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Deutschlands Wasserwerke bereiten sich auf den Ernstfall vor

WELT-Logo WELT 26.03.2020 Maren Jensen
Wasserhahn in einem Wasserwerk. Bei der Wasserversorgung sollte es auch in der Krise keine Probleme geben, sofern sich die Verbraucher an einige Regeln halten Quelle: dpa/AFP/Archiv © dpa/AFP/Archiv Wasserhahn in einem Wasserwerk. Bei der Wasserversorgung sollte es auch in der Krise keine Probleme geben, sofern sich die Verbraucher an einige Regeln halten Quelle: dpa/AFP/Archiv

Verstopfte Pumpanlagen in Hessen, vermehrte Faserstoffe in den Kläranlagen deutscher Kommunen und Händewaschen bis zum Umfallen – in Deutschland macht sich das neuartige Coronavirus langsam auch in der Wasserversorgung bemerkbar. In den USA wurde schon kürzlich davor gewarnt, das Abwassersystem zu überlasten: So sollten zum Beispiel keine Feuchttücher in der Toilette hinuntergespült werden.

Und auch in Deutschland gibt es die Befürchtung, dass Verbraucher unbedacht Dinge, die dort nicht hingehören, in der Toilette entsorgen und damit das System zusätzlich beanspruchen könnten. Im hessischen Mörfelden-Walldorf gab es erste Folgen der Krise: Aufgrund der Vielzahl an Menschen, die nun im Homeoffice arbeitet, verstopfte das Klärwerk in ungewöhnlichem Maß. Experten warnen jedoch vor Panik: Die Werke seien seit der Schweinegrippe gut auf Ausnahmesituationen vorbereitet.

Dennoch ist der Verbraucher aufgerufen, zum Schutz des Abwassersystems beizutragen. So könnte es etwa zum Problem werden, sollten Menschen deutschlandweit zu Küchenrollen und Taschentüchern greifen, weil das Toilettenpapier wegen der vielen Hamsterkäufe aus ist. Denn ob sich Küchenpapier vollständig auflöst oder vereinzelt zurückbleibt, kann Stephan Natz von den Berliner Wasserbetrieben (BWB) nicht sicher sagen.

Er empfiehlt, es auch im Müll zu entsorgen, ebenso Taschentücher, denn von diesen blieben meist Rückstände in den Rohren. Problematisch wird es aber vor allem durch Textilien aus Mikrofaser und Vlies.

„Der Name von feuchtem Toilettenpapier führt in die Irre, denn man darf es nicht ins Klo werfen. Normales Papier löst sich auf, wenn es nass wird, aber diese Produkte verstopfen die Pumpen der Klärwerke und bilden meterlange Zöpfe“, sagt Natz. Diese Zöpfe würden im Zweifel Pumpen abwürgen und bei Extremsituationen wie Starkregen zu Wasserstau führen.

Für gewöhnlich haben die Berliner Wasserbetriebe Natz zufolge sechs Einsätze am Tag, bei denen sie solche Zöpfe entfernen müssen. Greifen die Menschen nun vermehrt auf Mikrofaser- und Vliestücher zurück, könnte es mehr Einsätze geben. Zusätzliche Einsätze bedeuten in Zeiten von Corona aber auch eine größere Ansteckungsgefahr für Mitarbeiter. Für Menschen, die Klopapier horten und deshalb Vliestücher benutzen, hat Natz deshalb kein Verständnis: „Wer das macht, handelt absolut dämlich. Das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist ein vermehrter Aufwand für unsere Arbeiter.“

Auf den Wasserverbrauch selbst wirkt sich die Krise offenbar noch nicht aus: 600.000 Kubikmeter Wasser werden allein in Berlin im Winter täglich verbraucht – das entspricht etwa 112 Litern pro Person. Auch in den vergangenen Tagen ist dieser Wert nicht gestiegen, obwohl das Robert-Koch-Institut und Virologen zum vermehrten Händewaschen und größeren Hygienestandards aufriefen.

Woran das liegt, darüber wird auch bei den BWB nur spekuliert. „Meine These ist, dass die Haushalte zwar mehr Wasser nutzen, andere Teile des Verbrauchs aber wegfallen, zum Beispiel der Tourismus und weitere Teile der Wirtschaft“, sagt Natz.

Doch selbst wenn der Wasserverbrauch stiege, über größere Wassermengen in der Kanalisation brauchten sich die Bürger keine Gedanken zu machen, sagt Natz. In den Abwasserkanälen gebe es aufgrund von wassersparender Technik bei Sanitäreinrichtungen, Wasch- und Spülmaschinen eher zu wenig Wasser als zu viel, wodurch die Fließgeschwindigkeit verlangsamt werde. Oft muss dann mit mehr Wasser aus Lkws nachgeholfen werden.

Auch Ole Braukmann von den Wasserbetrieben Hamburg sagt, dass der Wasserverbrauch der Hamburger bisher nicht angestiegen sei. Noch sehe er im Vergleich mit den zwei vergangenen Jahren keine grundlegende Veränderung für den Zeitraum der ersten Märzhälfte. Er könne sich aber vorstellen, dass gerade die Zahlen der vergangenen Woche spannend werden könnten, da die Hamburger nun aus dem Urlaub zurück seien.

Ähnlich wie andere Stadtwerke und kommunale Unternehmen bereiten sich die Wasserbetriebe Hamburg auch auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie vor: Schon jetzt werden laut Braukmann Teile des Teams in Isolation geschickt, um einen Reservepool zu haben, sollte es zu Ansteckungen kommen.

Berthold Niehues, Leiter der Wasserversorgung des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW), findet Sorgen zu potenziellem Wassermangel unbegründet. „Die Wasserversorgung in Deutschland ist gesichert“, sagt er. Der Verein hat mehr als 1600 Mitglieder und deckt damit zwei Drittel der deutschlandweiten Trinkwasserversorgung ab.

„Natürlich machen sich Unternehmen nun Gedanken darüber, ob die Versorgung künftig ausreichend sein wird“, sagt Niehues. Er verweise sie dann an die jeweiligen Krisen- oder Pandemiestäbe der Kommunen. So sollten gemeinsam in der Praxis gut umsetzbare Maßnahmen erarbeitet werden. „Schließlich ist die Wasserversorgung das Wichtigste“, sagt er.

Der DVGW gibt eine weitere Entwarnung: Hohe Sicherheits- und Qualitätsstandards schließen Niehues zufolge eine Verbreitung des neuartigen Coronavirus über die Trinkwasserversorgung aus. Gegenteilige Erkenntnisse seien bisher nicht bekannt. Auch das Umweltbundesamt schätzt eine Verbreitung des Virus über das Trinkwasser als höchst unwahrscheinlich ein.

Probleme könne es laut Niehues nur bei der Probeentnahme der Wasserwerke geben: Einrichtungen wie Schulen, in denen die Wasserqualität regelmäßig getestet wird, sind nun geschlossen. Deshalb müsse man laut Niehues Proben notfalls verschieben. Er sagt: „Das wird aber keine gesundheitlichen Auswirkungen haben.“

Zu bedenken seien nun jedoch mögliche bürokratische Hürden, beispielsweise, wie und ob bei einer Ausgangssperre trotzdem gearbeitet werden könne. Insbesondere Reparaturarbeiten müssten weiterhin gewährleistet werden können. „Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich alle Wasserwerke an der Kommunikation in dem Krisenstab beteiligen und Sorge tragen, dass sich die Mitarbeiter nicht infizieren. Das Risiko, in Quarantäne geschickt zu werden, muss so gering wie möglich gehalten werden“, sagt der Experte.

Sollte das Trinkwasser jedoch tatsächlich ausfallen, entstünden auch erhebliche Auswirkungen auf die Verbreitung des Virus, sagt Niehues: Denn wer nicht duschen und sich und seine Kleidung waschen kann, steigert das Infektionsrisiko. „Deshalb ist es oberstes Gebot, unsere Unternehmen am Laufen zu halten“, sagt Niehues. Er sehe aber die Branche sehr gut aufgestellt, um Risiken und Krisenmanagement zu bewältigen. Gut vorbereitet seien die Unternehmen in Deutschland ohnehin seit dem Ausbruch der Schweinegrippe vor elf Jahren.

Auch für den Sommer sieht Niehues keine Probleme, sofern sich die Verbraucher an einige Regeln halten: „Auch jetzt sollte immer beherzigt werden, was eigentlich ohnehin jeden Tag gilt“, sagt er. Das bedeutet: Vor allem Altmedikamente gehören nicht in die Toilette, sondern in den Restmüll. Und auch Essensreste, Desinfektionsmittel, Menstruationsartikel und Kondome müssen im Hausmüll entsorgt werden.

Alle aktuellen Informationen und Empfehlungen des Gesundheitsministeriums finden Sie hier.

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