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Corona-Krise in Großbritannien: Weihnachten fällt für viele aus

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 21.11.2020 Bettina Schulz

In Großbritannien nimmt die Armut rasant zu. Die Rettungshilfen der Regierung kommen bei Bedürftigen kaum an, besonders die ärmsten Landstriche trifft die Pandemie.

Die © Dan Kitwood/​Getty Images Die

Zoe packt schon den ganzen Morgen Tüten voller Lebensmittel, die heute von der food bank im Londoner Stadtteil Chessington ausgegeben werden. Die junge Frau hilft seit Monaten als freiwillige Helferin in dem Bürgerzentrum. Nudeln, Dosen mit Thunfisch, Ravioli, Suppe mit Rindfleisch-Klößchen und Reis, selbst Toilettenpapier gibt die Tafel aus – alles, was von den Supermärkten und Sammelaktionen in der Bevölkerung geliefert wird. Grundnahrungsmittel brauchen die Leute, die hier anfragen, immer. Frisches Gemüse, Obst und Kuchen dürfen seit der Corona-Krise nicht mehr ausgegeben werden. Zahnpasta und Zahnbürsten sind Mangelware. 

Die britischen Tafeln helfen Menschen in existenzieller Not. Zu viele Personen fallen durch das Raster der Sozialhilfe, obwohl der britische Staat die Unterstützung während der Corona-Krise massiv ausgeweitet hat. Manche Menschen wissen nicht, wie sie die Hilfe beantragen sollen, oder sind nicht gemeldet oder sie haben schwarzgearbeitet. Dann gibt es nichts.

Gerade erhält eine Frau mit ihrer behinderten Mutter Lebensmittel. "Wir sind vor zwei Jahren aus Sri Lanka gekommen. Mein Mann hat als Fahrer gearbeitet. Es ging ganz gut", erzählt die Frau, während sie die Tüten inspiziert und die Dosen mit Fleisch wieder aussortiert. "Aber jetzt ist mein Mann krank", sagt sie. Es ist Erklärung genug. Ersparnisse gibt es nicht. So wird das Leben jeden Tag zum Kampf.

Zoe würde diesen Familien gerne helfen. Als das Café der Kirche noch offen hatte, klappte das auch. "Da konnten wir die Leute einladen, ihnen Ratschläge geben, wie sie Hilfe beantragen können. Aber jetzt ist das Café geschlossen." So gibt die Tafel in Chessington derzeit nur Lebensmittel aus, so wie 1.300 andere food banks des Trussel Trusts, der die Hilfe organisiert, auch. Fast zwei Millionen Notrationen teilt die Organisation im Jahr aus. Das sind 47 Prozent mehr als im Vorjahr. Kein Wunder, denn die Zahl der Leute, die Sozialhilfe beantragt haben, hat sich während der Corona-Krise verdoppelt.

Die Hälfte der Ärmsten ist verschuldet

Die Zahl der britischen Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent im dritten Quartal (1,62 Millionen Arbeitslose) zeigt nicht die wirkliche Armut im Land. Das statistische Amt (Office of National Statistics ONS) erfasst nur diejenigen, die sich als Arbeitssuchende gemeldet haben. Zudem zeigen die Statistiken nicht die in Großbritannien seit Jahren schleichende Armut durch die immer knappere Zuteilung der staatlichen Hilfe. Dies und die Inflation haben dazu geführt, dass die Einkommen der ärmeren Bevölkerungsschicht seit fünf Jahren stagnieren. Obwohl die Regierung während der Corona-Krise die Sozialhilfe kurzfristig aufgestockt hat, bekommen arbeitslose Haushalte weniger Unterstützung, als sie vor zehn Jahren erhalten hätten. Nach Angaben des Institute for Fiscal Studies beläuft sich die relative Armut daher seit Jahren auf 22 Prozent der Bevölkerung (in Deutschland in 2016: 16,5 Prozent).

Nach Angaben der Resolution Foundation hat sich die Hälfte der Leute in der ärmsten sozialen Schicht mittlerweile verschuldet, um die täglichen Ausgaben für Lebensmittel und Miete decken zu können. Viele können sich frische Lebensmittel nicht leisten. Die traurige Konsequenz von Covid: Selbst wenn der Lockdown aufgehoben wird, schaffen es viele Familien nicht zurück auf den Arbeitsmarkt, hat sich die Wirtschaft so umgestellt, dass Kuriere, Fahrer, Boten, Putzkolonnen von Büros, Mitarbeiter von Messen, Großveranstaltungen, Sicherheitspersonal und Taxifahrer keine Arbeit mehr finden. Der britische Schatzkanzler Rishi Sunak wird kommende Woche den neuen Haushalt vorstellen – in einer Zeit, in der das Vereinigte Königreich hoch verschuldet ist und die Steuereinnahmen ausbleiben. In diesem Jahr erwartet das Office for Budget Responsibility (OBR), dass sich die Rezession auf ein um 11 Prozent schwächeres Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorjahr belaufen wird und es Jahre dauern wird, bis die britische Wirtschaft wieder aufgeholt haben wird. Gleichzeitig versucht Johnson – trotz der finanziellen Belastung der Corona-Krise, die Ausgaben für Umweltprogramme und das Militär aufzustocken. Für sein während der Wahl versprochenes Ziel, mit dem sogenannten levelling-up die benachteiligten Regionen Englands durch zusätzliche Investitionen aufzuwerten, bleibt daher wenig Geld. Dabei wäre gerade da Hilfe angesagt.

Das Problem: Je ärmer die Landstriche, desto härter schlägt die Corona-Pandemie zu. Die Konsequenz ist, dass gerade diese Landstriche länger im Lockdown bleiben müssen. Wichtige Branchen wie das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie Sport- und Großveranstaltungen bleiben geschlossen, was zu noch mehr Arbeitslosigkeit und Armut führt. Es ist ein Teufelskreislauf.

Ein Beispiel ist die ärmliche Stadt Blackburn, im Norden von Manchester. Keine andere Stadt im Vereinigten Königreich wurde so hart von der Pandemie erwischt, obwohl die Region seit Juli wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen hatte. Der dortige Vorsitzende des Gesundheitssystems, Dominic Harrison, schimpft: "Wir brauchen keine unsinnigen Maßnahmen, die ohnehin kaum etwas bringen, die die Stadt bestrafen und das Grundproblem – die Armut – nur verschärfen." Der Unterschied in der Stadt ist nach seinen Aussagen eklatant mit extrem hohen Infektionsfällen in den ärmsten Stadtvierteln. Ganze Straßenzüge wurden von Covid-19 erfasst, meist große Haushalte, die auf beengtem Raum leben, oft ethnische Minderheiten, meist in Jobs mit ständigem Kontakt zur Bevölkerung beschäftigt, daher großer Infektionsgefahr ausgesetzt. Trotz sozialer Isolierung belaufen sich die Infektionen in Blackburn immer noch auf 577 Fälle je 100.000 Einwohner. Harrison fürchtet, dass die Stadt langfristig im Lockdown bleiben wird, selbst wenn Premierminister Boris Johnson kommende Woche für Dezember eine Lockerung der landesweiten Maßnahmen für Weihnachten verkünden will.

Kein Wunder daher, dass im Norden nach mehr Hilfe gerufen wird. Harrison kritisiert, die 500 Pfund Hilfe für Personen, die sich zu Hause wegen Corona selbst isolieren müssten, seien zu wenig. In Manchester hatte sich der dortige Bürgermeister Andy Burnham gar geweigert, den zweiten Lockdown auszurufen, bis er mehr wirtschaftliche Hilfe von der Londoner Regierung erhalten habe. Marcus Rashford, der junge Stürmer des Fußballclubs Manchester United, organisierte derweil eine Spenden- und Sammelaktion für Schulkinder, die in ihren verarmten Familien während der Schulferien nicht einmal warmes Essen auf dem Tisch haben. Johnson sah sich politisch genötigt, die Aktion – trotz anfänglichem Widerstand – zu unterstützen und 200 Millionen Pfund für die Notspeisungen der Kinder zu bewilligen, obwohl die lokalen Stadtbehörden bereits Gelder für soziale Hilfsaktionen erhalten hatten und die Sozialhilfe aufgestockt worden war.

"Wenn die Regierung kein neues Programm gegen Armut verkündet, wird es noch zu einem Aufstand kommen", warnte der ehemalige Premierminister Gordon Brown dieser Tage. "Ich habe das Land nie so polarisiert, so zerteilt, so auseinanderdividiert erlebt wie jetzt. Das nächste Jahr wird furchtbar und bitter". Die Ziele, die sich sein Vorgänger Tony Blair und Brown selbst während ihrer Regierungszeit gesetzt hatten, nämlich die Armut und vor allem die Kinderarmut bis zum Jahr 2020 auszumerzen, sind nicht erreicht worden. Heute leben 4,1 Millionen Kinder im Vereinigten Königreich in relativer Armut. Weihnachten, so warnte Brown, werde für viele Familien und Kinder schlicht nicht stattfinden.

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