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Edelmetallmesse 2019: „Maschinenraum des Völkerselbstmordes“ – Chef von Goldhändler Degussa wettert gegen EZB

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 10.11.2019 Blume, Jakob
Feindbild Notenbanken. © Reuters Feindbild Notenbanken.

Negativzinsen und die Goldrally treiben die Edelmetall-Branche um. Kurzfristig herrscht beim Goldpreis Pessimismus.

Als Volkswirt und gelernter Risikomanager blickt Markus Krall mit großem Unbehagen auf die hiesige Bankenlandschaft. Der Bestseller-Autor und neue Chef des Goldhandelshauses Degussa hat analysiert: Europas Banken haben zwar ihr Eigenkapital gestärkt, um für eine mögliche Krise vorzusorgen. Doch das frische Kapital haben sich die Geldhäuser besorgt, indem sie ihre Risikovorsorge für faule Kredite abbauten. Die Banken seien für eine Krise daher nicht gerüstet, so Krall.

Das Problem: Aus seiner Sicht steht eine Pleitewelle von „Zombieunternehmen“ bevor, die zu lange durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank am Leben gehalten wurden. Die Folge: Eine Welle von Bankpleiten, eine Rezession in Europa – und, weil die Eurostaaten versuchen, mit neuen Staatsschulden dagegen anzukämpfen, rutscht Europa von einer Deflation in die Hyperinflation.

Ein „Auseinanderbrechen des Euro“ hält er ebenso unausweichlich wie eine Krise vergleichbar mit der großen Depression von 1929.

Krall ist noch in seiner Rolle als „Buchautor und Unternehmensberater“ zu seinem Vortrag am Freitag auf die Münchner Edelmetallmesse gekommen. Mit seinem Pessimismus und seiner drastischen Wortwahl ist der seit wenigen Wochen amtierende Chef von Degussa, einem der größten deutschen Edelmetallhändler, auf dem Branchentreffen nicht allein. 

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Beißende Systemkritik

Es scheint paradox: Die lockere Notenbankpolitik dürfte erheblich dazu beigetragen haben, dass der Goldpreis innerhalb eines Jahres um 20 Prozent zugelegt hat und die Edelmetallhändler in Deutschland rekordverdächtige Umsätze generieren. Trotzdem erklären viele Redner auf der Edelmetallmesse die EZB und die neue Notenbankchefin Christine Lagarde zum Feindbild.

Krall beispielsweise bezeichnet das derzeitige Umfeld negativer Zinsen als „krankes System“. Er ist überzeugt, dass „die Geldpolitik der Maschinenraum des Völkerselbstmordes ist“. Die EZB vergleicht er mit der Sowjetunion.

Ähnlich argumentiert Marc Friedrich, der zusammen mit seinem Co-Redner Matthias Weik ein Buch mit dem Namen „Der größte Crash aller Zeiten“ geschrieben hat. „Unser Wirtschaftssystem ist unheilbar krank“, sagt Friedrich. Doch während Krall seinen Vortrag mit finanzmathematischen Berechnungen unterfüttert, appelliert Friedrich an das Gefühl seiner Zuhörer: „Wer fühlt hier, dass in der Politik etwas in die falsche Richtung läuft?“, fragt er sein Publikum.

„Wir leben heute nebeneinander, nicht miteinander. Das macht die Leute krank“, erläutert Friedrich weiter. Den „Verrückten bei der EZB und in Berlin“ entgehe das jedoch. Ein gesellschaftlicher Konflikt „an allen Fronten“ sei die Folge, der „alles mit nach unten zieht“.

Aufruf zur Revolution

Friedrich ruft angesichts dieser Aussichten zum Protest auf: „Warum seid ihr nicht alle auf der Straße?“, schleudert er seinen Zuhörern entgegen. Von Krall ist die passende Anleitung dazu bald im Buchhandel erhältlich: Sein neues Werk „Die bürgerliche Revolution“ kündigt der Chef-Goldhändler für Januar an.

Einig sind sich Krall und Friedrich über den Zeitpunkt des großen Crashs: spätestens 2023. Und auch darüber, was der beste Schutz ist für „das, was kommt“, wie es Friedrich formuliert. Er sieht das „Zeitalter der Sachwerte gekommen“. Krall rät ebenfalls zu Edelmetall, auch wenn „Silber mehr Aufholpotenzial als Gold hat“.

Für die Argumente der Edelmetall-Verfechter sind die Anleger in diesen Tagen besonders offen, hat der Goldpreis doch auf Jahressicht sowohl den Aktienindex Dax als auch den US-Leitindex S &P 500 abgehängt. Auch der Fonds der Bestsellerautoren, der Friedrich und Weik Wertefonds (WKN: A2AQ95), hat die Börsenindizes knapp geschlagen.

Doch mittelfristig ist die Angst vor dem Crash ein schlechter Ratgeber bei Anlageentscheidungen. Auf Drei-Jahressicht liegt der S &P 500 rund 45 Prozent im Plus, beim Goldpreis sind es lediglich 15 Prozent. Und der Fonds der Crash-Propheten Friedrich und Weik verfehlt in diesem Anlagezeitraum mit null Prozent Rendite das selbst gesteckte Performance-Ziel von Inflationsausgleich plus drei Prozent.

Kurzfristige Rücksetzer

Hinter vorgehaltener Hand äußern sich einige Branchenexperten kritisch über Crash-Rhetorik vieler Redner auf der Edelmetallmesse. Nüchterner blickt auch Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, auf das Thema Gold. Er sieht zwar ebenfalls große Risiken für die Finanzmärkte. Doch der Goldpreis habe darauf bereits deutlich reagiert, Weinberg sieht gar eine „Überhitzung“.

Das Indiz dafür sieht er in der Positionierung spekulativer Finanzinvestoren an den Rohstoff-Terminmärkten. Diese sind im historischen Vergleich extrem viele Wetten auf einen steigenden Goldpreis eingegangen. Aus Weinbergs Sicht sind solche spekulativen Übertreibungen ein Zeichen dafür, dass beim Goldpreis kurzfristig Rücksetzer drohen.

Tatsächlich notiert dieser mit rund 1465 Dollar pro Feinunze (rund 31 Gramm) rund 90 Dollar unterhalb des Sechs-Jahres-Hochs vom September 2019. Weinberg erwartet noch weitere Rücksetzer. Diese könnten Anleger jedoch nutzen, um den Goldanteil ihres Portfolios günstig zu erhöhen. „Ich habe immer gesagt, Gold sollte fünf bis zehn Prozent eines Portfolios ausmachen“, so Weinberg. „Aber heute sage ich, es können auch 20 Prozent sein.“

Der Coba-Experte warnt Anleger jedoch von überzogenen Erwartungen. „Gold eignet sich leider nicht zum Anlegen. Aber es kann einen Teil des Vermögens sichern.“

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