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Agrarökonom Matin Qaim über weltweite Weizenknappheit : „Putin will Staaten gefügig machen“

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 24.05.2022 Albrecht Meier

Der Agrarökonom Qaim über gezielte russische Weizenexporte, die Aussichten für die kommende Ernte in der Ukraine und die Folgen für Deutschlands Landwirtschaft.

Russlands Präsident Wladimir Putin (vorne Mitte) beim Russland-Afrika-Gipfel im Jahr 2019 in Sotschi. © Foto: picture alliance/dpa/POOL TASS Host Photo Agency Russlands Präsident Wladimir Putin (vorne Mitte) beim Russland-Afrika-Gipfel im Jahr 2019 in Sotschi.

Matin Qaim ist Professor für Agrarökonomie und Leiter des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Angesichts der Lieferengpässe bei den ukrainischen Weizenexporten seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges hält er Schätzungen für realistisch, dass die Zahl der Hungernden weltweit noch einmal um bis zu 100 Millionen Menschen zunehmen könnte.

Herr Qaim, das Kalkül des russischen Präsidenten Putin besteht offenbar darin, mit dem Krieg in der Ukraine auch Hungerkrisen und damit auch Fluchtbewegungen Richtung Europa auszulösen. Lässt sich beziffern, wie stark der Hunger weltweit seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar zugenommen hat?

Ich kann nicht beurteilen, ob Putin tatsächlich so kalkuliert. Es würde eine ganze Weile dauern, bis sich derartige Fluchtbewegungen in den betroffenen Regionen tatsächlich aufbauen. Aber in jedem Fall schafft Putin Abhängigkeiten in Ländern, die auf russische Getreideimporte angewiesen sind. Putin will die Staaten, die diese Importe brauchen, gefügig machen. Um die Frage nach der Dimension des neuen weltweiten Hungers zu beantworten: Es gibt leider keine Echtzeit-Daten über die Zahl der weltweit hungernden und unterernährten Menschen. Ich halte aber die Schätzung, dass durch den Krieg im schlimmsten Fall noch einmal 100 Millionen Menschen weltweit zusätzlich vom Hunger bedroht sein könnten, weiterhin für realistisch. Denn es wird zunächst bei den hohen Getreidepreisen bleiben.

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Wie stark wird die Getreideernte in der Ukraine in diesem Jahr voraussichtlich zurückgehen?

Schätzungen sind nur schwer möglich. Aufgrund der jüngsten Zahlen ist davon auszugehen, dass nur 70 Prozent des Ertrages vom Vorjahr erreicht werden. Es gibt zwar derzeit immer noch Menschen in der ukrainischen Landwirtschaft, die sich in diesen Wochen um Pflege, Düngung und Pflanzenschutz kümmern. Die entscheidende Frage ist aber: Kann im Juli und August termingerecht geerntet werden und können die geernteten Mengen in den Silos gelagert werden? Die Silos in der Ukraine sind immer noch relativ voll. Wenn die gelagerten Mengen nicht rausgehen und die neue Ernte nicht untergebracht werden kann, droht das Getreide im Sommer auf den Feldern zu verrotten.

Welche Regionen sind weltweit von der Hungerkrise am stärksten betroffen?

Getreide aus der Ukraine wird vor allem in den nordafrikanischen Raum, in den Nahen und Mittleren Osten sowie zum Teil nach Ostafrika exportiert. Zudem wird in Russland politisch reglementiert, wer mit Getreide beliefert wird und wer nicht. Weltweit gibt es über 50 Länder, die mindestens ein Drittel ihrer Getreideimporte entweder aus Russland oder der Ukraine beziehen.

Und verschärft wird die Lage dadurch, dass die indische Regierung ein Verbot für Weizenexporte verhängt hat.

Völlig überraschend kommt der Schritt nicht. Auch als die Getreidepreise in den Jahren 2007/2008 und 2010 in die Höhe geschossen sind, hat die indische Regierung ähnlich reagiert. Außerdem gibt es in Indien derzeit eine extreme Hitzewelle, die sich negativ auf die eigene Weizenernte auswirken wird. Wenn man bedenkt, dass in diesem Land mit einer Bevölkerung von mehr als einer Milliarde Menschen viele sehr arm sind, wird klar, warum jede indische Regierung günstigen Zugang zu Nahrung als wichtiges Ziel ansieht. Dennoch wäre es sinnvoller gewesen, den Export über höhere Ausfuhrabgaben zu drosseln, anstatt einen völligen Stopp zu verhängen. Das hätte einen sanfteren Effekt gehabt.

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Aber das indische Exportvolumen beim Getreide ist doch relativ gering.

Das ändert nichts daran, dass die Verhängung des Exportstopps internationale Panik erzeugt hat. An den Warenterminmärkten sind die Preise noch einmal in die Höhe geschnellt.  Indien ist der zweitgrößte Produzent von Weizen weltweit. Zudem hatten einige Länder, die aktuell in Ostafrika von der Krise betroffen sind, begonnen, Getreide aus Indien zu importieren, welches dort in den Lagern liegt. Es gab durchaus die Hoffnung, dass Indien zumindest zum Teil die fehlenden Mengen aus der Ukraine würde ersetzen können.

 

Auch in Deutschland macht sich der Krieg in der Ukraine durch steigende Lebensmittelpreise bemerkbar. Sozialverbände fordern, bestimmte Lebensmittel wie Obst und Gemüse zeitweilig von der Mehrwertsteuer zu befreien. Ein sinnvoller Vorschlag?

Grundsätzlich halte ich es für besser, sozial Bedürftigen mit Einkommenstransfers statt mit Preissenkungen zu helfen. Preise sind ja auch immer ein Signal, dass bestimmte Güter knapp sind. Langfristig ist es aber durchaus gewünscht, dass die Menschen weniger Fleisch und mehr Obst und Gemüse essen. Und da kann man über Preise wiederum durchaus Anreize schaffen. Grundsätzlich finde ich also die Überlegung, für Obst und Gemüse die Mehrwertsteuer zu reduzieren, gar nicht verkehrt. Aber eben nicht für Fleisch.

Die Landwirte in Deutschland hätten es wegen der neuen Weizenknappheit gern gesehen, wenn in diesem Jahr der Anbau von Getreide als Nahrungsmittel auf den so genannten ökologischen Vorrangflächen möglich gewesen wäre. Haben die Bauernvertreter Recht?

Nein. Die Potenziale, die man auf diesen Flächen kurzfristig mobilisieren könnte, sind relativ klein. Die ökologischen Vorrangflächen spielen für den Erhalt der Biodiversität eine entscheidende Rolle. Es wäre aber überlegenswert, die geplante EU-Regelung, der zufolge die Stilllegungsflächen ab 2023 auf vier Prozent hochgeschraubt werden sollen, noch einmal auszusetzen. Das würde nicht bedeuten, existierende Stilllegungsflächen zurückzubauen, sondern die geplante EU-Regelung zur Ausweitung ein oder zwei Jahre später greifen zu lassen.

Würde eine derartige Verschiebung entscheidend ins Gewicht fallen?

Nur sehr begrenzt. Für viel entscheidender halte ich es, an der „Farm to Fork“-Strategie der EU noch etwas zu ändern. Ein Ziel dieser Strategie ist, den Biolandbau bis 2030 EU-weit auf 25 Prozent hochzufahren. Das halte ich für falsch. Ja, wir müssen ökologischer und klimafreundlicher werden. Im Verständnis vieler Politiker verbindet sich damit aber automatisch das Ziel von immer mehr Biolandbau, und das ist ein Trugschluss. Der Biolandbau ist nicht automatisch klimafreundlicher. Bei Getreide werden im Biolandbau bei uns nur die Hälfte der Erträge erzielt.

Es geht um viele Millionen Tonnen Getreide, die hier fehlen würden und importiert werden müssten. Mehr Biolandbau bei uns führt zu weiteren Preissteigerung auf den weltweiten Getreidemärkten und zur Flächenausdehnung anderswo. Uns kann doch nicht egal sein, was angesichts der Knappheit auf globaler Ebene passiert.

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