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Coronavirus: Das Coronavirus lähmt die chinesische Wirtschaft

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 09.02.2020 Heide, Dana Hua, Sha
In Süden des Landes hat der Autohersteller die Zwangsferien für die Mitarbeiter verlängert. © ddp/Xinhua/Sipa USA In Süden des Landes hat der Autohersteller die Zwangsferien für die Mitarbeiter verlängert.

In China enden die Ferien, doch viele Unternehmen lassen die Fließbänder weiter stillstehen - aus Vorsicht, aber auch aus logistischen Nöten.

Die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein“, sagt Ian Lipkin. Der Virologe der Columbia University Mailman School of Public Health war bis vor wenigen Tagen als Pandemieberater vor Ort in China, nun sitzt er in 14-tägiger Quarantäne.

Am Montag kehrt ein großer Teil chinesischer Beschäftigter aus den Zwangsferien zurück, viele Werke nehmen wieder ihren Betrieb auf, menschlicher Kontakt ist dann unvermeidlich. Sollte die Zahl der Neuinfektionen nicht an- sondern absteigen, sei das Virus womöglich unter Kontrolle gebracht worden. „Aber sollten die Ansteckungen dramatisch zunehmen, dann muss die chinesische Regierung noch einmal die Betriebe schließen und die Quarantänemaßnahmen verschärfen“, meint Lipkin.

Die neuesten Zahlen vom Sonntag nannte er „traurig“. Denn die offizielle Zahl der Todesopfer durch das neue Coronavirus waren weltweit auf 813 gestiegen. Das ist damit mehr als die insgesamt 774, die das Schwere Akute Atemwegssyndrom (Sars) zwischen 2002 bis 2003 gefordert hatte. Neben den mehr als 37.000 bestätigten Infektionsfällen in China gibt es nun auch 14 in Deutschland.

Wie groß die Verunsicherung der Unternehmen ist, sieht man am Beispiel Volkswagen. Noch am Donnerstag hieß es, dass die 23 Werke am Montag den Betrieb aufnehmen würden. Am Samstag änderte der deutsche Autobauer seine Pläne: Während die meisten Fließbänder in den Fabriken im Norden Chinas, wo der Ausbruch bisher milde war, am Montag wieder anlaufen sollten, wurden die Zwangsferien im Süden und rund um die Metropole Schanghai – mit einer Ausnahme – noch einmal um eine weitere Woche verlängert.

Zum einen gebe es Störungen bei den Komponentenzulieferern, die von der Coronavirus-bedingten Pause betroffen seien. Zum anderen könnten viele Beschäftige, die während des chinesischen Neujahrsfests zu ihren Verwandten in andere Teile des Landes gefahren waren, nur eingeschränkt reisen und ihre Arbeitsorte deswegen nicht erreichen.

Home Office und Showrooms im Internet

Wer in den vergangenen Wochen in Hubei war, so sagte ein VW-Sprecher, der müsse sich 14 Tage selbst unter Quarantäne stellen. Neben Homeoffice für die Büroangestellten wurden nun auch die Marketing- und Verkaufsaktivitäten weitestgehend ins Internet verlegt: Kundengespräche per Chat, Showrooms auf der Webseite, Testautos werden direkt an die Tür gebracht.

Eine Herausforderung für die Unternehmen sind die unterschiedlichen Regeln in den Regionen. So war die verlängerte Auszeit landesweit nur bis 2. Februar vorgeschrieben, Schanghai jedoch verlängerte die Neujahrsferien bis zum 9. Februar.

So wollte Foxconn eigentlich seine Produktion im südchinesischen Shenzhen am Montag wieder aufnehmen. Der Auftragsfertiger von Apple, Amazon und Huawei wurde jedoch laut Nachrichtenagentur Bloomberg am Wochenende angewiesen, die Fabrik noch geschlossen zu halten.

Viele Unternehmen bleiben indes freiwillig noch länger zu. Autohersteller wie Toyota, Honda und BMW haben ihre Werksferien in China wegen des Coronavirus verlängern müssen. Die erweiterten Zwangsferien für die Autobauer, so schätzt die Ratingagentur S &P Global Ratings, könnten zu einem Produktionsausfall von 15 Prozent für den größten Automarkt der Welt führen.

Für Chinas Führung ist die Gesundheitskrise indes längst auch zu einer politischen geworden. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag starb der Arzt Li Wenliang am Coronavirus. Er hatte schon früh vor der neuartigen Lungenkrankheit gewarnt. Er war dafür aber von den Behörden als „Gerüchteverbreiter“ gebrandmarkt worden.

Nach seinem Tod brachen sich in Chinas sozialen Medien die Wut und Trauer vieler Bürger Bahn. Sie forderten mehr Redefreiheit und stellten die Glaubwürdigkeit der Behörden infrage. Die Krise, so schreibt der Chinaexperte Adam Ni von der Macquarie University in seinem Newsletter „China Neican“, zeige „Schlüsselschwächen des chinesischen politischen Systems wie fehlende Transparenz und Verantwortlichkeit“.

Die Offenheit der Kritik ist in China ungewöhnlich. Zwar wurden viele Posts und Hashtags auf der Messenger-App WeChat und Weibo, dem chinesischen Twitter, zensiert, doch viele individuelle Beiträge durften online bleiben. Auch wohl, um den Bürgern ein Ventil für ihre Frustration zu geben.

Noch am Freitag begann Peking, den Schaden zu begrenzen und entsandte eine Ermittlungskommission der Nationalen Aufsichtsbehörde in die zentralchinesische Metropole Wuhan, um „die Fragen des Volks“ zu den Vorfällen rund um Lis Tod zu untersuchen – „und um einen Sündenbock zu finden“, so Ni.

Während die Behörden der Provinz- und Stadtregierung zur Rechenschaft gezogen werden, versucht die Zentralregierung Li als Märtyrer und Held zu vereinnahmen. Hochrangige Politikvertreter bekunden ihr Beileid öffentlich.

Hu Xijin, der berühmte Chefredakteur der nationalistischen Zeitung „Global Times“, fordert von der Stadt Wuhan eine Entschuldigung an Li; während übers Wochenende ein weiterer Sicherheitsspezialist und Schützling des Staats- und Parteichefs Xi Jinping zum Krisenteam entsandt wurde, um bei der Koordination im Kampf gegen den Ausbruch vor Ort zu helfen.

Die Behörden informieren aktiv

Gleichzeitig bezeichnete Xi die Kampagne zur Eindämmung des Virus zum ersten Mal als „Volkskrieg“. Dieser Begriff wurde von Mao Zedong eingeführt, um die Mobilisierung der gesamten chinesische Bevölkerung für militärische Zwecke zu beschreiben. Bereits vergangene Woche hatte Peking mehrere Hundert Journalisten in die Quarantänezone entsandt, um die Narrative besser kontrollieren zu können. Ihre Anweisung: mehr positive und Mut machende Geschichten berichten.

Etwas Hoffnung gibt es tatsächlich. „Die Zusammenarbeit mit den Behörden läuft gut“, sagt Jens Hildebrandt von der Auslandshandelskammer in Peking. „Sie informieren aktiv, etwa über die Messenger-App WeChat, über die neuesten Regeln.“

Während die Zahl der bestätigten Infektionen auf dem vor Japan liegenden Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ am Sonntag auf 70 stieg, das damit zum größten Infektionszentrum außerhalb Chinas wurde, durften die unter Quarantäne stehenden Passagiere und Crewmitglieder des Kreuzfahrtschiffs „World Dream“ in Hongkong von Bord gehen. Alle Tests hatten sich als negativ herausgestellt.

Und der Virologe Lipkin meint, die Sterberate sei womöglich weitaus niedriger als die bisher bekannten rund zwei Prozent, da bisher nur Patienten mit Symptomen getestet wurden. „Es gibt vermutlich noch sehr viele Infizierte mit milden oder ungewöhnlichen Symptomen, die nie getestet wurden“, so Lipkin. Außerdem sei die zuletzt abfallende Zahl von Neuinfektionen „bedeutsam“.

Die Rückkehr des Frühlings könnte zudem bei der Eindämmung des Ausbruchs helfen. Am Sonntag sank die Zahl mit 2 656 zum ersten Mal seit dem 1. Februar unter 3000. Mit Sicherheit sagen, dass es sich um einen Wendepunkt handelt, das will und kann er aber nicht.

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