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Das Bundesfamilienministerium plant eine Strategie gegen Einsamkeit – das raten Experten

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 28.01.2022 Joana Lehner

In Deutschland fühlen sich Millionen Menschen einsam. Je nach Quelle geben bis zu 10 Prozent unter Erwachsenen in Deutschland an, „sehr häufig“ an Einsamkeit zu leiden, bis zu 15 Prozent „manchmal“. Seit Beginn der Corona-Pandemie gehen Forscher davon aus, dass die Zahl derer, die unter Einsamkeit leiden, noch deutlich stärker ansteigt – in allen Altersgruppen.

Dabei ist das Thema auch politisch brisant, denn Einsamkeit macht Menschen krank. Unter Einsamen steigt das Risiko für Depressionen, Suizid oder Herz-Kreislauferkrankungen, um nur einige Folgen zu nennen. Das kostet den Staat Tausende Euro pro Person.

In Großbritannien oder Japan hat man das Problem der Einsamkeit deshalb schon längst erkannt. Die Briten führten 2018 als erstes Land ein Einsamkeitsministerium ein, die Japaner folgten vergangenes Jahr. In Deutschland hingegen forderte Karl Lauterbach (SPD) schon Jahre vor seinem Amtsantritt als Gesundheitsminister einen Regierungsbeauftragen, der Einsamkeit nach britischem Vorbild bekämpfen solle. Bisher ohne Erfolg.

Doch nun will sich Familienministerium dem Thema annehmen: Ministerin Anne Spiegel (Grüne) plant eine Einsamkeitsstrategie für Deutschland. Dabei will sie vor allem mit den Trägern der gemeinnützigen Wohlfahrtspflege zusammenarbeiten, wie das Ministerium auf Anfragte von Business Insider mitteilte. Anfang Februar soll sich dazu erstmals ein eigenes Netzwerk von Experten vorstellen, das „Kompetenznetz Einsamkeit". Wir haben zwei der zukünftigen Mitglieder gefragt, worauf es bei der Einsamkeitsstrategie für Deutschland ankommt.

„Viele Angebote gegen Einsamkeit sind in Deutschland noch nicht bekannt genug“

Unternehmensberaterin Dagmar Hirche ist eine der Expertinnen, die das Ministerium für die erste Veranstaltung der Einsamkeitsstrategie angesprochen hat. Vor rund acht Jahren hat sie den Verein "Wege aus der Einsamkeit“ gegründet, um ältere Menschen mehr am Leben teilhaben zu lassen. Erst organisierte sie Ausflüge und Partys, inzwischen lädt sie zu „Versilberer-Runden“ ein. Zoom-Konferenzen, bei denen Hirche Senioren erklärt, wie sie mit Smartphones und Tablets umgehen, aber auch gemeinsam mit ihnen kocht, Sitztanz und -yoga übt oder Bingo spielt.

Mit den „Versilberer-Runden“ ist Hirche mittlerweile bundesweit berühmt geworden. Doch die Hamburgerin hält das für einen Einzelfall: „Viele Angebote gegen Einsamkeit sind in Deutschland noch nicht sichtbar und bekannt genug“, kritisiert sie im Gespräch mit Business Insider. Besonders ältere Menschen wüssten noch nicht mal in ihrer eigenen Stadt, wo sie sich gegen Einsamkeit hinwenden können, sagt sie. Aus Hirches Sicht fehle deshalb eine niedrigschwellige Online-Plattform, die älteren Menschen zeige, welche Angebote es in ihrer Umgebung gäbe.

In Deutschland mangelt es an Daten zur Einsamkeit

Geht es nach Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum, muss die Politik beim Thema Einsamkeit jedoch noch viel früher ansetzen. Auch Luhmann wurde vom Familienministerium für das „Kompetenznetz Einsamkeit“ angefragt. Dabei kritisierte die Psychologie-Professorin schon vergangenes Jahr in einer Stellungnahme im Bundestag, dass das Forschungsthema Einsamkeit vor der Covid-19-Pandemie noch nicht mal durch das Bildungsministerium gefördert wurde. Die Folge: Erkenntnisse zu den Ursachen und Folgen von Einsamkeit beruhten größtenteils auf Daten anderer Länder, die sich nur bedingt auf Deutschland übertragen ließen.

Und tatsächlich zeigt eine FDP-Anfrage aus dem Mai 2019 zur Bekämpfung von Einsamkeit: Bis zu diesem Zeitpunkt wusste die damalige Bundesregierung noch nicht mal, wie viel sie die Vereinsamung der Bevölkerung im Gesundheitsbereich kostet.

Luhmann empfiehlt deshalb im ersten Schritt einen Einsamkeits-Monitor, der mindestens jährlich Daten unter allen Menschen und betroffenen Risikogruppen erfasst. Dabei schlägt die Psychologie-Professorin vor, regionale Stichproben zu berücksichtigen, um Einsamkeit auch geographisch bekämpfen zu können. Zusätzlich könne das Amt eines Einsamkeitsbeauftragen politische Initiativen und Gesetzgebung auf ihre möglichen Auswirkungen auf Einsamkeit prüfen und verschiedene Ministerien vernetzen.

„Beim Kampf gegen Einsamkeit wurden Kinder und Jugendliche bislang vergessen“

Einen Einsamkeitsbeauftragten wiederum hält Diakonie-Präsident Ulrich Lilie für „Polit-Marketing“. Er hat schon mit der vorherigen Regierung beim Kampf gegen Einsamkeit zusammengearbeitet und soll auch diesmal wieder als Chef eine der größten Wohlfahrtsverbände das Familienministerium beraten.

Dabei kritisiert der Diakonie-Präsident, dass sich die bisherige Politik vor allem auf einsame Senioren konzentriert, hätte. „Beim Kampf gegen Einsamkeit wurden Kinder und Jugendliche bislang vergessen“, sagt Lilie Business Insider. Dabei seien es keineswegs immer nur die Alten, die sich einsam fühlten. „Auch in sehr beengten Familien können Kinder schnell einsam sein, deshalb müssen wir auch auf Fragen der sozialen Herkunft gucken“, sagt er. Kinder könnten dem wenig entgegensetzen.

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Geht es nach Lilie muss im Familienministerium bei der Einsamkeitsstrategie vor allem auf zwei Punkte geachtet werden: Zum einen brauche es „eine Kommunikationskampagne, die das Thema Einsamkeit in allen Altersgruppen enttabuisiert,“ sagt er. Zum anderen müssten bei einer wirksamen Strategie alle Arbeitsfelder eingebunden werden, die Berührungspunkte mit Einsamkeit hätten. Damit meint Lilie Studentenwerke, Stadtteilzentren, Kindergärten, Sportvereine, kulturelle Einrichtungen, aber auch Kneipen. „Dort muss individuell geguckt werden, wie man der Gruppe der Einsamen helfen kann “, sagt Lilie.

Bislang sind von Ministeriumsseite aber noch keine näheren Details zur Strategie bekannt. Auf Anfrage von Business Insider macht es jedoch eins klar: Erfahrungen anderer Länder wie etwa Großbritannien könnten höchstens Anregung für den Kampf gegen Einsamkeit sein, aber „keine Blaupausen“ für das Handeln in Deutschland. Denn das Thema müsste auf die jeweilige Situation im eigenen Land bezogen werden.

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