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Erdogans Prestige-Projekt: Der neue milliardenschwere Flughafen in Istanbul hat eine Schattenseite

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 09.11.2018 Business Insider Deutschland

a view of a vehicle: Der neue Flughafen in Istanbul ist etwa dreimal so groß wie der BER. Doch das Prestigeprojekt von Staatschef Recep Tayyip Erdogan steht heftig in der Kritik. © IG Airport Der neue Flughafen in Istanbul ist etwa dreimal so groß wie der BER. Doch das Prestigeprojekt von Staatschef Recep Tayyip Erdogan steht heftig in der Kritik.

Fünf Wochen vor der geplanten Eröffnung des neuen Flughafens in Istanbul geht die türkische Polizei weiter hart gegen Proteste von Arbeitern vor. Sicherheitskräfte nahmen in der vergangenen Woche nach Gewerkschaftsangaben mehr als 500 Menschen fest, die gegen die Arbeitsbedingungen auf der Großbaustelle protestiert hatten.

Der neue Istanbuler Flughafen, der bisher etwa elf Milliarden Euro gekostet hat, ist ein Prestigeprojekt von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Der Airport soll am 29. Oktober eröffnet werden. Nach dem Willen Erdogans soll er zum weltgrößten Drehkreuz werden. Deshalb wird mit Hochdruck Tag und Nacht an der Fertigstellung gearbeitet — auf massive Kosten der Arbeitsbedingungen während der Bauzeit.

Amnesty zu Todesfällen: „Es gibt sicherlich eine sehr hohe Dunkelziffer“

Das türkische Arbeitsministerium berichtete Anfang dieses Jahres von bislang 27 tödlichen Unfällen, Gewerkschafter verbreiten wesentlich höhere Zahlen. Nach Gewerkschaftsangaben sind seit dem Baubeginn vor etwa vier Jahren mindestens 37 Menschen auf der Baustelle ums Leben gekommen. In einem Bericht der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“ aus dem Februar ist sogar von 400 Arbeitern die Rede, die durch Unfälle auf der Baustelle ums Leben gekommen seien. 

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Amke Dietert von Amnesty International vermutet, die Zahl der auf der Baustelle ums Leben gekommenen könnte in die Hunderte gehen. „Es gibt sicherlich eine sehr hohe Dunkelziffer“, sagt die Türkei-Expertin gegenüber Business Insider. „Die größte Oppositionspartei CHP hat im Parlament die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses beantragt – ob es dazu kommen wird, ist fraglich.“ 

Gewerkschafter spricht von „Sklaven- und Todeslager“

Die türkische Polizei ging gegen streikende und protestierende Arbeiter erst vor wenigen Tagen wieder vor. Das für den Flughafenbau verantwortliche Unternehmen IGA hatte mitgeteilt, man wolle so bald wie möglich Maßnahmen zur Lösung der Probleme ergreifen. Der Vorsitzende der regierungskritischen Baugewerkschaft Dev-Yapi-Is, Özgür Karabulut, sagte der Deutschen Presse-Agentur in der vergangenen Woche, es gebe jedoch noch keine Lösung.

Der Streik gehe weiter, obwohl inzwischen auch Anführer der Proteste in Polizeigewahrsam seien. „Die Wut der Arbeiter wird nicht so leicht nachlassen“, sagte Karabulut. Die islamisch-konservative AKP-Regierung müsse mehr Vorsorge für die Sicherheit der Arbeiter treffen, forderte er.

Der Generalsekretär der kleinen linken Bauarbeitergewerkschaft Insaat-Is, Yunus Özgür, hatte die Mega-Baustelle gegenüber regierungskritischen Medien als „Sklaven- und Todeslager“. Die unabhängige türkische Nachrichtenwebseite T-24 zitierte kürzlich einen Ingenieur, der zwei Jahre auf der Baustelle gearbeitet hat. „Die Zahl von 1000 Toten seit Baubeginn im Juni 2014 wäre eine optimistische Schätzung“, sagte er. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück.

Neuer Istanbuler Flughafen soll 200 Millionen Passagiere pro Jahr befördern

Weiter beklagen die Bauarbeiter schlechte Unterkünfte, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und dadurch hervorgerufene tödliche Unfälle sowie massiven Zeitdruck auf der Großbaustelle. „Wir werden hier nicht wie Menschen behandelt“, sagte ein Beschäftigter in einem von einem Abgeordneten der Oppositionspartei CHP verbreiteten Video. Andere berichteten dem Sender „Deutsche Welle“, sie bekämen nur ein, zwei Kartoffeln pro Tag zu essen und seien nahezu am verhungern.

Der neue Flughafen soll bei vollständiger Fertigstellung eine Kapazität von 200 Millionen Reisenden pro Jahr haben. Am 29. Oktober — dem Tag der Republikgründung — soll er in einer ersten Phase mit einer Kapazität von 90 Millionen Reisenden im Jahr eröffnet werden. Er soll den nach Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk benannten Airport im Südwesten Istanbuls ersetzten.

„Der neue Flugplatz ist der Startschuss für das Rennen über den Umsteigeflugplatz der Zukunft in Richtung Asien“, sagte der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt der Zeitung „Welt“. Bislang seien viele Passagiere aus Europa über Dubai nach Fernost geflogen, künftig liege der Umsteigeflugplatz Istanbul günstiger, was Flugzeit spare, so Großbongardt. Zumindest für die Anfangszeit halte er den Flughafen jedoch für überdimnesioniert.

mgs/mit Material der dpa

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