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ProSiebenSat.1-Vorstand: „Das Fernsehen ist nicht tot“

Wirtschaftswoche-Logo Wirtschaftswoche 20.07.2019 Steinkirchner, Peter
Netflix ist nicht alles: Max Conze glaubt an die Zukunft des Fernsehens. © dpa Netflix ist nicht alles: Max Conze glaubt an die Zukunft des Fernsehens.

ProSiebenSat.1-Vorstandschef Max Conze über den Konkurrenzkampf mit Netflix und Amazon, die Exportpläne für sein neues Streamingportal Joyn und Gemeinsamkeiten mit Alibaba.

Max Conze ist Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 SE.

WirtschaftsWoche: Herr Conze, seit Jahren sinken die absoluten Zuschauerzahlen der TV-Sender in Deutschland, Mediaplaner bemängeln eine „Verdurchschnittlichung“ im Programm der Privatsender, Netflix und Co gewinnen immer mehr Zuschauer – erleben wir gerade den Niedergang des Fernsehens?

Max Conze: Mal langsam – die Welt ist weniger schwarz-weiß, als viele sie malen, nach dem Motto „Fernsehen ist tot, Netflix ist alles“. Das stimmt so einfach nicht. Auch reine Streaming-Dienste werden ihren Höhepunkt im Hype-Cycle eines Tages überschritten haben. 

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Was macht Sie so sicher?

Wir begeistern Menschen nach wie vor mit unseren Inhalten. Gerade hatten wir mit unseren Sendern den besten Juni, das beste zweite Quartal und die besten sechs Monate der vergangenen vier Jahre. Wir gewinnen in einem sich verschärfenden Markt Zuschauer. Unser Ziel ist es nicht, gegen Netflix zu gewinnen oder die Plattform zu kopieren. Unser Ziel ist es, unsere Stärken endlich wieder voll auszuspielen. 

Welche sollten das sein?

Wir kombinieren die Stärken des linearen Fernsehens mit den Stärken nicht-linearer Streaming-Angebote. Zwei Modelle in einem sind stärker als eines je sein kann. Wir machen mit Herzblut Programm – ein Programm, das unsere Zuschauer überall und jederzeit anschauen können und das wir vorwiegend mit Werbung finanzieren. Denn der Werbemarkt in seiner Gesamtheit ist nach wie vor sehr gesund. Viele Leute in Deutschland sagen, das Fernsehen sei tot – das ist nicht richtig. Richtig ist, dass sich die Art ändert, wie wir fernsehen.

Was trägt denn Ihre neue Online-Plattform Joyn dazu bei?

Mit dem Aufbau neuer digitaler Verbreitungswege wie Joyn schaffen wir es, die sinkende Reichweite im klassischen Fernsehen nahezu auszugleichen. Das gelingt, weil wir die historische Stärke des Fernsehens – einfach und schnell unter einer Vielzahl von Live-Kanälen wählen zu können – in die digitale Welt übersetzen und mit zusätzlichen Angeboten anreichern.

Joyn, das Mitte Juni gestartet ist, war das größte Projekt, dass Sie sich für Ihr erstes Jahr als Vorstandschef von ProSiebenSat.1 vorgenommen hatten – mussten Sie dafür nicht bloß die vorhandenen Angebote 7TV, Maxdome und Eurosport Player miteinander verbinden?

Nein, da unterschätzen Sie vollkommen, wie viel Arbeit alle Beteiligten in dieses Projekt gesteckt haben. Als ich im Juni letzten Jahres kam, gab es Joyn noch nicht. Das Angebot haben wir vollkommen neu in weniger als einem Jahr aufgebaut. Das gilt auch für die komplette Technik dahinter. Schauen Sie mal in Europa, wie vielen Sendern und Unternehmen ein ähnlich ambitioniertes Angebot in einem so kurzen Zeitraum gelungen ist. Hier gibt es nichts Vergleichbares.

Wenn das so ist – warum verkaufen Sie die Joyn-Technik dann nicht weiter?

Wenn Joyn mit allen wichtigen Features und dem künftigen Premium-Angebot läuft, werden wir uns anschauen, wie wir das Modell in einen breiteren europäischen Kontext übertragen können.

Was heißt das konkret?

Dazu gibt es verschiedene Ideen: Wir könnten Lizenzen vergeben. Oder wir könnten gemeinsam mit Partnern nationale Versionen von Joyn in anderen Ländern starten. Das gilt auch für das Thema Werbetechnologie. Mit RTL bauen wir gerade das Joint Venture D-Force auf. Noch steht die Zustimmung des Kartellamts aus. Aber wir sind zuversichtlich. Wenn Thomas Rabe…

... der in Personalunion an der Spitze von Bertelsmann und RTL steht...

... genau, wenn wir beide also in einigen Monaten feststellen, dass D-Force so gut funktioniert, wie wir das glauben, könnte das ebenfalls exportierbar sein.

Um mit D-Force Werbekunden adressierbare TV-Spots zu verkaufen, riskieren Sie intern einen Kulturschock, schließlich verbünden Sie sich RTL, dem langjährigen Erzfeind...

Das hat sich definitiv verändert. Wer heute erfolgreich sein will, muss in Partnerschaften denken und smart mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Das können in Europa wenige so gut wie wir.

Mit „The Masked Singer“ haben Sie gerade bei ProSieben mal wieder einen Hit gelandet, Joyn ist gestartet und mit RTL und Facebook arbeiten Sie neu zusammen – trotzdem ist der Aktienkurs von ProSieben Sat.1 seit Ihrem Start hier um fast die Hälfte geschrumpft. Kapieren die Anleger Ihre Strategie nicht?

Aktienmärkte bilden viele Einflüsse in ihren Kursen ab. Nicht alle dieser Einflüsse sind rational. Der Mediensektor in Europa ist aktuell sehr niedrig bewertet. Einige Analysten und Investoren stellen in Frage, ob traditionelle Medienhäuser erfolgreich den Sprung ins Digitale schaffen können. Manche dieser Sorgen halte ich für übertrieben; einige traditionelle Medienunternehmen zum Beispiel in Schweden haben das schon unter Beweis gestellt. Auch wir werden beweisen, dass wir das können.

ProSiebenSat.1 in der Umbruchphase

Wie gut sind Medienunternehmen aktuell in den Zeiten des Umbaus überhaupt an der Börse aufgehoben? Macht es nicht Mathias Döpfner bei Springer genau richtig, sich mithilfe eines Investors von der Börse zu verabschieden?

Ein Kapitalmarkt, der auf quartalsweisen Berichtszyklen basiert, bringt nicht immer die nötige Geduld für komplexe Transformationsprozesse auf. Als Unternehmen müssen wir aber natürlich sehr entschieden in unsere Zukunft investieren. Ich denke, wir bei ProSiebenSat.1 haben inzwischen aber den Wendepunkt erreicht, das kann man auch an den gerade beschriebenen Fortschritten sehen, die wir in diesem Jahr bereits gemacht haben. Insofern bin ich zuversichtlich, dass der Kapitalmarkt die erfolgreiche Umsetzung unserer Strategie künftig wieder honorieren wird.

2019, so haben Sie das angekündigt, ist ProSieben Sat.1 praktisch Baustelle - wie lange soll der Zustand denn dauern?

Es stimmt, wir befinden uns aktuell in einer Umbauphase – aber wir kommen gut voran. ProSiebenSat.1 hat als deutsches Entertainment- und Commerce-Unternehmen seinen Platz unter den Top 3 der Medienkonzerne in Europa. Wir sind mit Joyn im Streamingmarkt weit vorne, wir bauen mit RTL eine führende Plattform für Werbetechnologie, und wir sind mit der NuCom Group im Commerce-Geschäft ausgezeichnet aufgestellt. Wir sind an vielen Stellen weiter als unsere Wettbewerber in Europa. Der Aktienmarkt beobachtet das mit großem Interesse.

Womöglich mit Interesse, aber offenbar mit wenig Zutrauen, wie der Aktienkurs zeigt. Einen Grund dafür liefern Ihre milliardenschweren Konkurrenten, die gerade noch zahlreicher nach Europa drängen. Im Herbst kommt etwa Disney mit seinem Streamingdienst, und auch Amazon startet mit IMDb TV einen eigenen werbefinanzierten Film- und Serienkanal – fühlen Sie sich da nicht manchmal sehr klein, Herr Conze?

Nein, wir fühlen uns im internationalen Vergleich nicht klein. Das Wichtige ist, dass wir in einer Welt mit Unternehmen, die über Finanz- und Tatkraft wie Amazon verfügen, unsere lokalen Stärken ausspielen. Darauf kommt es an, wenn wir hier Erfolg haben wollen.

Welche Rolle können aber dabei Ihr Dutzend Online-Firmen spielen, ein wildes Sammelsurium aus Partnervermittlung, Vergleichs- und Mietwagenportalen und Erotikversendern, die Sie in der Sparte NuCom führen? 

Unsere NuCom-Unternehmen sind in vier Geschäftsbereichen strukturiert, die alle einen sehr klaren Fokus haben. Deren Zusammenhang mit unseren Sendern ist für mich von Anfang an offensichtlich gewesen, weil ich China gut kenne und dort lange gelebt habe. Die Alibabas und Tencents dieser Welt sind Technologie-Ökosysteme, fokussiert auf einen Verbraucher, dem sie von Entertainment über Gaming bis Social alles anbieten. So lassen sich enorme Synergien heben. Für mich ist das eines der besten Geschäftsmodelle der Welt. 

Wollen Sie ProSieben Sat.1 jetzt ernsthaft mit Alibaba vergleichen?

Nein, wir spielen heute noch nicht in dieser Liga. Aber auch wir können Inhalte miteinander verbinden und so verstärken. Wir sind hier auf einem interessanten Weg. Ein Beispiel: Je mehr Joyn-Abonnenten wir haben, desto mehr wissen wir über ihre Bedürfnisse und Vorlieben. Gleichzeitig besitzen wir Angebote wie Parship oder Verivox. Wenn wir diese Modelle sinnvoll miteinander verbinden, können wir das Leben von Menschen auf eine Art und Weise bereichern, die Nutzen stiftet und wirtschaftlichen Mehrwert schafft.

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