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Borussia Dortmund: Wenn Fußballfans zu Anlegern werden

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 23.10.2019 Ivanov, Angelika
60 Prozent der BVB-Aktien sind im Streubesitz. © Borussia Dortmund/Getty Images 60 Prozent der BVB-Aktien sind im Streubesitz.

Gewinnt der BVB ein Spiel, freuen sich die Fans. Einige doppelt, weil sie anschließend mehr Geld im Depot haben. Drei Fans berichten.

Anders als die Jungs aus seinem Dorf im Münsterland hatte David Hennekamp nie Interesse an Fußball. Und Philipp Haagen war eigentlich professioneller Jazzmusiker - bis er den BVB entdeckte. Moritz Kessler aus Hamm bei Dortmund aber war schon immer Fan. Was diese drei Männer verbindet: Sie alle besitzen Aktien des Dortmunder Bundesligaclubs. 

61.425.000 Millionen Aktien des SDax-Unternehmens gibt es. 40 Prozent davon gehören dem Verein und Großinvestoren wie dem Sportartikelhersteller Puma, dem Chemiekonzern Evonik und dem Versicherer Signal Iduna.

60 Prozent sind in Streubesitz. Laut dem britischen Analysehaus Edison liegen davon 40 Prozent breit verteilt bei Großanlegern wie Versicherern und Fonds. 

Die restlichen 20 Prozent des Clubs gehören Kleinaktionären wie Hennekamp, Haagen und Kessler Normalerweise bleiben sie unsichtbar, treffen sich vielleicht jährlich auf der Hauptversammlung. Sie sind Fußballfans und Anleger zugleich.

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Eigentlich ein Paradoxon: Während ein Fan, vom lateinischen Wort fanaticus, also göttlich inspiriert, abstammt und über jeden Zweifel erhaben an den Sieg „seiner Jungs“ glaubt, sollten Anleger nüchtern die Zahlen kennen und abwägen, sich nicht von Gefühlen leiten lassen.

Der Starinvestor Warren Buffet formulierte es einmal so: Erfolg an der Börse hat derjenige, der in der Lage ist, „Gefühle wie Angst und Gier zu kontrollieren, die andere Investoren in Schwierigkeiten bringen.“ So zogen die drei Fans und Anleger daraus denn auch höchst unterschiedliche Lehren und Konsequenzen.

Vom Musiker zum Trader

Wie anstrengend diese Doppelrolle sein kann, hat Haagen am eigenen Leib erfahren. 2012 investierte er einen sechsstelligen Betrag in den Verein, beschäftigte sich bis zu 15 Stunden am Tag mit den Daten von Borussia Dortmund und teilte sein erarbeitetes Wissen in seinem Blog bvbaktie.blogspot.com und Foren unter den Pseudonym Halbgott.

Wie andere Fans Tore und sportliche Ereignisse ihrer Mannschaft runterbeten können, erinnert sich Haagen an alle Schlüssel-Aktienkurse des Vereins seit dem Börsengang im Jahr 2000, als das Papier für 11 Euro auf den Markt kam. Ein Wert, der nie wieder erreicht wurde.

„Zusammen mit den Spielen war das ein ziemlicher Suchtfaktor“, sagt er. Irgendwann habe er das emotional kaum ausgehalten und aufgehört alle Spiele zu gucken. Danach konzentrierte er sich auf die Daten und Fakten, die Quoten der Buchmacher.

Dabei ist der 55-Jährige eigentlich nicht vom Fach. Er ist Musiker. Nach der Schule studierte er Jazzposaune und -Klavier, tourte danach über die Bühnen der Republik. Fußball, Bier trinken und im Stadion grölen – das war weit weg von seiner Welt.

Zum Anlegen kam er durch Zufall. Im Jahr 1999, kurz vor der Dotcom-Blase, als gefühlt die ganze Nation in Telekom-Aktien investiert hatte, erbte Haagen. Damals hatte er keine Ahnung von Aktien und steckte das Geld in einen Fonds.

Dieser entwickelte sich gut. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich das Vermögen verdoppelt. „Deutschland war 2000 im Aktienfieber. Ich wurde nervös und wollte auch mitmachen“, erzählt er. Also verkaufte er seinen „braven“ Fonds und reinvestierte das Geld im Alleingang, bis die Blase platzte und er die Gewinne des Fonds verspielt hatte

„Dann wollte ich mit der Börse pausieren, bis sich ein positiver Trend abzeichnen würde, um die entgangenen Gewinne zurückzuholen“, sagt er. Ein paar Aktien behielt er aber im Auge.

Als die BVB-Aktie 2009 im Kurstief 80 Cent kostete, wurde er aufmerksam. Er prüfte die Daten: Auf ihn wirkte das Unternehmen sehr solide. „Die Schulden lagen deutlich unter dem Wert des Stadions, dazu der Wert des Kaders und der Marke“, sagt er.

Die Bewertungen etwa von KPMG seien weit von der Börsenkapitalisierung entfernt gewesen. Beim Kurs von 1,80 Euro steckte er 2012 sein sechsstelliges Kapital komplett hinein. „Das ist natürlich hochspekulativ, aber ich war überzeugt, dass die Aktie stark unterbewertet ist.” 

Zwischenzeitlich war Haagen hauptberuflich Trader. Dank akribischer Recherche zu ausgewählten Unternehmen war er sehr erfolgreich. „Ich überlege, nun wieder zur Musik zurückzukehren“, sagt er. Von den BVB-Aktien hat er sich mittlerweile verabschiedet, beobachtet die Aktie und den Verein aber weiterhin – zumindest auf der Leinwand. 

Vom Anleger zum Fan

„Fußball ist die Torte, die Aktie die Kirsche“, sagt Anleger und BVB-Fan Hennekamp*. Erst mit 30 Jahren ist der heute 36-Jährige zum Fußball gekommen. Ihn hat es jahrelang nicht interessiert, über Punktestände und Spiele zu sprechen. 

Bis die Finanzkrise kam. Als 2008 die US-Investmentbank Lehmann Brothers pleite ging und die Weltwirtschaft Kopf stand, studierte er Politikwissenschaften in Duisburg. Er fragte sich, wie es sein kann, dass Finanzmärkte so eine Macht auf die Politik und Gesellschaft haben. 

Um es besser zu verstehen, eröffnete er ein Trading-Depot bei einem Onlinebroker. Zunächst handelte er kaum, las stattdessen Bücher über den Großinvestor und die „heimliche Weltmacht“ Blackrock, Wirtschaftsnachrichten, Analysen – auch zur BVB-Aktie.

Das Thema Finanzmarkt wurde für ihn immer interessanter. Hennekamp, der gern Karten spielt und Rätsel löst, reizte dann die Praxis. In der letzten Saison, als Jürgen Klopp noch Trainer des BVB war, beschloss er Aktien zu kaufen.

Im August 2014 erwarb er 100 BVB-Aktien, die damals bei pro Stück 4,78 Euro kosteten. Es war sein Testballon mit geringem Einsatz und wenig Risiko.

„Ich habe die Aktie zunächst mal beobachtet“, sagt er. Irgendwann fiel ihm ein Muster auf: Verliert Borussia Dortmund am Wochenende, gerät die Aktie montags unter Druck. Ein guter Zeitpunkt hinzuzukaufen.

„Meistens erholt sie sich zum Wochenende wieder“, sagt er. Wobei das Muster keineswegs allgemeingültig sei, fügt er hinzu. Mehr will er nicht verraten.

Der finanzielle Anreiz hat ihm den Sport nähergebracht. Regelmäßig schaut er die Spiele. Selten im Stadion, eher in einer Sportkneipe, wo er ungestört Bier trinken und rauchen kann. Unter der Woche, wenn die Börse geöffnet ist, schaut er dabei auch auf sein Depot.

In den BVB aus der Unterhaltungsindustrie habe ein Anleger besseren Einblick als etwa in eine Industriefirma, meint er. Und es sei auch viel nachhaltiger als etwa bei Sportwetten.

„Da ist dein Geld einfach weg. Bei mir kann höchstens der Wert sinken.“ Wie hoch sein Depot nach fünf Jahren Investment ist, verrät er nicht. Nur so viel: „Einmal im Jahr finanziere ich damit einen Urlaub.“ Aber entscheidend sei, dass die Aktie ihn viel über den Finanzmarkt gelehrt habe.

Vom Fan zum Anleger

Schon als kleiner Junge hat Kessler für den Dortmunder Fußballklub gefiebert. Genau wie sein Vater. Der hat ihn auch darauf gebracht, in den Verein zu investieren. Als die Aktie mit 80 Cent auf dem Tiefpunkt stand, hat sein Vater zugeschlagen.

Eigentlich unüblich: „Meine Eltern sind sehr sicherheitsorientiert“, sagt er. Seitdem verfolgt auch Sohn Moritz die Aktie, hat sich in Begriffe wie Dividende, Volatilität und Market Cap eingelesen. 

Aber erst drei Jahre später im Jahr 2012, als die Aktie bei 2,05 Euro stand, schlug Kessler zu und investierte 3500 Euro auf einen Schlag. Er war optimistisch, schließlich ist Borussia Dortmund der „beste Verein, den es gibt“.

An einem Wochenende kurz nach dem Kauf bekam er es dann schwarz auf gelb. Der 27-jährige Lehramtsstudent in Deutsch und Sozialwissenschaften hatte das ganze Wochenende gearbeitet: Freunden beim Renovieren geholfen, Nachhilfe gegeben.

Am Ende kamen dabei 80 Euro rum. Am Montag, nachdem seine Mannschaft gut gespielt hatte, waren 150 Euro mehr in seinem Depot als am Freitag. „Das war mehr als ich mit ehrlicher Arbeit verdient habe“, sagt er. Ein einschneidendes Erlebnis. 

Von da an war er überzeugt, dass sein Investment richtig war. Immer wenn er wusste, dass er bald Geld braucht und der Zeitpunkt günstig war, verkaufte er ein paar Wertpapiere und kaufte später wieder hinzu.

„Eigentlich habe ich mir während des Studiums alle Skiurlaube damit finanziert“, sagt er. Mittlerweile investiere er auch in andere Unternehmen und Indexfonds ETFs. „Der Aktienmarkt ist einfach zu schnelllebig“, sagt er. Und in seinem Referendariat fehlt ihm Zeit dafür. 

Und wenn ein Spiel ansteht, lässt er den Aktienmarkt links liegen. Dann ist er ganz Fan: „Ich denke immer: Borussia gewinnt!“, sagt er. Alles andere ist unsinnig, sagt er.

Auch wenn er damit allein nicht seine Altersvorsorge finanzieren will, ist es ein Langzeitinvestment: „Fußball ist schon eher ein Wachstumsmarkt.“ Die Aktie will er so lange halten, bis Borussia die Championsleague gewinnt - und noch „viel, viel länger“.

*Name auf Wunsch geändert. 

Mehr: Wenn Tore den Kurs bestimmen – Fußball-Aktien driften stark auseinander.

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