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Coronakrise : Experten warnen vor wachsender Überschuldung von Verbrauchern

Handelsblatt-Logo Handelsblatt vor 3 Tagen Drost, Frank Matthias
In Krisenzeiten können viele Verbraucher ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. © dpa In Krisenzeiten können viele Verbraucher ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen.

Die Corona-Pandemie dürfte die Zahl der Privatinsolvenzen in die Höhe treiben. Wie viel bringen angedachte Hilfen wie der Zahlungsaufschub bei Verbraucherkrediten?

Die zunehmenden Probleme der Unternehmen in der Coronakrise bleiben nicht ohne Folgen für die Verbraucher: Pandemiebedingte Schließungen führen zu Verdienstausfällen. Und Arbeitslosigkeit kann angesichts bestehender finanzieller Verpflichtungen schnell zu Belastungen führen, die der Verbraucher nicht mehr schultern kann.

Das Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) warnt bereits vor wachsender Überschuldung. Und auch der Informationsdienstleister Crifbürgel sieht Probleme heraufziehen. Zwar seien die Privatinsolvenzen im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent zurückgegangen und somit zum neunten Mal in Folge gesunken – doch 2020 werde es zu einer Trendumkehr kommen.

„Das Coronavirus wird die Wirtschaft schwer belasten, wobei die Auswirkungen heute noch gar nicht abschätzbar sind. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass es in der Folge auch wieder mehr Privatinsolvenzen in Deutschland geben wird“, sagt Crifbürgel-Geschäftsführer Christian Bock.

Mit verschiedenen Maßnahmen will die Regierung zwar gegensteuern, doch noch ist nicht sicher, ob das Paket ausreichen wird. „Wir tun alles, um die wirtschaftliche Existenz der Menschen in der Coronakrise zu sichern“, erklärt die Ministerin für Verbraucherschutz und Justiz, Christine Lambrecht (SPD). Gesetzlich will sie sicherstellen, dass bei Verdienstausfällen niemandem die Wohnung gekündigt oder Strom, Wasser und Telekommunikation abgestellt werden darf. „Die Unternehmen müssen ihren Kunden nun deutlich mehr Zeit für die Zahlungen geben“, so Lambrecht.

Auch hat die Koalition Vorsorge dafür getroffen, dass die Rückzahlung von Darlehen oder die regelmäßigen Zins- und Tilgungszahlungen nicht zu übermäßigen Belastungen führen.

Konkret hat der Bundestag am Mittwoch beschlossen, dass bei vor dem 15. März 2020 abgeschlossenen Verbraucherdarlehensverträgen Zins- und Tilgungsleistungen für den Zeitraum vom 1. April 2020 bis 30. Juni 2020 ausgesetzt werden können. Voraussetzung dafür sei, dass der Verbraucher wegen der Coronakrise Einnahmeausfälle hat und ihm die Erbringung der geschuldeten Leistung nicht zumutbar ist. Das Gesetz bedarf noch der Zustimmung des Bundesrats und soll am 1. April 2020 in Kraft treten.

So lange wollen die Sparkassen nicht warten. Sie wollen bereits ab diesem Donnerstag derartige Aussetzungen von Zins- und Tilgungsleistungen bei Verbraucherkrediten ermöglichen. Das soll schnell und unbürokratisch online möglich sein, kündigte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband am Mittwochabend an.

Unbürokratische Hilfe hält Andrea Heyer, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen, in diesen Zeiten für wesentlich. „Denn es schadet nicht nur dem Einzelnen, sondern der ganzen Gesellschaft, wenn wir einen sprunghaften Anstieg von Überschuldung verzeichnen, in dessen Folge es zu vermehrten Verbraucherinsolvenzen kommt.“

Vorsorge für längere Pandemie

Das ist auch nicht im Interesse der Inkassodienstleister. Wer in diesen Tagen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann und ein Mahnschreiben durch ein Inkassounternehmen erhält, sollte besonnen reagieren, rät der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen. Verbraucher sollten unbedingt das Gespräch mit dem Inkassodienstleister suchen. „Oft ließen sich dann Lösungen vereinbaren, etwa Ratenzahlungen oder Stundungen“, so der Verband. Wer eine grundsätzliche Zahlungsbereitschaft vermittele, könne auf entsprechende Vereinbarungen hoffen.

Eindeutig ist die Sache bei Verbraucherkrediten geregelt. Das Bundesjustizministerium weist darauf hin, dass die Stundung bei Verbraucherkrediten gesetzlich angeordnet wird und damit unmittelbar gilt. Aber der Verbraucher sollte sich mit seiner Bank in Verbindung setzen, um die Einnahmeausfälle gegenüber der Bank nachzuweisen.

Auch sei der Verbraucher in der Pflicht, nachzuweisen, dass ohne die Stundung der fälligen Forderung ein angemessener Lebensunterhalt gefährdet wäre. Verzugszinsen werden auf jeden Fall nicht fällig. Durch die Stundung verlängert sich der Darlehensvertrag. Es ist also nicht so, dass nach der dreimonatigen Stundungsfrist die doppelte Zins- und Tilgungsleistung fällig wird. Eine Kündigung des Darlehensvertrags wegen Zahlungsverzugs ist wegen der Stundungsfrist ausgeschlossen.

Die Bundesregierung hat auch bereits für den Fall Vorsorge getroffen, dass die Pandemie länger als erwartet das wirtschaftliche Leben erheblich beeinträchtigt. In diesem Fall kann per Verordnung der Zeitraum der Stundung um weitere drei Monate verlängert werden. Was gut ist für Verbraucher, könnte für Banken ein Problem werden.

Schon befürchten die im Bankenfachverband zusammengeschlossenen Ratenkreditspezialisten Belastungen in Milliardenhöhe. Auch Kreditgeber sollten staatlich garantierte Liquiditätshilfen in dem Umfang in Anspruch nehmen können, wie sie ihren Kunden Finanzierungsverpflichtungen stunden, fordern sie.

Trotz der angelaufenen Hilfe für Verbraucher steht für das Hamburger IFF bereits jetzt fest: „Überschuldung wird eines der Hauptprobleme der nächsten Monate werden.“ Das schreibt das Institut in einem Positionspapier. Es sei absehbar, dass mehr Personen als in der Vergangenheit in eine Notlage kommen. Ziel sollte es sein, die Gewährung von Hilfen wie beispielsweise Steuerschulden zu streichen, direkte Zuschüsse auszubauen.

Und sie plädieren für Vertragsanpassungen. Denn Kredite werden von Personen in dem Vertrauen in Anspruch genommen, sie durch ihr Einkommen bedienen zu können. Wenn dieses ohne Verschulden der Betroffenen wegfällt, sollte man das berücksichtigen.

Der IFF-Überschuldungsreport zeige alljährlich, dass vor allem Arbeitslosigkeit und reduzierte Arbeit ursächlich für Überschuldung sei. Darin heißt es: „Besonders Menschen mit wenig Einkommen sind gefährdet, sich zu überschulden.“ Ihnen falle es besonders schwer, auf unerwartete Ereignisse wie Arbeitslosigkeit zu reagieren. „Auch die aktuelle Pandemie stellt ein solches unerwartetes Ereignis dar“, schreibt das IFF.

Mehr: Das übernimmt die Krankenkasse bei Corona.

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