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„So schaffen es 30 Prozent der Betriebe nicht mal mehr bis Dezember“

WELT-Logo WELT vor 2 Tagen Carsten Dierig
Die hohe Inflationsrate bringt Verbraucher und Betriebe gleichermaßen an ihre Grenzen. Volkswirte rechnen sogar mit zweistelligen Inflationsraten in den nächsten Monaten. Das lässt einige Bäcker und Landwirte jetzt erfinderisch werden. Quelle: WELT/ Nadine Jantz © WELT/ Nadine Jantz Die hohe Inflationsrate bringt Verbraucher und Betriebe gleichermaßen an ihre Grenzen. Volkswirte rechnen sogar mit zweistelligen Inflationsraten in den nächsten Monaten. Das lässt einige Bäcker und Landwirte jetzt erfinderisch werden. Quelle: WELT/ Nadine Jantz

Robert Habeck hat nicht reagiert. Zum Frühstück hatten Deutschlands Konditoren den grünen Bundeswirtschaftsminister kürzlich eingeladen. „Er könnte sich satt essen, während wir ihm erklären, dass Betriebsschließungen keine Betriebsferien sind“, steht in einem entsprechenden Facebook-Post des Deutschen Konditorenbundes (BIV), der als Reaktion auf Habecks unglückliche und viel kritisierte Aussagen zu Insolvenzen und einer drohenden Pleitewelle in Deutschland entstanden ist.

Aber die Chance bleibt bestehen für den Minister. „Das Angebot gilt weiterhin“, sagt BIV-Präsident Gerhard Schenk. „Wir wollen Herrn Habeck anhand eines praktischen Beispiels zeigen, was in den Betrieben aktuell passiert und wie ernst die Lage ist angesichts der stark gestiegenen Energiekosten.“

Die entsprechende Einordnung, die Habeck zu erwarten hat, liefert Schenk schon vorweg. „Die Lage ist dramatisch“, sagt der Verbandschef gegenüber WELT. „Viele Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand und wissen nicht mehr, wie sie die hohen Strom- und Gaspreise stemmen sollen.“

Die Branche brauche Hilfe – und zwar unbürokratisch und vor allem so schnell wie möglich. „Wenn jegliche Unterstützung ausbleibt, schaffen es 30 Prozent der Betriebe nicht mal mehr bis Dezember“, warnt Schenk. Und damit würden nicht einfach nur ein paar Geschäfte aus den deutschen Innenstädten verschwinden. „Hier steht die Zukunft der Kaffeehauskultur in Deutschland auf dem Spiel.“

Exemplarisch für die Sorgen und Nöte der Konditoreien hierzulande steht das Café Siefert in Michelstadt im Odenwald. Eigentümer Bernd Siefert ist der wohl am höchsten dekorierte deutsche Konditor der vergangenen Jahre: Weltkonditor des Jahres, Weltmeister der Konditoren, mehrfacher Deutscher Konditormeister und Gewinner von über 30 nationalen und internationalen Wettbewerben.

Nun aber bangt der 56-Jährige um seine Existenz. Monatlich 11.266,20 Euro soll das Café Siefert künftig für Strom bezahlen, steht in einem Schreiben des Versorgers EGT Energievertrieb. Bislang lag der Abschlag Siefert zufolge bei 2500 Euro pro Monat.

Vorbereiten auf die Durststrecke im Frühjahr

„Die neue Summe kann ich in keinster Weise aufbringen“, sagt der verzweifelte Handwerksmeister. Zumal der Gas-Aufschlag auch noch komme, darüber hinaus Rohstoffe wie Mehl, Sahne, Mandeln und Co. massiv teurer geworden seien und ab Oktober der Mindestlohn für die Servicekräfte auf zwölf Euro steige. „Vielleicht schaffen wir es noch irgendwie bis Weihnachten, aber dann ist Schluss.“

Denn genau jetzt ist die Zeit, in der Konditoren für das Frühjahr vorsorgen müssen. „Von Januar bis März gibt es so gut wie kein Geschäft, also müssen wir im Herbst und mit dem Weihnachtsgeschäft so viel verdienen, dass wir die Saure-Gurken-Zeit im Frühjahr überstehen“, erklärt Siefert, dessen Familie schon seit 1793 am Standort in der Braunstraße in der Michelstädter Innenstadt gastronomisch tätig ist.

Nun aber gingen die nötigen Großaufträge reihenweise verloren, also Bestellungen von Unternehmen für zum Beispiel Pralinen, Stollen, Panettone, Bethmännchen oder Adventskalender für Mitarbeiter und Kunden.

„Aufgrund der Preisentwicklung kann ich keine verlässlichen Angebote machen, zudem sind vielen Unternehmen solche Geschenke schon jetzt zu teuer“, beschreibt Siefert. Aber auch im Café machen sich die Inflation bemerkbar. „Die Kunden bestellen ein Stück Kuchen mit zwei Gabeln oder teilen sich sogar eine Tasse Kaffee.“

Dabei verkauft Siefert Kuchen und Torten bislang noch weit unter dem eigentlich notwenigen Preis. „Wenn ich alle Kostensteigerungen weitergeben würde, müsste ich für ein Stück Kuchen sieben bis zehn Euro verlangen statt 3,50 Euro“, rechnet der Konditor im WELT-Gespräch vor.

„Das geht vielleicht in Paris auf den Champs-Élysées, aber nicht im Odenwald. Dann kommt bald gar keiner mehr zu uns ins Café.“ Er selbst habe aber auch nicht das Geld, um die Verluste auszugleichen. „Wir haben ja auch schon zwei Jahre Corona-Krise hinter uns, die uns bereits an den Rand des Zusammenbruchs geführt haben.“

Er besitze mittlerweile nicht mal mehr ein eigenes Auto. Aber eine mögliche Betriebsschließung treffe nicht nur ihn selbst und seine Familie, sondern weitere 21 Mitarbeiter und drei Auszubildende.

Und Siefert hat schon den Weltmeister-Bonus, der sich durchaus als Kundenmagnet erwiesen hat. Zumindest mussten einige Konkurrenten aus der Umgebung in den vergangenen Jahren schon aufgeben. In Summe gibt es im regional und mittelständisch geprägten Konditorenhandwerk in Deutschland aktuell noch knapp 3400 Fachbetriebe mit zusammen 67.800 Beschäftigten, wie die BIV-Statistik zeigt.

Protest aus der Backindustrie

Der Umsatz der Branche lag 2021 bei rund 1,7 Milliarden Euro. Verbandschef Schenk sieht vor allem die Kleinbetriebe darunter gefährdet. „Und Konditoreien, die jetzt aus diesem Markt ausscheiden, werden unwiederbringlich weg sein – mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Innenstädte, die dadurch weiter an Attraktivität verlieren“, sagt der Branchenexperte.

Den Unternehmern sei dabei kein Vorwurf zu machen. „Gewisse Preissteigerungen müssen Betriebe verkraften, das gehört zum Unternehmertum. Aktuell übersteigt die Teuerung aber alle Vorstellungen und Möglichkeiten.“

Protest kommt aber nicht nur von Handwerksmeistern, sondern auch aus der Backindustrie. Hans-Günter Trockels, Chef von Kuchenmeister aus dem westfälischen Soest, einem der größten Hersteller von Kuchen für die Eigenmarken des Handels, wendet sich in einem Offenen Brief an Wirtschaftsminister Habeck.

Darin beklagt der Unternehmer, dass Bäcker-Betriebe nicht als energieintensiv eingestuft werden – mit einer Ausnahme: der Herstellung von Dauerbackwaren, also etwa Kekse und Zwieback. „Der Ausschluss der Backwarenhersteller (ohne Dauerwaren) ist aus unserer Sicht falsch, da er weder physikalisch noch betriebswirtschaftlich zu belegen ist“, schreibt Trockels, der sich auch im Branchenverband BVE engagiert.

Sein 1884 gegründetes Unternehmen mit gut 1000 Mitarbeitern sieht er als ein typisches Beispiel: „Wir sind kein Einzelfall, sondern spiegeln die Probleme vieler Unternehmen aufgrund der explodierenden Energiekosten wider.“

Trockels beschwert sich in dem Brief, sein Unternehmen habe in mehreren Schreiben an das Ministerium den Energieverbrauch transparent gemacht, darauf aber keine Reaktion erhalten. Die Wirtschaft dürfe mit den steigenden Kosten aber nicht allein gelassen werden.

„Die prekäre Situation der gesamten deutschen Wirtschaft beruht nicht auf einem Fehlverhalten der verantwortlichen Führungskräfte, sondern ist ausschließlich auf Entscheidungen der verantwortlichen Politiker zurückzuführen.“

Habeck gehe jedoch davon aus, dass die Kosten auf die Verbraucher abgewälzt werden könnten. Das sei ein Irrweg, warnt Tröckel: „Diese Denkweise führt zu einem Rückgang des Konsums an Backwaren und bei vielen Verbrauchern zu einem Verzicht auf den Verzehr von Feinbackwaren.“

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