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Ende des Verbrennungsmotors: Er läuft und läuft und läuft nicht mehr

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel vor 2 Tagen Henrik Mortsiefer

Immer mehr Länder kündigen Verbote von Verbrennungsmotoren an. In dieser Woche Großbritannien. Was bedeutet das für die exportstarke deutsche Autoindustrie?

Aus für den Verbrenner. Viele Länder wetteifern darin, wer zuerst Neuwagen mit Verbrennungsmotoren verbieten wird. Deutschland ist da nicht sehr weit vorne. Foto: imago/Michael Weber © Foto: imago/Michael Weber Aus für den Verbrenner. Viele Länder wetteifern darin, wer zuerst Neuwagen mit Verbrennungsmotoren verbieten wird. Deutschland ist da nicht sehr weit vorne. Foto: imago/Michael Weber

Fünf Jahre früher, als die Regierung in London dies ursprünglich geplant hatte, sollen Verbrennungsmotoren ab 2030 nicht mehr neu zugelassen werden dürfen. Für Hybride gilt das Ausstiegsdatum 2035, erklärte die britische Regierung.

Das nun offiziell veröffentlichte Datum engt den Spielraum der deutschen Autoindustrie auf ihren europäischen Exportmärkten weiter ein. Denn auch in vielen anderen Ländern haben Regierungen festgelegt, ab wann Benziner und Diesel nicht mehr verkauft werden dürfen. Drei von vier in Deutschland produzierte Neuwagen (2019: 3,5 Millionen) werden im Ausland verkauft.

Im vergangenen Jahr setzten die deutschen Hersteller auf der Insel 592.566 Pkw ab, das entsprach fast 17 Prozent aller weltweit exportierten Fahrzeuge. Damit war Großbritannien vor den USA und China der bedeutsamste Exportmarkt für BMW, Daimler, Volkswagen & Co. Zusammen mit dem No-Deal-Brexit wird das Verbrennerverbot die Geschäfte in Großbritannien künftig massiv beeinträchtigen.

Zugleich bieten sich neue Chancen für Elektroautos oder Plug-in-Hybride, denn die Briten legen zugleich ein milliardenschweres Förderprogramm für alternative Antriebe auf. 1,3 Milliarden Pfund sollen in die Ladeinfrastruktur fließen und knapp 600 Millionen in Kaufanreize für umweltfreundliche Fahrzeuge. Die Pläne sind Teil eines Gesamtpakets, mit dem Premierminister Boris Johnson bis 2030 zwölf Milliarden Pfund (etwa 13,4 Milliarden Euro) in grüne Projekte investieren will.

Weltweit haben 17 Regierung den Ausstieg angekündigt

Ein beschleunigter Umstieg auf Elektroautos sei für die Wirtschaft ebenso gut wie für den Planeten, sagte am Mittwoch Greg Archer, britischer Direktor der Organisation Transport & Environment. „Mehr als 30 000 zusätzliche Arbeitsplätze werden allein im Vereinigten Königreich geschaffen, wenn der Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotor früher eingestellt wird; dies wird auch die Wirtschaft um 0,2 Prozent ankurbeln“, rechnete er vor.

Beim Blick auf die Weltkarte zeigt sich, dass weltweit 17 Regierungen das Ende des Verbrennungsmotors bei Pkw beschlossen oder geplant haben. Vorreiter in Europa sind die skandinavischen Länder: Norwegen, heute schon ein wichtiger Markt für E-Autos, plant den Ausstieg bereits 2025, Schweden und Dänemark fünf Jahre später, ebenso die Niederlande, Irland, Slowenien und Island. Für 2040 haben Frankreich und Spanien ein Zulassungsverbot für neue Benziner und Diesel fixiert.

Nach Angaben des International Council on Clean Transportation (ICCT) stehen hinter den 17 Regierungen aber nur 13 Prozent (2019) der weltweiten Pkw-Verkäufe. Auf den wichtigsten Fahrzeugmärkten – China, USA, Brasilien oder Deutschland – gibt es noch keine festen Ziele.

Allerdings ist Bewegung in die Debatte gekommen, seitdem sich zum Beispiel auch Kalifornien entschieden hat, Verbrenner ab 2035 nicht mehr zuzulassen. Hersteller wie Audi, Mercedes oder Porsche setzen in dem US-Bundesstaat noch viele Premiummodelle mit Benzinmotor ab. Auch in China wird bereits seit 2017 über mögliche Ausstiegsszenarien nachgedacht. In einigen Segmenten ist dies allerdings gar nicht mehr nötig. So wurden auf dem weltweit größten Markt für Elektromobilität bereits 2019 mehr als 90 Prozent aller Busse mit Elektromotor ausgeliefert. Die chinesische Provinz Hainan gilt als Pilotprojekt für die Pekinger Zentralregierung. „Hainan hat sich Asiens ehrgeizigstes Ziele gesetzt, um den Verkauf von neuen Diesel- und Benzin-Pkw, leichten Nutzfahrzeugen, Bussen und Reisebussen bis 2030 auslaufen zu lassen“, schreibt ICCT.

Autoverband: EU-Regulierung ist De-Facto-Verbot 

Obwohl EU-weit noch kein Ausstiegsdatum festgelegt wurde, läuft die geplante CO2-Regulierung bis 2030 auf ein ähnliches Szenario hinaus. Setzt sich die EU-Kommission durch, dann müssten neu zugelassene Pkw in zehn Jahren 55 Prozent weniger CO2 ausstoßen als 2021. Für klassische Verbrenner von fossilen Kraftstoffen ist das nach Lage der Dinge kaum zu schaffen. Nicht ausgeschlossen, dass sich die Kommission bis 2035 auf Null-Emissionen festlegt – und damit implizit auf ein Verbrennerverbot.

Auch die jüngst bekannt gewordenen Empfehlungen für die neue Euro-7-Norm aus einer Auftragsstudie der EU-Kommission werden aus Sicht des Autoverbandes VDA zu einem Aus für den Verbrennungsmotor ab 2025 führen. Sie seien so nicht realistisch, bekräftigte VDA-Chefin Hildegard Müller am Mittwoch und wurde mit Blick auf ihre CDU-Parteifreundin an der Kommissionsspitze deutlich. „Was diese Norm vorsieht, ist praktisch nicht zu schaffen. Wir erwarten, dass sich Ursula von der Leyen dieses nicht machbaren Vorschlags aus ihrer Kommission annimmt.“

Der britische Herstellerverband SMMT sprach am Mittwoch angesichts der Londoner Regierungspläne von einer Herkulesaufgabe und mahnte zusätzliche Hilfen an: „Um den Markt vollständig zu elektrifizieren und die Produktionsbasis und Arbeitsplätze zu sichern, benötigen wir mehr als ein willkürliches Datum.“

Der Druck auf die Regierungen wächst – auch, weil sich neue Interessengruppen aus der Industrie bilden. Eine Gruppe führender US-Autohersteller, Zulieferer und Energiekonzerne gründete am Mittwoch in den USA einen Branchenverband zur Steigerung des Absatzes von Elektrofahrzeugen. Ziel der neuen Zero Emission Transportation Association (ZETA) sei es, bis 2030 einen 100-prozentigen Absatz von E-Autos zu erreichen. mit dpa, rtr

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