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Energiewende: Deutschland ist nur Mittelmaß

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 19.10.2021 Christian Schaudwet, Georg Ismar

Rang 16 in der EU: Regenerative Quellen decken nur 17 Prozent des Verbrauchs. Kohle-Ausstieg womöglich schon 2030.

Die Ablösung der Kohle als Energieträger kommt nur langsam voran. © Foto: imago images/Jochen Tack Die Ablösung der Kohle als Energieträger kommt nur langsam voran.

Deutschland ist bei erneuerbaren Energien nur unteres Mittelmaß in Europa. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte, deckte die Bundesrepublik im Jahr 2019 insgesamt nur 17,4 Prozent ihres Bruttoendenergieverbrauchs mit Erneuerbaren. Zehn Jahre zuvor waren es 10,9 Prozent – damit ist der Zuwachs von 6,5 Prozentpunkten zwar überdurchschnittlich, im Europavergleich landet Deutschland aber nur auf Rang 16 und noch hinter dem gemeinsamen Wert aller EU-Länder von 19,7 Prozent.

Das widerspricht der verbreiteten Wahrnehmung, nach der sich Deutschland als Pionier bei grüner Energie sieht. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das ab 2000 zu einem Schub bei Wind- und Solarenergie führte, wurde tatsächlich von vielen Ländern kopiert. Auch wichtige technologische Entwicklungen in Wind- und Sonnenenergie haben deutsche Unternehmen und Institute geleistet. Dass Deutschland nur mittelmäßig abschneidet, liegt vor allem an der starken Nutzung von Kohle zur Stromerzeugung .

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In der geplanten Ampel-Koalition wollen die Grünen als eines ihrer Kernprojekte den Kohleausstieg vom Jahr 2038 auf 2030 vorziehen. Im Sondierungspapier wird eine Reform des Klimaschutzgesetzes angekündigt – so könnte die für 2026 geplante Überprüfung des Ausstiegsplans deutlich vorgezogen werden und sich bereits 2022 zeigen, dass ohne die Abschaltung der letzten Stein- und Braunkohlekraftwerke bis 2030 die Klimaziele nicht erreichbar sind. Da wegen des klimaneutralen Umbaus der Industrie mit der Nutzung von Wasserstoff und mehr Elektromobilität der Strombedarf massiv steigen wird, soll auch ein klarer Plan entwickelt werden, wie viel Energie in den nächsten Jahrzehnten gebraucht wird, um daran den Ausbau erneuerbarer Energien zu orientieren.


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Ausbau der Windenergie ist ins Stocken geraten

Der Ausbau insbesondere der Windenergie an Land ist in Deutschland ins Stocken geraten. Es mangelt an ausgewiesenen Flächen, Genehmigungsverfahren ziehen sich über Jahre hin, Bürgerinitiativen gehen systematisch gegen Windprojekte vor Gericht. Dynamischer entwickelt sich die Fotovoltaik, auch 2020 konnte sie den Einbruch bei der Windenergie aber nicht wettmachen. Die Grünen wollen Millionen Häuser mit Solardächern bestücken lassen. In den von den Statistikern erhobenen Endenergieverbrauch fließt auch das Erdöl als Kraftstoff oder Brennstoff in Ölheizungen ein.

Europas Vorreiter bei der tatsächlichen Nutzung erneuerbarer Energien sind nordische Staaten: Schweden deckte laut Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat 2019 bereits 56,4 Prozent seines Bruttoendenergieverbrauchs damit ab. Finnland erreichte einen Anteil von 43,1 Prozent, Lettland 41 Prozent, Dänemark 37,2 Prozent. Länder wie Norwegen und Schweden decken ihren Strombedarf zum größten Teil aus Wasserkraft in ihren gebirgigen und gewässerreichen Regionen. Dänemark, das mit 37,2 Prozent ebenfalls einen vergleichsweise hohen Erneuerbaren-Anteil hat, versorgt sich mit viel Strom aus großen Offshore-Windparks.

Frankreich setzt auf Kernkraft

Anders liegt der Fall in Frankreich, dessen natürliche und wirtschaftliche Bedingungen am ehesten mit denen Deutschlands vergleichbar sind: Das Land erzeugt 70 Prozent seines Stroms mit Kernkraft. Die schont zwar das Klima, fällt aber nicht in die Kategorie der erneuerbaren Energien. Deshalb liegt Frankreich in der Statistik mit 17,2 Prozent knapp hinter Deutschland. Auch Frankreich will die Erneuerbaren ausbauen, setzt aber zugleich weiter auf Kernkraft. Präsident Emmanuel Macron will sie vor dem Hintergrund des Klimawandels zum positiv besetzten Zukunftsthema im Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl machen. Er kündigte kürzlich Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro in den Bau kleiner Atomkraftwerke und in neue Technologien für den Umgang mit Atommüll an.

Der langjährige Chef der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks mahnte: „Wenn der parallele Atom- und Kohleausstieg dazu führt, dass unsere Abhängigkeit von russischem Erdgas noch wächst, geraten wir vom Regen in die Traufe.“ Rational wäre, die letzten Atomkraftwerke – statt sie 2022 abzuschalten – noch ein paar Jahre länger laufen zu lassen, bis genug erneuerbare Energien verfügbar sind, meint Fücks: „Aber dieser Zug ist politisch wie betriebstechnisch abgefahren.“

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