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Die wahren Unterbezahlten leben im Westen

WELT-Logo WELT 11.09.2019 Frank Stocker
Dass die Löhne im Osten sind nach wie vor niedriger als im Westen sind, zeigen auch neue Gehaltszahlen. Dafür sind die Lebenshaltungskosten dort geringer. Quelle: WELT/Thomas Laeber © WELT/Thomas Laeber Dass die Löhne im Osten sind nach wie vor niedriger als im Westen sind, zeigen auch neue Gehaltszahlen. Dafür sind die Lebenshaltungskosten dort geringer. Quelle: WELT/Thomas Laeber

Es klingt absurd, ist aber deutsche Realität: Wer als Fachkraft in Westdeutschland gearbeitet hat und nun auf einen Führungsposten im Osten wechseln will, der muss mit einem Gehaltsabschlag rechnen. Denn im Durchschnitt verdient beispielsweise ein Sachbearbeiter in Hessen mit 51.900 Euro pro Jahr mehr als der Teamleiter im angrenzenden Thüringen (49.600 Euro). Fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer zeigen die Gehaltsstatistiken, wie groß das Gefälle noch ist.

Viele halten das für einen Skandal. Wenn die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West gefordert wird, dann stehen dabei neben den Renten regelmäßig die Löhne im Fokus. Doch so einfach ist die Lohneinheit nicht. Denn zum einen gibt es gute Gründe, warum das Gehaltsgefüge im Osten nach wie vor niedriger ist. Zum anderen bedeuten geringere Löhne nicht, dass sich die Menschen dort auch weniger leisten können – im Gegenteil. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die wahren Verlierer des Gehaltsgefälles heute ganz woanders sitzen, oder besser: arbeiten.

Blick auf Frankfurt: Die Lebenserhaltungskosten sind je nach Stadt sehr unterschiedlich © Getty Images Blick auf Frankfurt: Die Lebenserhaltungskosten sind je nach Stadt sehr unterschiedlich

Was die Menschen in Ost und West heute im Mittel verdienen, zeigt eine aktuelle Auswertung des Jobportals StepStone, das wie WELT AM SONNTAG zur Axel Springer SE gehört. So liegt das mittlere Einkommen – der Betrag, bei dem genau die Hälfte der Angestellten mehr beziehungsweise weniger verdient – für Fach- und Führungskräfte in Westdeutschland bei knapp 61.000 Euro brutto im Jahr, in Ostdeutschland (inklusive Berlin) beträgt es nur 48.900 Euro. Das ist ein Abschlag von rund 20 Prozent.

Die Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern sind sogar noch größer. So steht Hessen bei den Einkommen an der Spitze; Fach- und Führungskräfte verdienen hier im Mittel 65.800 Euro. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern kommen sie dagegen nur auf 43.800 Euro – das ist sogar ein Abstand von einem Drittel. Und betrachtet man einzelne Städte, ist die Differenz noch extremer. Einem mittleren Einkommen von 69.700 Euro in der Bankenstadt Frankfurt stehen 41.500 im sächsischen Chemnitz gegenüber – 40 Prozent weniger.

Warum ist das so? Ökonomen haben für die Unterschiede in den vergangenen Jahren mehrere Ursachen ausgemacht. Eine davon ist die Produktivität. Einer aktuellen Studie des IWH Halle zufolge liegt sie im Osten 30 Jahre nach dem Mauerfall im Schnitt rund 20 Prozent unter der in den alten Bundesländern.

Dazu gesellt sich noch eine Reihe weiterer Faktoren, wie die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur. In Süddeutschland herrschen beispielsweise vielerorts verarbeitende Betriebe der Automobilindustrie vor, die traditionell hohe Löhne zahlen. Dies ist in Ostdeutschland in weit geringerem Maße der Fall. Wenn es dort entsprechende Betriebe gibt, sind es meist Tochterunternehmen – die höher bezahlen Managerjobs sind beim Mutterkonzern im Westen angesiedelt.

Zudem sind die Betriebe im Osten im Durchschnitt kleiner als jene im Westen – 464 der 500 größten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz im Westen der Republik. Größere Betriebe zahlen jedoch tendenziell höhere Löhne. Gleiches gilt auch für tarifgebundene Unternehmen – die Tarifbindung ist im Osten weit geringer. Der Hans-Böckler-Stiftung zufolge gilt im Westen für 56 Prozent der Beschäftigten ein Tarifvertrag, im Osten sind es nur 45 Prozent.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Ein weiterer Faktor klingt als Grund für den Unterschied zunächst seltsam: die Frauenerwerbsquote, die im Osten höher ist als im Westen. Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer – was man beklagen muss. Doch solange dies so ist, führt die höhere Frauenerwerbsquote im Osten dazu, dass das durchschnittliche Lohnniveau sinkt.

„Die Zerlegung des Ost-West-Lohnabstandes verdeutlicht, dass die persistenten Lohnunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu einem nicht unerheblichen Teil auf strukturelle Unterschiede zwischen den beiden Großraumregionen zurückgeführt werden können“, schlussfolgern Jan Kluge und Michael Weber vom ifo-Institut in Dresden in einer Studie, in der sie die einzelnen Faktoren untersuchten.

Darin erwähnen sie jedoch noch einen weiteren wichtigen Punkt: das unterschiedliche Preisniveau. Zwar mögen die Löhne unterschiedlich sein, die Lebenshaltungskosten differieren jedoch mindestens ebenso stark. Das hat sich in den vergangenen Jahren teilweise noch verstärkt, seit die Wohnkosten in vielen Großstädten drastisch gestiegen sind.

Auf der Website Financescout24.de lassen sich die Lebenshaltungskosten für einzelne Städte und Regionen in Deutschland vergleichen. Dabei werden diese Kosten auch in Einzelteile zerlegt – Miete, Lebensmittel, Transport sowie Sport und Freizeit. Stellt man hier einzelne Städte gegenüber, so zeigen sich teilweise erstaunliche Ergebnisse.

Wer beispielsweise in Frankfurt 69.700 Euro verdient – das mittlere Einkommen der Fach- und Führungskräfte laut StepStone-Datenbank –, der muss in Chemnitz nur 41.500 Euro verdienen, um den gleichen Lebensstandard genießen zu können. Das Erstaunliche ist: Dies ist exakt jener Wert, der sich aus den StepStone-Daten als mittleres Einkommen der Fach- und Führungskräfte in Chemnitz errechnet.

Auch für die anderen ostdeutschen Städte sind die Ergebnisse ähnlich: Mit dem niedrigeren Gehalt lässt sich dort ebenso gut leben wie mit dem weit höheren in Frankfurt. Zwar kosten viele Produkte bundesweit gleichviel, der entscheidende Faktor in der Rechnung ist aber die Miete. Sie liegt beispielsweise in Chemnitz im Schnitt um 60 Prozent unter jener in Frankfurt.

Dieser Vergleich zeigt zudem: Die wahren Unterbezahlten sind in einigen Regionen des Westens zu finden. Denn wer beispielsweise 41.500 Euro in Chemnitz verdient, der müsste in München mit 81.100 Euro fast das Doppelte bekommen, um den gleichen Lebensstandard zu haben. Das mittlere Gehalt für Fach- und Führungskräfte liegt in der bayerischen Landeshauptstadt jedoch gerade einmal bei 67.000 Euro, ist also rund 18 Prozent niedriger. In Stuttgart wären rund 72.000 Euro nötig, der mittlere Wert dort liegt aber rund zehn Prozent darunter.

Nimmt man nun beispielsweise das Gehaltsniveau von Magdeburg – im Mittel 49.200 Euro – als Ausgangspunkt, so sind die Differenzen noch eklatanter. In der Lebenshaltungskostenrechnung können nur Bremen und Essen überhaupt noch mithalten. In allen anderen westdeutschen Großstädten bietet das dortige Gehaltsniveau dagegen weit schlechtere Möglichkeiten – in München müsste eine Fachkraft sogar 90.000 Euro verdienen, um den gleichen Lebensstandard genießen zu können wie ein entsprechender Arbeitnehmer in Magdeburg mit seinem Einkommen von knapp 50.000 Euro.

Vor diesem Hintergrund kann es also durchaus sinnvoll sein, von einem Posten ohne Führungsverantwortung in Hessen auf eine Leitungsfunktion nach Thüringen zu wechseln, selbst wenn man dafür weniger Gehalt bekommen sollte. Der Lebensstandard, der damit in Thüringen möglich ist, dürfte dennoch höher sein.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG © WELT AM SONNTAG Quelle: WELT AM SONNTAG
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