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Vermächtnis-Studie: Wovor die Deutschen Angst haben

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 21.07.2019 Patrick Weber

Ängste vor drohenden Klimakatastrophen und negativen Folgen von Zuwanderung sind gestiegen. Insgesamt scheinen die Deutschen aber gelassener geworden zu sein.

Hitzewellen und Dürre – die Angst vor Klimakatastrophen kennt keine Generationenunterschiede. © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images Hitzewellen und Dürre – die Angst vor Klimakatastrophen kennt keine Generationenunterschiede.

Angst kann man vor fast allem haben. Vor dem Verlust des Jobs, der Wohnung, des Partners. Davor, Opfer von Gewalt zu werden, unter Naturkatastrophen oder einer Krankheit zu leiden. Etwas anderes ist es, wenn sich diese Angst verselbstständigt und zum Symbol einer Zeit wird. Schon vor einigen Jahren diagnostizierte der Soziologie Heinz Bude in diesem Sinne die "Gesellschaft der Angst". Anfang des Jahres sah die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum mit Blick auf die amerikanische Politik gar ein "Königreich der Angst" entstehen: Zorn, Neid, Ekel vergifteten den Diskurs. Angst vor Ausländern auf der einen Seite, Angst vor denen, die Angst vor Ausländern haben, auf der anderen.

In Europa erleben wir mit dem Eskalieren der Klimakrise derzeit eine neue Politisierung von Angst jenseits von rechts. Beim Vergleich der Ängste ist jedoch Vorsicht geboten. Zwar verkündete Greta Thunberg: "Ich will, dass ihr in Panik geratet." Doch sie hat die Wissenschaft und weite Teile der Bevölkerung auf ihrer Seite. Beide Szenarien sind also nicht zu vergleichen. Mit dem Vorwurf der Angstmache wird jedoch längst Politik gemacht. "Den Grünen ist das Geschäft mit der Angst am besten gelungen", kommentierte der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Burkard Dregger die Europawahl.

Doch viel weniger entscheidend als das, was man unter "Angst" zusammenfasst, ist das, was sie bewirkt. Es lohnt sich also, die Ängste der Menschen in Deutschland empirisch genauer anzuschauen. Und eben dies zu untersuchen: wie bestimmte Befürchtungen mit bestimmten Einstellungen und Verhaltensweisen zusammenhängen. Die Daten der Vermächtnis-Studie ermöglichen das. In den Jahren 2015 und 2018 wurden jeweils über 2.000 Personen zu ihrem Leben heute, zu ihren Wünschen und Erwartungen für die Zukunft befragt.

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Bei 16 Themen fragten wir, ob sie Angst machen oder nicht. Darunter: Kriegsgefahr, Terroranschläge, Kriminalität und Gewalt, aber auch Islamisierung und die Folgen von Zuwanderung. Weitere Themen waren Abstiegsängste, beispielsweise die Angst davor, arm, arbeitslos, krank oder allein zu sein, aber auch die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung oder der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben. Ein dritter Block deckte Finanz- und Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen, Internetüberwachung und Ausländerfeindlichkeit ab. Entscheidend für die Auswertung waren dabei nicht die genauen Prozentzahlen. Angst lässt sich nicht messen wie Gewicht und Körpergröße. Aber was wir doch finden können, ist unterschiedlich starke Zustimmung. Unterschiede zwischen 2015 und 2018. Und Verbindungen zwischen konkreten Ängsten, Angstkomplexe.

Schauen wir uns zunächst an, was sich in den letzten drei Jahren verändert hat. Das Ergebnis zeigt, dass die Menschen in Deutschland insgesamt etwas gelassener sind als 2015. Bei fast allen Themen fanden wir 2018 weniger Zustimmung. Zwei Ausnahmen sind hier jedoch hervorzuheben: Gegenüber 2015 stieg die Beunruhigung wegen drohender Klimakatastrophen um knapp fünf Prozentpunkte auf 64 Prozent. Die Angst vor negativen Folgen von Zuwanderung stieg in diesem Zeitraum um vier Prozentpunkte. 34 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Angst vor "Überfremdung durch zu viele zuziehende Ausländer" hätten.

Die statistische Analyse zeigt, dass diese beiden Ängste eng verbunden sind mit anderen von uns untersuchten Themen. So haben Befragte, die Angst vor Zuwanderung haben, auch mehr Angst vor Krieg, Terroranschlägen in Deutschland, Angst vor Islamisierung, Kriminalität und Gewalttätigkeit. Es ist der Komplex von Ängsten, den der amerikanische Medienpsychologe George Gerbner unter dem Begriff der "gemeinen Welt" zusammenfasste. Die Welt wird unter diesen Ängsten als bedrohlich empfunden, man selbst erfährt sich als machtlos, als Opfer der Umstände.

Entsprechend zeigen sich die Zusammenhänge in unseren Daten. Befragten, die größere Angst vor den Folgen von Migration, Terror und Gewalt haben, ist ein "Wirgefühl" wichtiger, also die Verbundenheit mit der eigenen sozialen Gruppe. Ebenso klassische Normen. Dies gilt vor allem für traditionelle Werte wie Familie, Heimat und geregelte Arbeitszeiten. Die Zukunft wird im Kontrast dazu pessimistischer gesehen, ein Werteverfall wird erwartet.

Abweichendes Verhalten, gesellschaftliche Veränderungen sowie Fremde werden von dieser Gruppe stärker abgelehnt. Sie hält Kontakt zu Menschen, die anders sind als sie selbst, für weniger wichtig. Dies gilt auch für sozial durchmischte Wohnviertel. Dieser Rückzug ins Bekannte dient dem eigenen Schutz und ist auf eine als existenzbedrohend wahrgenommene Situation zurückzuführen. Besonders Ältere und Personen mit niedriger Bildung äußerten diese Ängste.

Ganz anders sieht das Bild bei der Angst vor Klimakatastrophen aus. Diese kennt keine Generationenunterschiede. Auch der Einfluss der Bildung ist hier viel geringer. Die wahrgenommene Gefährdung durch den Klimawandel ist also keineswegs nur ein Phänomen der Jugend oder von Eliten, sondern der ganzen Gesellschaft. Und auch hier sehen wir, dass diese Ängste eng mit anderen zusammenhängen. Wer sich durch den Klimawandel gefährdet sieht, fürchtet sich auch eher vor Finanzkrisen, Ausländerfeindlichkeit, Massenarbeitslosigkeit und Onlineüberwachung.

Die Verbindung zu anderen Themen stellt sich grundsätzlich anders dar. Insbesondere die Angst vor den Folgen des Klimawandels scheint antreibend zu wirken, etwas verändern zu wollen. Das zeigt sich in größerer politischer Partizipation. In bewussterem Konsum von Nahrungsmitteln. Ebenso in größerer Kontaktfreudigkeit gegenüber Menschen, die anders sind als man selbst. Und das gilt nicht nur für die Aussagen über einen selbst. Auch der Wunsch, wie es gesellschaftlich insgesamt sein sollte, wird deutlicher formuliert. Mit Blick auf die Gesellschaft der Zukunft zeigt sich indes weder ein ausgeprägter Pessimismus noch ein außerordentlicher Optimismus. Klimakatastrophen in Deutschland werden zwar als Problem, aber (noch) nicht als existenzbedrohend erlebt.

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