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Das deutsche Jobwunder hat jetzt ein Preisschild

WELT-Logo WELT 01.12.2020 Christine Haas
„Eine große Entlassungswelle hat es auch bis zum heutigen Tag nicht gegeben“, erklärt BA-Chef Scheele Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentral © picture alliance/dpa/dpa-Zentral „Eine große Entlassungswelle hat es auch bis zum heutigen Tag nicht gegeben“, erklärt BA-Chef Scheele Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Der erneute Lockdown trifft viele Branchen hart, doch insgesamt kommt der deutsche Arbeitsmarkt weiter gut durch die Corona-Krise. Gut 2,7 Millionen Menschen waren im November arbeitslos.

Das sind zwar noch immer deutlich mehr als vor einem Jahr (plus 519.000), doch die Zahl sank stärker als für die Jahreszeit üblich. Die Arbeitslosenquote ging um 0,1 Prozentpunkte zurück auf 5,9 Prozent. „Das ist für die Umstände erfreulich“, sagte Detlef Scheele, der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), bei der monatlichen Pressekonferenz der Behörde. Auch die Zahl der Kurzarbeiter ging kontinuierlich zurück, im September lag sie laut Hochrechnung bei 2,2 Millionen.

Mehr Kurzarbeit insbesondere in Hotelbetrieben

Im November ist die Zahl der Kurzarbeitsanzeigen infolge der Betriebsschließungen in einigen Branchen, etwa dem Gastgewerbe und dem Kulturbereich, zwar wieder deutlich angestiegen. Bis zum 25. November meldeten die Betriebe für 537.000 Beschäftigte Kurzarbeit an. Es zeigt sich aber immer erst mit Verzögerung, wie viele Arbeitnehmer dann tatsächlich weniger arbeiten; einige Betriebe zeigen die Kurzarbeit auch nur vorsorglich an.

Das Münchner Ifo-Institut hatte zuvor gemeldet, dass der Anteil der Firmen mit Kurzarbeit sich von rund 25 Prozent im Oktober auf 28 Prozent im November erhöht hat. Grundlage ist eine Umfrage unter 7000 Unternehmen. Insbesondere bei Hotelbetrieben stieg der Anteil deutlich, und zwar von fast 63 auf 91 Prozent.

Scheele geht aber nicht davon aus, dass „uns etwas völlig aus dem Ruder läuft“. Im Gegenteil: Die Zahlen werden weit hinter dem Rekordwert von fast sechs Millionen Kurzarbeitern zu Beginn der Pandemie zurückbleiben. „Eine große Entlassungswelle hat es auch bis zum heutigen Tag nicht gegeben“, sagte Scheele. „Ohne Kurzarbeit wäre das nicht möglich gewesen.“

Das betonte auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Trotz der massiven Erschütterung sei „das große Beben am deutschen Arbeitsmarkt ausgeblieben“ – und das wichtigste Instrument dabei sei die Kurzarbeit. „Massenarbeitslosigkeit wäre für unser Land viel teurer“, sagte Heil.

Trotz aller Härten gebe es Grund für „realistische Zuversicht“. Im Vergleich zu allen anderen Ländern schlage Deutschland sich sehr gut.

Deutschlands Arbeitslosenquote unterm EU-Schnitt

Die positive Einschätzung teilt auch Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Deutschland ist sehr glimpflich davongekommen. Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich erstaunlich robust gezeigt“, sagte der Ökonom. „Es hätte ja auch sein können, dass die Lage sich im November nochmal deutlich verschlechtert wegen des neuen Lockdowns. Aber da gibt es nur wenige Effekte.“

Schäfer verweist darauf, dass der starke Anstieg der Arbeitslosigkeit auf das Frühjahr beschränkt gewesen sei und dann schon wieder abebbte. Das sei in einigen anderen Ländern deutlich schlechter gelaufen.

Für den internationalen Vergleich werden häufig Daten des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) herangezogen. Die Kernziffer – die Erwerbslosenquote – unterscheidet sich dabei von den nationalen Arbeitslosenquoten. Für Deutschland lag sie im September bei 4,5 Prozent, in der Eurozone bei 8,3 Prozent.

Um einschätzen zu können, wie sich Deutschland in der Krise geschlagen hat, ist allerdings der Blick auf die Entwicklung seit der Zeit vor der Corona-Pandemie aussagekräftiger. Den Eurostat-Daten zufolge stieg die Erwerbslosenquote seit Februar um 0,9 Prozentpunkte, in der Eurozone nur geringfügig mehr (plus 1,0 Prozentpunkte).

Einzelne Staaten schnitten deutlich schlechter ab, zum Beispiel Spanien (plus 2,9 Prozentpunkte) und die Niederlande (plus 1,5 Prozentpunkte).

Allerdings gibt es in diesem Vergleich auch Länder, die eine bessere Entwicklung verzeichnen als die Bundesrepublik. Dazu zählt zum Beispiel Polen (plus 0,1 Prozentpunkte). Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA verweist darauf, dass die erste Welle der Pandemie in vielen osteuropäischen Staaten schwächer gewesen sei als in Deutschland.

Und er sagt: „Viele Staaten haben sich in der Corona-Krise die guten Erfahrungen der Bundesrepublik in der Finanzkrise 2008/2009 zum Vorbild genommen.“ War Deutschland damals noch das Paradebeispiel für den Einsatz der Kurzarbeit, nutzen es diesmal deutlich mehr Staaten in ähnlichem Umfang.

Sein Fazit: Deutschland kommt damit gut durch die Krise – andere Länder aber auch. Sehr viel Kurzarbeit habe es etwa in Frankreich gegeben. Hier stieg die Erwerbslosenquote laut Eurostat von Februar bis September um 0,2 Prozentpunkte.

Die Erwerbslosenquote gebe allerdings auch nicht das ganze Bild wider, so Weber: „In der Krise haben sich viele Menschen in Europa komplett vom Arbeitsmarkt zurückgezogen. Sie zählen dann weder als erwerbstätig noch als erwerbslos.“

Die Krisenkosten sind allerdings enorm. Die Ausgaben für die Kurzarbeit infolge der Corona-Pandemie sind inzwischen auf mehr als 20 Milliarden Euro gestiegen. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf Zahlungen an Arbeitnehmer, die wegen der Zwangspause Lohneinbußen hinnehmen mussten, berichtet die Agentur Reuters.

Rund 8,7 Milliarden Euro seien an Arbeitgeber als Erstattung für Sozialbeiträge geflossen. Die BA geht davon aus, dass sie Ende des Jahres ein Defizit von 27 Milliarden Euro haben wird. Rund 20 Milliarden werden aus der Rücklage finanziert, der Rest aus Bundesmitteln.

Wie sich der neuerliche Lockdown genau auswirkt, wird sich erst im nächsten Jahr in Zahlen zeigen. Der Arbeitslosigkeitszähltag fiel auf den 11. November.

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