiktive Zapdos AG weist folgende Zahlen in ihrem aktuellen Jahresabschluss aus:

  • Eigenkapital: 3 Mrd. Euro
  • langfristiges Fremdkapital (Finanzschulden): 4 Mrd. Euro
  • kurzfristiges Fremdkapital: 1 Mrd. Euro
  • operativer Gewinn: 640 Mio. Euro
  • Zinszahlungen: 120 Mio. Euro

Das Unternehmen hat also schon langfristige Kredite und die Eigenkapitalquote liegt momentan bei 37,5 %. Mancher Investor könnte an dieser Stelle überlegen, ob das nicht zu wenig ist. Rechnen wir einfach nach!

Mit der Formel für den ROCE erhalten wir eine Kapitalverzinsung von 8 Prozent. Den Zinssatz, den das Unternehmen aktuell für seine Finanzschulden zahlt, erhalten wir, indem wir die Zinszahlungen durch die Finanzschulden teilen und mit 100 multiplizieren. Es ergibt sich ein Zinssatz von 3 Prozent.

Zum aktuellen Zeitpunkt stellen die Schulden damit kein Problem für die Profitabilität des Unternehmens dar. Es erzielt aus dem langfristigen Kapital (und damit auch den langfristigen Schulden) einen höheren Profit, als es dafür an Zinsen zahlen muss. Solange der Zinssatz für neue Schulden immer noch bei 3 Prozent liegt, könnte das Unternehmen sogar noch weiteres Fremdkapital aufnehmen, ohne damit seine Profitabilität direkt zu gefährden.

Grenzen der Kennzahl

Die Spanne zwischen Zinssatz und ROCE sollte jedoch nicht bis zum Äußersten ausgereizt werden. Ich sehe gerne einen Abstand von einigen Prozentpunkten als Sicherheitspuffer. Ansonsten steigt das Risiko so sehr an, dass der ROCE in wirtschaftlichen Abwärtsphasen doch unter den Schuldenzins rutscht. Dann hat das Unternehmen eventuell ein Problem.

Zu vergessen sind außerdem nicht die Tilgungsleistungen, die vom Unternehmen erbracht werden müssen, aber aus bilanztechnischen Gründen nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung aufgeführt sind. Höhere Verschuldung bedeutet auch höhere Tilgungsleistungen. Diese können sogar dazu führen, dass das Unternehmen zwar laut GuV noch Gewinne schreibt, aber liquide Mittel verliert. Informationen über die Tilgungsleistungen von Unternehmen finden wir in der Cashflow-Rechnung.

Abschließende Worte

Ausreichend Eigenkapital zu haben, ist extrem wichtig für Unternehmen. Wie ich am Anfang bereits sagte, sind zu hohe Schulden ein großer Risikofaktor. Ein gesundes Maß an Verschuldung kann Unternehmen jedoch helfen, höhere Profite zu erzielen.

Kluge Investoren schauen daher nicht nur auf die Eigenkapitalquote, sondern auch auf die Kapitalverzinsung des Unternehmens. So können wir feststellen, ob ein eventuell niedriges Eigenkapital ein Problem darstellt oder nicht.

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