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Das 9,2-Billionen-Euro-Experiment

WELT-Logo WELT 27.03.2020 Anja Ettel
Mit einem milliardenschweren Rettungsschirm will der Bundestag die deutsche Wirtschaft in Zeiten des Coronavirus unterstützen. Dietmar Deffner spricht unter anderem über den Nutzen dieser Maßnahme mit Ifo-Präsident Clemens Fuest. Quelle: WELT/ Dietmar Deffner © WELT/ Dietmar Deffner Mit einem milliardenschweren Rettungsschirm will der Bundestag die deutsche Wirtschaft in Zeiten des Coronavirus unterstützen. Dietmar Deffner spricht unter anderem über den Nutzen dieser Maßnahme mit Ifo-Präsident Clemens Fuest. Quelle: WELT/ Dietmar Deffner

Deutschland hat bislang 1,35 Billionen Euro für Corona-Folgen lockergemacht. Weltweit stemmen sich Regierungen und Notenbanken mit gigantischen Summen gegen die Pandemie. Dieser Kraftakt ist beispiellos – und seine Wirkung ungewiss.

Der Bundestag hat Geschichte geschrieben: Noch nie zuvor haben die deutschen Parlamentarier in so kurzer Zeit so viel Geld freigegeben. Allein in der Sitzung am Mittwoch wurde zusätzlich zum Nachtragshaushalt in Höhe von 156 Milliarden Euro noch ein Wirtschaftsstabilisierungsfonds in Höhe von 600 Milliarden Euro bewilligt.

Rechnet man zusätzlich noch die bisherigen Corona-Hilfen hinzu, ergibt sich die stolze Summe von mindestens 1,2 Billionen Euro. Einen solchen Schutzschirm für die Wirtschaft hat die Bundesregierung noch nicht einmal in der Finanzkrise der Jahre 2008 und folgende aufgespannt. 

Sämtliche Maßnahmen summieren sich auf 1,35 Billionen Euro, was nicht weniger als 40 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung entspricht.

Die übrigen Euro-Nachbarn sind bisher deutlich zurückhaltender. Konjunkturmaßnahmen plus Bürgschaften summieren sich in Frankreich, Italien oder Spanien auf 15 bis 25 Prozent der Wirtschaftskraft.

Am ehesten sind die deutschen Hilfen noch vergleichbar mit jenen in den USA. Auch die amerikanischen Parlamentarier dürften in Kürze ihr Hilfspaket im erwarteten Umfang von zwei Billionen Dollar (1,9 Billionen Euro) schnüren.

A view of Frankfurt skyline from Osthafen area of the city, with the ECB European Central Bank building in the foreground. © Getty Images A view of Frankfurt skyline from Osthafen area of the city, with the ECB European Central Bank building in the foreground.

Um eine systemische Krise zu verhindern

„Die bisherigen Antworten der globalen Politik auf die sich rasch ausbreitende Coronavirus-Krise sind enorm, und sie sind beispiellos“, schreiben die Ökonomen der Deutschen Bank.

Tatsächlich nehmen sich die Zahlen weltweit beeindruckend aus. Die USA beispielsweise legen neben ihrem billionenschweren Konjunkturprogramm auch noch Bürgschaften im Volumen von ein bis zwei Billionen Dollar drauf.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Rechnet man die Hilfsmaßnahmen von 13 der wichtigsten Industrienationen zusammen, ergibt sich die unglaubliche Summe von umgerechnet insgesamt 2,4 Billionen Euro an Konjunkturprogrammen und von weiteren 4,3 Billionen Euro an Bürgschaften und Kreditzusagen.

Damit haben diese 13 Volkswirtschaften binnen weniger Wochen insgesamt 6,7 Billionen Euro an Finanzhilfen zugesagt. Das entspricht nicht weniger als 17 Prozent der Wirtschaftsleistung dieser Länder.

„Die Politik hat diesmal schnell reagiert, um eine systemische Krise zu verhindern“, urteilen die Ökonomen der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Die Zahlen sind umso beeindruckender, wenn man bedenkt, wie schwer sich die Nationen im Normalfall tun, um dringend benötigtes Geld etwa für den Klimaschutz, die Digitalisierung oder den Kampf gegen die wachsende Zahl an Antibiotikaresistenzen aufzubringen.

Zusagen der Europäischen Zentralbank

Doch die Maßnahmen der Regierungen sind noch längst nicht alles. Auch die Notenbanken rund um den Globus haben längst in den Krisenmodus umgeschaltet. Insgesamt 40 Zinssenkungen haben die Währungshüter weltweit in den vergangenen Wochen beschlossen.

Zusätzlich haben die Zentralbanken weitreichende Hilfszusagen gemacht, um die infolge der Krise ins Trudeln geratenen Finanzmärkte zu beruhigen. Am weitesten geht dabei die US-Notenbank Federal Reserve. Die Währungshüter um Zentralbankchef Jerome Powell haben die Leitzinsen in zwei außerplanmäßigen Notsitzungen um enorme 150 Basispunkte gesenkt.

Zusätzlich hat die Fed versprochen, die US-Wirtschaft und die Finanzmärkte mit so viel Geld zu unterstützen wie notwendig, um die Krise zu überstehen. Selbst Unternehmensanleihen und sogenannte Commercial Paper wollen die amerikanischen Währungshüter ab jetzt in ihre Bücher nehmen, um Unternehmen liquide zu halten.

Weitreichend sind auch die Zusagen der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Euro-Hüter hatten zunächst das laufende Anleihekaufprogramm um 120 Milliarden Euro aufgestockt und wenige Tage später noch einmal nachgelegt:

Papiere im Volumen von 750 Milliarden Euro will die EZB zusätzlich in ihre Bücher nehmen, um die Wirtschaft im Euro-Raum zu unterstützen. Das sogenannte Pandemic Emergency Purchase Programme, kurz PEPP, soll beim Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen für zusätzliche Flexibilität sorgen.

Die Notenbanken haben zudem untereinander sogenannte Swap-Linien aufgelegt, um unbegrenzt für Liquidität in verschiedenen Währungen zu sorgen. Dass es die Notenbanken ernst meinen, lässt sich bereits an den Bilanzsummen der Währungsinstitutionen ablesen.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Die Bilanzsumme der EZB hat in dieser Woche mit 4,9 Billionen Euro einen Rekord erreicht, weil sich private Geschäftsbanken mehr als 200 Milliarden Euro an frischer Liquidität bei den Geldhütern besorgt haben.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Auch die Bilanzsumme der Fed und die der Bank von Japan sind auf historische Marken geklettert. Addiert man die Liquiditätsspritzen der Notenbanken, dürfte in den kommenden Monaten eine Geldflut im Volumen von umgerechnet 2,5 Billionen Euro über die Finanzmärkte schwappen.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Zusammen mit Rettungsprogrammen und Bürgschaften dürften in den kommenden Monaten 9,2 Billionen Euro bewegt werden. Die gigantische Summe entspricht nicht weniger als 22,5 Prozent der Wirtschaftsleistung der Industriestaaten, ein wirtschaftliches Experiment mit ungewissem Ausgang.

Wie drastisch die Maßnahmen diesmal sind, macht der Vergleich mit der Finanzkrise der Jahre 2008/09 deutlich. Damals sprangen die Notenbanken rund um den Globus ebenfalls großzügig als Krisenhelfer ein und sagten Regierungen weitreichende Hilfen für in Not geratene Banken zu.

Belastungen in der deutschen Schuldenbilanz

Unterm Strich allerdings fielen die Mittel, die für jene Krise aufgerufen wurden, spürbar geringer aus, als das jetzt der Fall ist. Eines wurde aber schon damals deutlich: Ein Teil der Bürgschaften bleibt nicht virtuelle Zusage, sondern wird tatsächlich zu handfesten Kosten.

Einer Berechnung der Bundesregierung aus dem Jahr 2018 zufolge haben Garantien, Kredite und Kapitalspritzen an heimische Geldhäuser die öffentlichen Haushalte bis dahin etwa 59 Milliarden Euro gekostet. Die indirekten Kosten, insbesondere die Folgen der jahrelangen Null-Zins-Politik, sind in dieser Berechnung allerdings nicht berücksichtigt.

Die Rettungsprogramme zur Bekämpfung der Pandemie werden erhebliche Belastungen in der deutschen Schuldenbilanz nach sich ziehen. Die Experten der Commerzbank rechnen damit, dass die deutschen Staatsschulden um 400 Milliarden Euro ansteigen werden, also deutlich mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Die Ökonomen halten in den kommenden Wochen weitere Maßnahmen für möglich. Bei einem Rückgang der Infektionszahlen könnte zusätzlich zum Nachtragshaushalt auch schnell ein Konjunkturprogramm auf der Tagesordnung stehen:

„Die deutsche Schuldenquote könnte insgesamt ähnlich stark steigen wie im Umfeld der Finanzkrise, als sie zwischen 2007 und 2020 um mehr als 18 Prozentpunkte von 64 auf 82,4 Prozent zulegte“, so das Urteil der Commerzbank-Experten.

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