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Billigairline: Der Tarifkonflikt eskaliert – Ryanair droht seinen Mitarbeitern mit Entlassungen

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 12.09.2018 Koenen, Jens Leitel, Kerstin
Ein Drittel der Ryanair-Flüge fällt aus. © dpa Ein Drittel der Ryanair-Flüge fällt aus.

Der Streik der deutschen Piloten trifft Ryanair härter als gedacht. Ein Drittel der Flüge fällt aus – und eine schnelle Einigung ist nicht in Sicht.

Der Ton wird schärfer. Es werde für Ryanair sehr schwierig werden, am Mittwoch auch nur einen Jet aus Deutschland herauszubewegen, machte Markus Wahl, Vizepräsident der deutschen Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit (VC), am Dienstagmorgen Druck. Die Antwort aus der Airline-Zentrale in Dublin ließ nicht lange auf sich warten.

„Dieser Streik kann nur das Geschäft von Ryanair in Deutschland beschädigen und wird, sollte er fortgesetzt werden, zu einer Streichung von Basen und Jobs bei Piloten und Kabinenbesatzungen führen“, drohte Kenny Jacobs, Marketingchef der Airline, unverhohlen. Besonders kleinere Standorte, die im Winter Verluste schreiben würden, wären davon betroffen, so Jacobs weiter.

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Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen ruft die VC die deutschen Flugzeugführer der irischen Billigairline zu Arbeitsniederlegungen auf. Ryanair hat deswegen 150 von insgesamt 400 Flügen in Deutschland abgesagt und Fluggästen ein Umbuchen auf Flüge an anderen Tagen angeboten.

Viele Strecken werden von ausländischen Piloten geflogen, etwa Flugzeugführern aus Irland. Diese dürfen nicht streiken. Doch ob das reicht, um größere Verwerfungen zu verhindern, wird sich zeigen.

In jedem Fall dürften die Auswirkungen gravierender als beim ersten größeren Streik Anfang August sein. Schließlich hat parallel zu VC auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das Kabinenpersonal in Deutschland zu Streiks aufgerufen. Man sei miteinander in Kontakt und stimme sich ab, so Wahl. Um exakt 3.01 Uhr am Mittwochmorgen (12. September) geht es los, Dauer: 24 Stunden. Damit könnten alle Verbindungen, die in dieser Zeit aus Deutschland abfliegen sollen, betroffen sein.

„Wir erwarten endlich Lösungen“, kritisierte Ingolf Schumacher, der Tarifexperte der VC. Seit Monaten fordere man Verbesserungen bei Vergütung und Arbeitsbedingungen. Aber in Bezug auf die bereits seit vergangenem Jahr unveränderten Forderungen habe die Geschäftsleitung von Ryanair nach wie vor kein verbessertes Angebot unterbreitet, heißt es aus Frankfurt.

Gewerkschaften drohen mit Großstreiks

Die erneute Zuspitzung im Tarifkonflikt zeigt: Eine Lösung ist noch lange nicht in Sicht. Die nach den ersten Einigungen mit den Piloten in Irland und Italien aufkeimende Hoffnung ist wieder dahin. Ryanair – bislang eine der wenigen Airlines in Europa ohne Gewerkschaften und Betriebsräte an Bord – wird den grundsätzlichen Streit doch nicht schnell beilegen können.

Schon drohen weitere Gewerkschaften aus dem europäischen Ausland – den Niederlanden, Spanien, Italien, Belgien und Portugal – damit, Ende September den „größten Streik seit Gründung des Unternehmens“ durchzuführen. Noch bis Donnerstag hat die Ryanair-Spitze hier Zeit, ein Angebot vorzulegen. Dann endet das Ultimatum.

Der Konflikt ist wohl schlicht viel zu komplex für eine schnelle Befriedung. Es gibt im Arbeitsrecht keinen europäischen Tarifvertrag. Tarifverträge können nur auf nationaler Ebene abgeschlossen werden. Hier gelten zum Teil sehr unterschiedliche rechtliche Regelungen.

Ryanair tut sich nach wie vor schwer damit, diese nationalen Vorgaben anzuerkennen, und würde am liebsten alle Tarifverträge nach dem eher lockeren irischen Recht formulieren. Erst Stück für Stück erklärt sich das Ryanair-Management dazu bereit, auf Basis nationaler Vorgaben zu verhandeln. So hat etwa Verdi vor Kurzem eine solche Zusage erhalten.

Dennoch bleiben die Tarifgespräche kompliziert, denn Ryanair muss mit zig verschiedenen Gewerkschaften verhandeln. In den für die Airline wichtigen Ländern Belgien, Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Portugal und Spanien sind es auf Pilotenseite acht Gewerkschaften und beim Kabinenpersonal sogar elf. In Deutschland spricht die Airline für die Flugbegleiter zum Beispiel mit Verdi und UFO.

Immer wieder werden bei den Gesprächen die Unterschiede zwischen dem Recht und dem Verständnis in Irland, der Heimat von Ryanair, und den nationalen Gepflogenheiten in anderen EU-Staaten deutlich. Das zeigt auch der jüngste Schriftverkehr zwischen der VC und dem Airline-Management.

Schon die Frage, ob ein Schlichter oder Mediator eingesetzt werden soll und welche rechtlichen Voraussetzungen dafür gelten, löste eine erbittert geführte Debatte aus. Die VC schlug demnach vor, einen Schlichter zu Hilfe zu holen, und führte aus, wer nach Einschätzung der deutschen Gewerkschaftsvertreter dafür geeignet wäre: die SPD-Größen Gerhard Schröder, Martin Schulz, Sigmar Gabriel, Wolfgang Clement sowie der frühere FDP- und spätere SPD-Mann Günter Verheugen.

Wenn Ryanair von seiner Forderung abrücke, dass die Kosten für Piloten nicht steigen dürfen, könnte eine Schlichtung helfen, argumentierte die VC. In Dublin wolle man davon aber nichts wissen: Die vorgeschlagenen Politiker hätten „keine Ahnung, wie eine Airline wie Ryanair mit einem Modell aus günstigen Tickets, starkem Wachstum und einer länderübergreifenden Präsenz“ funktioniere.

Statt einer Schlichtung solle doch lieber ein Mediator eingesetzt werden, schlug Ryanair vor und hatte auch gleich einen parat: den in Irland bekannten und renommierten Arbeitsrechtsexperten Kieran Mulvey, der auch bei dem Streit zwischen den irischen Piloten und Ryanair vermittelt hatte.

Dieser Vorschlag wurde jedoch am Dienstagabend von der VC per Mail abgelehnt. „Wir haben in unserem Schreiben vom 6. September 2018 erneut erklärt, warum uns eine Schlichtung als einzige Möglichkeit erscheint, um eine weitere Eskalation unseres Konflikts zu verhindern“, heißt es dort: „Wir haben darüber hinaus fünf konkrete Fragen gestellt und wollten, dass Sie diese beantworten.“ Doch das habe Ryanair „vollkommen ignoriert“, beklagt die VC.

Heftiger Streit über eine Schlichtung

Und noch etwas wird deutlich: Die einzelnen nationalen Gewerkschaften agieren mit zum Teil sehr unterschiedlichen Prioritäten. So weist die VC ausdrücklich darauf hin, dass die Abschlüsse in Irland und Italien keineswegs eine „Blaupause“ für die eigenen Verhandlungen seien. Nicht zuletzt das dürfte mit dazu beigetragen haben, Mulvey als Mediator abzulehnen.

Indirekt üben die VC-Vertreter sogar Kritik an den geplanten Tarifverträgen in Irland und Italien. So gebe es in Irland noch keine Vereinbarung über die Themen Vergütung und allgemeine Arbeitsbedingungen, in Italien wiederum seien strukturelle Fragen bei Arbeitszeit und Vergütung aus VC-Sicht nur unzureichend geregelt, heißt es bei der VC.

Spannend ist nun, wie gut es der Pilotengewerkschaft und Verdi am Mittwoch gelingen wird, die eigenen Mitglieder zu mobilisieren. Angesichts des öffentlichen Drucks aus Dublin, doch zur Arbeit zu erscheinen, sowie der Drohung von Stellenstreichungen in Deutschland ist schwer einzuschätzen, wie hoch die Streikbereitschaft des fliegenden Personals in Deutschland ist.

„Der eine oder andere Ryanair-Mitarbeiter könnte ins Grübeln kommen: Lieber einen schlechten Abschluss als einen guten, der zu viel Opfer fordert“, berichtet ein Flugbegleiter. Andererseits dürfte die Gelegenheit nie mehr so gut sein, Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen der irischen Billigairline durchzusetzen. „Das wissen viele unserer Kollegen sehr genau und sind kampfbereit“, heißt es im Umfeld von Ryanair-Piloten.

Das Ziel steht fest: Die VC und andere Gewerkschaften wollen nicht zuletzt dem sogenannten Contractor-Modell ein Ende bereiten. Dabei beschäftigt Ryanair Flugzeugführer über eine Art Ich-AG. Der Pilot vermarktet seine Arbeitskraft über Vermittler an die Airline, trägt aber sämtliche Risiken, etwa bei Krankheit oder auch schwacher Nachfrage.

In Deutschland sind nach Angaben der Airline von den rund 480 Ryanair-Piloten rund ein Drittel über diese Konstruktion beschäftigt. Sie sind nicht zur Arbeitsniederlegung aufgerufen, da sie nicht direkt bei Ryanair angestellt und somit nicht Teil des aktuellen Tarifstreits sind.

„Die Piloten von Ryanair wollen, dass die Airline mit ihnen als eine Gruppe agiert und europaweite Vereinbarungen erreicht, um eine Spaltung des Unternehmens zu vermeiden“, heißt es bei der britischen Gewerkschaft Balpa.

Die Chancen dazu stehen nicht schlecht. Am 20. September kommen die Investoren von Ryanair zu ihrer jährlichen Hauptversammlung zusammen. Dass sie sich kritiklos hinter das Management um CEO Michael O’Leary stellen, ist unwahrscheinlich. 

Denn der seit Monaten dauernde Tarifkampf zwischen Management und Mitarbeitern hinterlässt auch Spuren im Aktienkurs: Seit Jahresbeginn hat das Papier rund zwölf Prozent verloren und in den letzten zwölf Monaten über 26 Prozent.

Anfang August hatten Piloten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Schweden schon einmal gemeinsam die Arbeit niedergelegt. Die Airline hatte in der Folge rund 400 Verbindungen abgesagt, rund ein Sechstel des für diesen Tag geplanten Europa-Programms.

Betroffen waren rund 55.000 Passagiere. Ein Drittel der Flüge in Deutschland konnte damals stattfinden, weil Maschinen aus dem nicht bestreikten europäischen Ausland gekommen waren. Mit den irischen Piloten hat sich Ryanair seitdem einigen können: Nach mehrtägigen Verhandlungen und mithilfe eines Schlichters wurde in Dublin eine Einigung erzielt.

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