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Deutsche warten zehn Wochen auf den Handwerker

DIE WELT-Logo DIE WELT 17.03.2018
A girl changes the drill bit on an electric drill as she sits next to an old ladder as she does work around her house. © Getty Images A girl changes the drill bit on an electric drill as she sits next to an old ladder as she does work around her house.

Handwerker fehlen in Deutschland noch mehr als Programmierer. Die Azubi-Zahlen zeigen, dass das Problem noch größer wird. Dabei existiert der wichtigste Grund für die Misere eigentlich nicht mehr.

Fünf Monate sind seit dem letzten Gespräch vergangen. "Sobald der Winter vorüber ist, komme ich bei Ihnen vorbei", hatte der Malermeister seinem Kunden Rüdiger Holz versprochen. Doch Holz hat wenig Hoffnung, dass der Handwerker auch tatsächlich kommt. Denn der hat ihn schon oft versetzt. Vor fast eineinhalb Jahren hatte Holz ihn zum ersten Mal kontaktiert, weil die Außenwände seines Hauses dringend gestrichen werden mussten.

Seitdem wird er vertröstet. Jetzt steht abermals der Frühling vor der Tür – und noch immer sieht es nicht danach aus, dass das Haus bald den neuen Anstrich bekommt. Den wahren Namen des Malers will Holz nicht nennen, weil er ihn nicht verärgern möchte. Seit Jahren gibt es viel zu viel Arbeit für viel zu wenige Handwerker. Da riskiert man besser nichts.

Arbeitgeber finden sogar schneller Krankenpfleger als Handwerker

Egal ob Maler, Bäcker oder Tischler: Der Fachkräftemangel ist groß wie nie. Das zeigt auch eine Analyse der Internetjobbörse Joblift, die die sogenannten Vakanzzeiten des Onlinestellenmarktes untersucht hat. Damit ist die Zeit gemeint, die verstreicht, bis eine ausgeschriebene Stelle erfolgreich besetzt wird. In den vergangenen 24 Monaten wurden in allen 130 Ausbildungsberufen der deutschen Handwerkskammer 1.649.656 neue Stellen online ausgeschrieben. Dabei betrug das Neue-Stellen-Wachstum in den vergangenen zwölf Monaten 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Was auffällt: Die Stellen im Handwerk wurden im Schnitt erst nach 40 Tagen erfolgreich besetzt und damit sieben Tage später, als es hierzulande branchenübergreifend üblich ist. Wie die Analyse zeigt, sind sogar in den Berufen, in denen typischerweise der Mangel am größten ist, die Vakanzzeiten kürzer. So werden etwa Stellen für Alten- und Krankenpfleger im Schnitt nach 35 Tagen neu besetzt. Genauso wie Jobs für Software-Entwickler und IT-Fachkräfte.

Fliesenleger und Friseure fehlen diesem Land also noch mehr als Programmierer. "40 Prozent der Handwerksbetriebe haben inzwischen Probleme, offene Stellen neu zu besetzen", bestätigt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), WELT AM SONNTAG.

Handwerker verdienen so viel wie Akademiker

Young woman wearing tool belt: Deutsche warten zehn Wochen auf den Handwerker © Getty Images Deutsche warten zehn Wochen auf den Handwerker

Ist das Problem jetzt schon groß, wird es in Zukunft wohl noch viel größer. Das zeigen die sogenannten Azubi-Charts, die einen deutlichen Rückgang der Auszubildendenzahlen in den vergangenen zehn Jahren aufweisen. Der ZDH-Präsident kennt diese Zahlen sehr gut. "Wie alle Branchen leiden wir unter der seit Jahren sinkenden Zahl von Schulabgängern", sagt er.

Es gebe aber noch ein weiteres Problem: "Der Anteil der jungen Menschen, die nach der Schule in ein Studium streben, ist deutlich höher als noch vor zehn Jahren." Die gute Nachricht aus Sicht der wartenden Kunden ist: Laut ZDH beginnen derzeit 13 Prozent und damit zunehmend mehr Abiturienten eine Handwerkerlehre. Was wohl auch daran liegt, dass das Einkommen allein immer weniger ein Grund dafür ist, ein Studium zu absolvieren. "Das Lebensarbeitseinkommen eines Handwerksmeisters liegt im Schnitt etwa gleichauf mit dem eines Bachelor-Absolventen und kann sogar darüber liegen", so Wollseifer. Zudem sei der Arbeitsplatz eines Meisters sicherer als es bei Akademikern der Fall ist.

Für Verbraucher wie Rüdiger Holz hat der derzeitige Mangel gleich zwei Folgen. Wenn die Nachfrage viel größer als das Angebot ist, können Friseur, Fliesenleger oder Maler deutlich mehr Lohn verlangen. Zudem müssen immer mehr Menschen oft und lange auf ihren Handwerker warten. "Die Auftragsvorlaufzeit, also die Zeit, die der Betrieb benötigt, um die bereits vorhandenen Aufträge abzuarbeiten, ist aufgrund der guten Konjunktur derzeit auf im Schnitt zehn Wochen gestiegen", sagt Handwerker-Präsident Wollseifer. Die boomende Auftragslage ist für die Kunden ärgerlich. Zumal der private Verbraucher sich meistens hinter den gewerblichen Auftraggebern anstellen muss. Aus besagten zehn Wochen werden dann schnell eineinhalb Jahre.

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