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Das Palmöl-Dilemma

WELT-Logo WELT vor 6 Tagen Christina zu Nedden

Indonesien ist der weltgrößte Produzent von Palmöl. Trotzdem hat das Land einen Exportstopp verhängt, weil die Preise gestiegen sind – ausgerechnet mitten in einer globalen Speiseöl-Krise, die von Corona und Ukraine-Krieg verschärft wird. Die Folgen sind auch in Deutschland spürbar.

Monokultur, so weit das Auge reicht: eine Luftaufnahme von Palmöl-Plantagen in Indonesien Quelle: picture alliance/dpa/EPA/Bagus Indahono © picture alliance/dpa/EPA/Bagus Indahono Monokultur, so weit das Auge reicht: eine Luftaufnahme von Palmöl-Plantagen in Indonesien Quelle: picture alliance/dpa/EPA/Bagus Indahono

Seitdem die Pandemie internationale Lieferketten durcheinanderbringt, sind Proteste gegen steigende Lebensmittelpreise in vielen Ländern keine Seltenheit. Besonders hart treffen die Folgen derzeit das größte muslimische Land der Welt, Indonesien. Dort gehen bereits seit November regelmäßig Tausende Menschen auf die Straße, um sich über teures Speiseöl zu beschweren.

Der Druck wurde irgendwann so hoch, dass die Regierung in Jakarta einen Exportstopp für Palmöl ab Ende April beschloss, das von der Bevölkerung hauptsächlich zum Braten und Frittieren verwendet wird. Auf unbestimmte Zeit bleibt das Produkt nun im eigenen Land. Der Exportstopp werde dann aufgehoben, wenn die lokale Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln gedeckt sei, sagte Präsident Joko Widodo. Er nannte es „ironisch“, dass gerade sein Land Schwierigkeiten habe, an Speiseöl zu kommen.

Ironisch deshalb, weil Indonesien der weltweit größte Palmöl-Produzent ist, das Land deckt rund 60 Prozent des globalen Bedarfs. Der Exportstopp dürfte deshalb Folgen für die ganze Welt haben, wo die Pandemie ebenfalls spürbare Auswirkungen auf Produktion und Verfügbarkeit von Pflanzenölen hat. Verschlimmert wird die Lage dadurch, dass auch alternative Öle schwer zu bekommen sind. Dürren in Kanada und Argentinien sorgten etwa für schlechte Soja- und Rapsernten.

Und die Hoffnung, dass Russland und die Ukraine – die größten Sonnenblumenölproduzenten der Welt – einspringen könnten, wurde mit der russischen Invasion zunichtegemacht. Der zweitgrößte Palmöl-Produzent der Welt, Malaysia, kann dieses Vakuum nur teilweise füllen. Somit steigen die Preise aller Pflanzenöle, selbst in einem Produzentenland wie Indonesien. Der Exportstopp soll nun dafür sorgen, dass Palmöl für die eigene Bevölkerung wieder erschwinglich wird.

Auch die Bundesrepublik ist von dem Exportstopp betroffen. „Deutschland verbraucht jährlich knapp zwei Millionen Tonnen Palmöl und importiert dieses vor allem aus Indonesien“, sagt Matin Qaim gegenüber WELT. Er ist Professor für Agrarökonomie und Leiter des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Die Hälfte des Öls wird zu Biodiesel verarbeitet und Dieselkraftstoff beigemischt. Der Rest geht überwiegend in die Lebensmittelindustrie, als Bratfett oder als Zutat in Lebensmitteln wie Margarine, Eiscreme, Fertigpizzen und Tütensuppen.


Video: Indonesien stoppt Palmöl-Export - das sind die Folgen für Verbraucher (SAT.1)

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Palmöl in jedem zweiten Lebensmittel

Auch in Kosmetik und Haushaltsprodukten wie Kerzen ist oft Palmöl enthalten. „Etwa jedes zweite verarbeitete Lebensmittel im Supermarkt enthält Palmöl“, sagt Qaim. Pflanzliche Öle seien in den letzten Wochen in Deutschland bereits knapp und deshalb teuer geworden – dieser Trend werde sich nun weiter verschärfen.

Palmöl hat seit Jahren einen schlechten Ruf. Für den Anbau von Palmöl-Plantagen werden Regenwälder in großem Ausmaß abgeholzt und Ökosysteme zerstört. Dies hat verheerende Folgen für Klima und Artenvielfalt. Trotzdem stieg die Nachfrage zuletzt stark. 2020 und 2021 wurden laut Statista weltweit 73 Millionen Tonnen produziert. Ein Grund dafür ist, dass die Palme so ertragreich ist. Sie liefert auf wenig Raum mehr Pflanzenöl als etwa Soja, Raps oder Sonnenblumen.

„Wenn wir einfach auf andere Pflanzenöle umstellen würden, dann würde noch viel mehr zusätzliche Fläche benötigt und vermutlich mehr Wald abgeholzt werden“, so Qaim. Besser sei deshalb, insgesamt weniger Pflanzenöl zu konsumieren und etwa die Nutzung von Biodiesel einzuschränken.

Auch sei wichtig, dass für Palmöl-Plantagen keine neuen Regenwaldflächen gerodet, sondern gute Erträge auf vorhandenen Flächen erwirtschaftet werden. „Wenn in der Vergangenheit Palmöl-Preise stiegen, wurden mehr Wälder für neue Plantagen gerodet. Wir befürchten, dass dies nun wieder passieren wird“, sagt auch Arie Rompas von Greenpeace Indonesien auf Anfrage von WELT.

Der Kurs der indonesischen Regierung, die eigene Bevölkerung zu priorisieren und das Öl im Land zu behalten, wird vermutlich nicht lange anhalten. Zu sehr ist die Wirtschaft des Inselstaats auf den Export des Pflanzenöls angewiesen. Trotzdem hat der kurzfristige Lieferstopp weltweite Folgen, vor allem für die ärmsten Länder der Welt. Exportstopps halten die Preise im eigenen Land zwar niedrig, im Rest der Welt steigen sie dafür umso mehr – was vor allem Menschen in den untersten Einkommensschichten trifft.

Der indonesische Exportstopp ist kein Einzelfall. Er ist Teil eines größeren Trends von Protektionismus und Nationalismus, der durch die Engpässe seit Pandemiebeginn befeuert wurde. Laut der Weltbank hatten allein seit Beginn des Kriegs bis Ende März 35 Länder Lebensmittelexportverbote erlassen.

Immer mehr Länder, so auch China und die USA, möchten ökonomisch unabhängiger vom Rest der Welt werden. Der jahrzehntelange Globalisierungstrend entwickelt sich damit zurück, und die Ersten, die dies zu spüren bekommen, sind importabhängige, ärmere Länder und deren Bevölkerung.

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