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Einige hundert Euro für Schlecker-Frauen

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 02.07.2022 RP ONLINE

Düsseldorf. 2012 meldete der damals größte Drogeriemarktbetreiber Deutschlands Insolvenz an. Jetzt will der Insolvenzverwalter Geld an mehrere Beteiligte des Verfahrens ausschütten – unter anderem an ehemalige Beschäftigte.

 Erinnerung an 2012: Eine Mitarbeiterin der Drogeriemarktkette Schlecker reißt das Firmenlogo von der Eingangstür einer Filiale. © Julian Stratenschulte Erinnerung an 2012: Eine Mitarbeiterin der Drogeriemarktkette Schlecker reißt das Firmenlogo von der Eingangstür einer Filiale.

Manche Dinge brauchen viel Zeit. Im Januar 2012 meldete der einstige Drogeriemarkt-Köning Anton Schlecker Insolvenz an. Danach wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet, und wenn alles programmgemäß läuft, wird das in zwei bis drei Jahren beendet sein, wie der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz jüngst mitteilte. Von Ende 2024 ist inoffiziell die Rede. Es gibt noch Ärger mit Vermietern von ehemaligen Schlecker-Filialen, es müssen noch Ansprüche von ehemaligen Bediensteten geklärt werden, es laufen noch gerichtliche Streitigkeiten mit ehemaligen Lieferanten, die durch Absprachen Schlecker überhöhte Einkaufspreise abverlangt haben sollen. Am Dienstag verhandelt, nachdem das Landgericht Frankfurt und das dortige Oberlandesgericht Geiwitzs Schadenersatzforderungen abgeschmettert haben, der Kartellsenat am Bundesgerichtshof. Geiwitzs Vorwurf, den das Bundeskartellamt bestätigt hat: 15 Hersteller beispielsweise von Geschirrspülmitteln, Zahncremes und Duschgels hätten sich zu einem Kartell zusammengeschlossen und jahrelang ­untereinander Informationen ausgetauscht, um die geforderten Preise zu drücken. Mehr als 200 Millionen Euro will Geiwitz haben.

Wie auch immer: Zwischen Anton Schleckers Offenbarungen und dem Verfahrensende könnten dann fast 13 Jahre gelegen haben. Mit Wut, Enttäuschung, Hoffnung, Verzweiflung vor allem bei den Beschäftigten, die zu Zehntausenden ihre Jobs verloren, von denen manche keine neue Stelle fanden und teilweise immer noch Geld zu bekommen haben. Im Juli soll es ein bisschen geben. Rund 22.600 ehemalige Beschäftigte sollen im Juli eine Abschlagszahlung bekommen, ebenso wie Krankenkassen, Sozialversicherungen und die Bundeagentur für Arbeit, die allesamt zu den sogenannten Altmassegläubigern gehören. „Insgesamt werden Abschlagszahlungen in Höhe von rund 21,3 Millionen Euro geleistet“, so Geiwitz. Darin seien anteilig Auslauf- und Differenzlöhne der Mitarbeitenden, Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Urlaubsabgeltung, verschiedene Zulagen und Arbeitgeberzuschüsse sowie Sozialabgaben enthalten. Die Höhe der Abschlagszahlung entspricht demnach knapp 15,2 Prozent der jeweiligen Ansprüche.


Video: "Original Unverpackt" meldet Insolvenz an: Unternehmen steht vor dem Aus (glomex)

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Die Mehrheit der Ex-Mitarbeiterinnen, die seinerzeit vielfach unter „Schlecker-Frauen“ subsummiert wurden, kann mit einer „niedrigen bis mittleren dreistelligen Summe“ rechnen. Also um die 500 Euro vielleicht. Die ändern nichts daran, dass alle weiteren Ansprüche bestehen bleiben. Aber ob es noch etwas gibt, steht in den Sternen.

500 Euro sind zugegebenermaßen nicht wenig Geld. Aber was bedeuten sie schon, wenn man seine berufliche Existenz verliert? Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, dass die letzte Schlecker-Niederlassung geschlossen hat, sieht man von ein paar XL-Filialen ab, die noch ein wenig länger geöffnet blieben. Das Ende eines Imperiums, das mal die Nummer eins der Drogeriemarktbranche in Europa war, dessen Gründer Anton Schlecker den Konzern immer nur wachsen sehen, aber nie modernisieren wollte, der Mitarbeiter bespitzeln ließ, Löhne drückte, sich in einer unfassbaren Beratungsresistenz allem widersetzte, was Schlecker hätte verändern können. Vor der Insolvenz soll er noch Vremögen beseitegschafft haben. Das wurde nie bewiesen, aber Schlecker zahlte später zehn Millionen Euro an den Insolvenzverwalter. Am Ende mussten er sowie seine Kinder Lars und Meike vor Gericht. Anton Schlecker kam mit einer Bewährungs- und Geldstrafe davon, Sohn und Tochter mussten ins Gefängnis. Sie wurden unter anderem wegen Insolvenzverschleppung, Betrugs und Untreue zu Haftstrafen von mehr als zweieinhalb Jahren verurteillt, 2021 aber vorzeitig aus der Haft entlassen.

„Günstige Sozialprognose“ lautet in solchen Fällen häufig die Begründung. Meike Schlecker, die damals ins Frauengefängnis Berlin-Reinickendorf kam, lebt in London; Lars Schlecker, der im offenen Vollzug in einem Sozialkaufhaus jobbte und wegen Corona einen Teil seiner Haft zu Hause absitzen durfte, in Berlin. Seine Frau ist Architektin und Leiterin eines Planungsbüros, gleichzeitig als Geschäftsführerin der Wise at heart GmbH, deren Geschäftszweck die „Produktion von Waren und Dienstleistungen für die Persönlichkeitsentwicklung“ ist. Mit solchen oder ähnlichen Umschreibungen werden auch gern mal esoterische Seminare angeboten. Die Eltern Anton und Christa (gegen die Ehefrau wurde als einzige das Verfahren früh eingestellt) leben immer noch in einer Villa in Ehingen – als Mieter, wie es heißt.

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