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10 Jahre Lehman-Pleite: Das große Vergessen – warum die nächste Finanzkrise noch schlimmer werden könnte

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 14.09.2018 Wiebe, Frank Maisch, Michael Dörner, Astrid
Mitarbeiter verlassen 2008 die US-Investmentbank. Der Startschuss für die Finanzkrise war gefallen. © Getty Images; Per-Anders Pettersson Mitarbeiter verlassen 2008 die US-Investmentbank. Der Startschuss für die Finanzkrise war gefallen.

Nach der Lehman-Pleite wurde das Schlimmste verhindert. Der nächste Crash droht jederzeit – und kaum jemand wird so viel Verantwortung übernehmen wie damals.

Entspannt sehen sie aus, die Helden von damals. Von den einst so tiefen Augenringen keine Spur mehr. Die Stimmung ist gelöst, als Henry Paulson, Ben Bernanke und Tim Geithner das ehrwürdige Pratt House an Manhattans Upper East Side betreten. Es ist das Hauptquartier des Council on Foreign Relations. Ein Think Tank, in dem bereits seit den 1920er-Jahren über Amerika und seinen Platz in der Welt nachgedacht wird.

Die drei sind gekommen, um über die Folgen der Finanzkrise zu sprechen. Und natürlich über den Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers, der sich am 15. September zum zehnten Mal jährt. Paulson war damals Finanzminister der USA, Bernanke Chef der US-Notenbank Federal Reserve und Geithner Leiter der für die Wall Street zuständigen regionalen Notenbank in New York.

Bernanke führt stolz seine Apple-Watch vor. Ex-Finanzminister Paulson hat auf die Krawatte verzichtet. Alles scheint an diesem Sommertag bereit, um eines großen Siegs zu gedenken. Des Siegs über die größte Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression in den 1930er-Jahren. Damals endete der Absturz in Krieg und in vielen Ländern auch in Diktatur. Vor zehn Jahren ging die Sache glimpflicher aus.

Und beim nächsten Mal? Kann so ein Crash wieder geschehen? Was könnte ihn auslösen? Und werden die Folgen verkraftbar sein wie nach der Lehman-Pleite? Oder werden sie die Welt in den Abgrund stoßen wie nach dem Schwarzen Freitag, dem New Yorker Börsencrash von 1929?

Risiken, so viel steht fest, gibt es aktuell eher noch mehr als damals. Der langjährige Bundesfinanzminister und heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble warnt: „Schauen Sie sich neue Technologien wie Blockchain und Kryptowährungen wie Bitcoin an. Da müssen sich die Notenbanken fragen, ob sie überhaupt noch die nötigen Instrumentarien zur Aufsicht und Kontrolle haben.“

Insgesamt sieben Krisenherde, an denen sich ein neuer Finanzcrash entzünden könnte, lassen sich aus heutiger Sicht identifizieren. Die Stabilität des Weltfinanzsystems wird durch die immer noch viel zu hohen Schuldenberge und die anhaltenden Niedrigzinsen bedroht, die rund um den Globus Spekulationsblasen aufblähen. Aber auch durch die Trends zu Schattenbanken und automatisierten Handelssystemen.

Wenn sich einer der Brandherde entzündet, erscheint es unwahrscheinlich, dass erneut eine so entschlossene Rettungsaktion wie im Fall Lehman gelingen würde – aus drei Gründen: Erstens will die Lehren von damals kaum noch ein wichtiger US-Politiker hören. Zweitens sind die Mittel zur Rettung gegenüber 2008 deutlich limitiert. Und drittens werden es sich die Nachfolger von Paulson, Bernanke und Geithner in künftigen Krisen mutmaßlich dreimal überlegen, ob sie sich mit einer Rettungsaktion die Finger schmutzig machen.

Paulson, Bernanke und Geithner verschafften damals gegen große politische Widerstände Banken mit Steuergeld frisches Kapital und stoppten so die Panik an den Märkten. Sie retteten den Versicherer AIG, der durch riskante Geschäfte zur Bedrohung für das gesamte Finanzsystem geworden war. Sie nahmen der Wall Street Milliardenrisiken aus faulen Immobilienkrediten ab.

133 Milliarden Pfund für britische Banken

Den Amerikanern gelang es sogar, aus der Bankenrettung einen kleinen Profit für den Steuerzahler zu schlagen. Der amerikanische Staat ließ sich für seine Kapitalspritzen mit Anteilen an den geretteten Banken entlohnen, die er nach der Krise mit Aufschlag wieder verkaufen konnte. Die Schätzungen für diesen Krisengewinn liegen zwischen einstelligen und niedrigen zweistelligen Milliardenbeträgen.

Auch wenn sich die Zahlen nicht vergleichen lassen: In Deutschland haben die Retter längst nicht so gut gewirtschaftet. Bis 2017 belaufen sich die Gesamtkosten der Bankenrettung laut Aussage der Bundesregierung auf 59 Milliarden Euro für Hilfskredite, Eigenkapitalinjektionen und Staatsbürgschaften. Weitere Steigerung nicht ausgeschlossen.

In Großbritannien, neben den USA der zweite Hotspot der Bankenkrise, steht unter dem Strich ebenfalls ein Verlust. Insgesamt hat die britische Regierung in der Finanzkrise 133 Milliarden Pfund in britische Banken gepumpt und zusätzlich eine Billion Pfund an Garantien und Versicherungen bereitgestellt.

Das Finanzministerium schätzt, dass die Finanzkrise den britischen Steuerzahler am Ende zwei Milliarden Pfund kosten wird. Der Verlust könnte jedoch deutlich höher ausfallen, wenn die Regierung ihren verbliebenen Anteil an der Royal Bank of Scotland nur zu einem schlechten Preis verkaufen kann.

Was in all diesen Kostenrechnungen nicht enthalten ist, sind die Steuerausfälle durch den globalen Konjunktureinbruch, der auf den Lehman-Crash folgte.

Bernanke, Paulson und Geithner haben den Kampf gegen das Chaos gewonnen. Viel Ruhm haben sie dafür nicht geerntet. Zwar bescheinigte ihnen Star-Investor Warren Buffett, mit der schnellen Rekapitalisierung der Banken, „das Richtige getan“ zu haben. Doch weltweit überwiegt der Eindruck, dass da die Zocker von der Wall Street auf Kosten der Bürger rausgepaukt wurden.

Um zu verhindern, dass Ähnliches noch einmal passiert, wurden von der US-Politik sogar die rechtlichen Mittel der Fed beschnitten, in künftigen Krisen als Retter einzuschreiten. „Es gibt jetzt weniger Eingriffsmöglichkeiten als vor der Krise“, sagt Geithner, der in Workshops an der Universität Yale Notenbanker für kommende Krisen trainiert. In der nächsten Krise kann die Fed kein einzelnes Geldhaus mehr retten, wie etwa 2008 noch im Fall von AIG geschehen. Sie darf nach dem Willen der Gesetzgeber nur noch Finanzierungsangebote machen, die sich gleich auf eine Handvoll Institute beziehen.

Die Logik hinter dieser Regelung lautet: Wenn die Banker wissen, dass ihnen in der Krise niemand hilft, werden sie vorsichtiger vorgehen und mit ihren Geschäften gar nicht erst in Schieflage geraten. Bernanke hat das einmal mit der Logik verglichen, die Feuerwehr abzuschaffen, um die Welt gegen Brände zu schützen.

Dabei wissen wir heute: Die Welt stand 2008 noch näher am finanziellen Kurzschluss, als der breiten Öffentlichkeit bekannt war. Ein weltweit agierender Versicherer erwog zeitweise, massenhaft Gold zu kaufen und an einem geheimen Ort zu vergraben, um nicht ganz mittellos dazustehen, falls sich das Finanzsystem in Luft auflöst.

Zehn Jahre nach Lehman sind die Lehren von damals zumindest in der amerikanischen Politik weitgehend vergessen. Von der neuen Regierung unter US-Präsident Donald Trump fragt niemand mehr die drei Retter von damals um Rat. Im Gegenteil. Im Weißen Haus geht es wieder um die erneute Deregulierung der Finanzmärkte und um möglichst hohes Wachstum, koste es, was es wolle.

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Undank ist Draghis Lohn

„Was mich am meisten beunruhigt, ist die Rhetorik in Washington“, sagt Ex-Finanzminister Paulson und kritisiert damit seine eigene Partei, die Republikaner. „Viele leiden offenbar an Amnesie und können sich nicht mehr daran erinnern, was wir durchgemacht haben, warum es starke Aufseher braucht und warum Banken ordentliche Kapitalpuffer haben müssen.“ Dass er nicht gehört werde in Washington, sei „frustrierend“, räumt Paulson ein, der vor seiner Zeit als Finanzminister die Investmentbank Goldman Sachs geleitet hatte.

Ein Effekt, den auch Mario Draghi zu spüren bekam. In Europa folgte dem Lehman-Crash eine Schuldenkrise, die die Zahlungsfähigkeit von Staaten wie Griechenland, Irland oder Spanien akut bedrohte. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) konnte 2012 nur mit seinem Versprechen, „alles zu tun, was nötig ist“, die Euro-Zone zusammenhalten.

Die EZB machte seine Ankündigung wahr mit massiven Ankaufprogrammen für Anleihen, mit denen die Zinsen am Kapitalmarkt gedrückt werden sollten, um so die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen. Draghis EZB handelte, als keine andere politische Institution in der Währungsunion handlungsfähig war. Der Notenbanker ging ein hohes Risiko ein, um die Währungsunion zu retten – was ihm auch gelang.

Dankbarkeit erntet er dafür bis heute nicht. Deutsche Politiker werfen ihm wegen der anhaltenden Niedrigzinsen die kalte Enteignung der Sparer vor. Obwohl die bei einem Zusammenbruch der Währungsunion weit mehr verloren hätten. In Draghis Heimatland Italien wiederum nehmen ihm radikale Kräfte übel, dass er nicht bereit ist, pauschal für den Schuldenberg des Landes zu bürgen.

Dabei hatte Draghi immer betont, dass er mit seiner Geldpolitik zwar Zeit für Reformen erkaufen, sie aber nicht ersetzen kann.

Diesseits wie jenseits des Atlantiks bläst denjenigen, die damals beherzt eingegriffen haben, ein eisiger Wind ins Gesicht. Wer wird angesichts dessen in einer künftigen Krise noch bereit sein, zu handeln und dabei auch Fehler zu riskieren? Investor Buffett ist überzeugt, dass in einer Krise nur schnelles Handeln hilft, auch bei unvollständiger Informationslage: „Wenn man wartet, bis man alles weiß, ist es zu spät.“

Die Frage nach diesem Mut stellt sich nicht nur mit Blick auf Politiker und Notenbanker. Sondern auch wenn es um die Rettung angeschlagener Geldhäuser durch starke Konkurrenten geht. Jamie Dimon, Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase, hat auf die Frage, ob er solche Übernahmen noch einmal wagen würde, mit einem klaren Nein geantwortet. 

JP Morgan musste ebenso wie die Bank of America nach der Krise zweistellige Milliardensummen an Strafen zahlen – für Vergehen, die zu einem guten Teil mit der eiligen Übernahme angeschlagener Konkurrenten in der Finanzkrise ins Haus gekommen waren.

„Wir wissen nicht, wann die nächste Krise kommen wird und was sie auslöst“, sagt Ex-Finanzminister Paulson, aber er ist überzeugt, dass es eines Tages wieder so weit ist. Eine Nüchternheit, die gerade beim Blick auf die heutige Finanzwelt angebracht erscheint. Zwar werden Banken heute intensiver kontrolliert und sind besser mit Kapital ausgestattet als damals.

Die nächste Krise kommt bestimmt

Außerdem gibt es neue Mechanismen, angeschlagene Geldhäuser abzuwickeln, ohne dafür staatliches Geld einzusetzen. Aber Experten wie Neel Kashkari gehen davon aus, dass viele der neuen Sicherungen nur halten, solange es um isolierte Probleme einzelner Banken geht – aber nicht in einer Systemkrise.

Kashkari, auch ein ehemaliger Goldman-Sachs-Banker und heute Chef der regionalen Fed in Minneapolis, war in der Krise an den Rettungsmaßnahmen für die US-Banken beteiligt. „Wir haben zwar einiges verbessert“, sagt er. „Aber die Frage ist: Sind wir weit genug gegangen? Und ich würde sagen Nein.“

Die nächste Krise kommt bestimmt, nur wo genau das Epizentrum des Bebens dieses Mal liegen wird, kann keiner sagen. „Leider brechen Krisen meist an anderen Stellen aus als beim letzten Mal“, meint der Chef der deutschen Finanzaufsicht, Felix Hufeld. Er kann sich vorstellen, dass die nächste Krise ihren Ursprung in der Vermögensverwaltung hat, weil die Investoren immer neue Milliarden in diesen Bereich pumpen.

Ralph Hamers, der Chef der niederländischen Großbank ING, glaubt, dass die Schattenbanken zum nächsten Brandbeschleuniger werden könnten. Jene Finanzfirmen also, die riskante Geschäfte übernehmen, die die strenger regulierten Banken nicht mehr machen können.

Auch der zunehmende Protektionismus könnte eine neue Finanzkrise verstärken. „In Zeiten einer nationalisierten Wirtschaftspolitik ist die Welt viel anfälliger für Schocks“, warnt Christian Sewing, der neue Chef der Deutschen Bank. „Die Politik muss aufpassen, dass sie die Stabilität der Weltwirtschaft nicht nationalen Interessen opfert.“

Die Lehman-Krise hat tiefe Gräben in der Politik hinterlassen, die es schwer machen, in einer kommenden Krise vergleichbar entschlossen zu handeln wie damals. Sicher, die Aussicht auf staatliche Hilfe in Krisensituationen kann die Banken auch zu Leichtsinn verführen. Aber deswegen jede Maßnahme zur Bekämpfung von Krisen als Kungelei mit der Finanzbranche zu diffamieren ist gefährlich. Denn, wie Geithner sagt: „Kontrolle ist gut, aber man braucht auch eine Feuerwehr.“

Anschließend geht es für ihn und seine beiden Kollegen wieder hinaus aus dem geschützten Umfeld des Pratt House. Hinaus in eine raue amerikanische Wirklichkeit, in der kaum einer Geithner, Bernanke und Paulson als Helden sehen mag – geschweige denn auf sie hören will.

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