Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Familienbetriebe: Warum der Brexit deutsche Unternehmer trifft

Wirtschaftswoche-Logo Wirtschaftswoche 12.10.2018 Ramthun, Christian Dr.
Wo das Geld wohnt: In London lässt es sich für Reiche gut leben © imago Wo das Geld wohnt: In London lässt es sich für Reiche gut leben

Der Brexit gefährdet unzählige deutsche Familienunternehmen. Der simple Grund: Häufig lebt der Nachwuchs der Eigentümer in Großbritannien, denn britische Internate, Colleges und Banken gelten als Kaderschmieden.

Eigentlich müsste der Unternehmer aus Süddeutschland mächtig stolz auf seinen Sohn sein: Er hat in Cambridge studiert, arbeitet nun in der Londoner City bei einer renommierten Investmentbank und soll eines Tages gut gerüstet das Familienunternehmen übernehmen. Das Ganze hat nur einen Haken: Der Brexit wirbelt den seit Langem geplanten Generationswechsel durcheinander. „Ich darf weder Anteile übertragen noch sterben“, sagt der Vater, der lieber anonym bleiben will. „Sonst drohen uns mehrere Hundert Millionen Euro Brexit-Steuer.“

Brexit-Steuer? Hinter dem Begriff verbirgt sich die sogenannte Wegzugsbesteuerung, die automatisch bei deutschen Familienunternehmen greift, wenn deren Gesellschafter in ein Land außerhalb der EU ziehen – also auch, wenn sie im künftigen Drittland Großbritannien leben.

Dabei handelt es sich nicht um bedauernswerte Einzelfälle: Britische Internate, Colleges und Banken gelten nach wie vor als Kaderschmieden für künftige Firmenlenker. Deshalb haben viele Familienunternehmer ihren Nachwuchs dorthin geschickt. Und so stehen Tausende Familienunternehmen vor dem gleichen Dilemma.

Die Gründe liegen tief im deutschen Steuerrecht und der Tatsache, dass erfolgreiche Unternehmen im Laufe der Jahre häufig beträchtliche stille Reserven ansammeln: Vor allem Immobilien stehen nur zu einem Bruchteil ihres tatsächlichen Wertes in den Bilanzen. Die eigentliche Wertsteigerung besteuert das Finanzamt in der Regel allerdings erst dann, wenn ein Unternehmen verkauft wird – oder ein Gesellschafter dauerhaft das Land verlässt, sich also dem Zugriff der deutschen Behörden zu entziehen droht.

Nicht mehr als ein Moratorium

Die Existenzsorgen vieler Mittelständler macht sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nun zumindest teilweise zu eigen. Seine Beamten erarbeiteten in den vergangenen Monaten den Entwurf für ein Brexit-Steuerbegleitgesetz. Dieser soll kurz vor Weihnachten vom Kabinett verabschiedet werden und zum erwarteten EU-Austritt am 29. März 2019 in Kraft treten. Im Kern will Scholz ein Moratorium schaffen und Großbritannien somit steuerrechtlich bis Ende 2020 weiter wie ein EU-Mitglied behandeln. Dann würde der Fiskus die sonst fällige Wegzugssteuer für alle Gesellschafter stunden, die bereits im Königreich leben. „Die Regelungen stellen den Status quo sicher“, heißt es in dem Gesetzentwurf.

Viele Familienunternehmen bekämen eine Art Galgenfrist. Mehr nicht. Und selbst die würde nicht für alle gelten. Denn Scholz will die Verschonungsregel auf Altfälle begrenzen, die bis zum 23. Juni 2016 eingetreten sind. An diesem Tag entschieden sich die Briten für den Austritt. Wer also danach als (potenzieller) Gesellschafter nach England, Schottland, Wales oder Nordirland gezogen ist, käme nicht automatisch in den Genuss einer Stundung.

Von einem „noch sehr schmalen Gesetzentwurf“ spricht deshalb der CDU-Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler. Er habe das Gefühl, so der Steuerberater nach Durchsicht des zweieinhalbseitigen Entwurfs, „dass wir im Bundestag noch einiges zu ergänzen haben“. Ziel müsse sein, dass es durch den Brexit für keinen Steuerpflichtigen zu Mehrbelastungen komme.

Darauf hofft auch die Stiftung Familienunternehmen. Im vorgelegten Gesetzentwurf fehlten Lösungen für einige Probleme, urteilt Vorstandsmitglied Rainer Kirchdörfer. Dadurch seien die betroffenen Firmen und ihre Gesellschafter sechs Monate vor dem Brexit einer „unerträglichen Rechtsunsicherheit“ ausgesetzt. Dass sich die Verhandlungen in Brüssel hinzögen, so Kirchdörfer, entlasse dabei den deutschen Gesetzgeber „nicht aus seiner eigenen Verantwortung, Klarheit zu schaffen“.

Das könnte Sie auch interessieren

US-Notenbank: Trump – „Die Fed ist verrückt geworden“

Probleme im Firmenalltag

Was allerdings gar nicht so einfach ist. Denn das Problem mit der Wegzugsbesteuerung besteht seit Langem. Das Instrument wurde Anfang der Siebzigerjahre als „Lex Horten“ eingeführt, weil der einstige Kaufhauskönig Helmut Horten sein Vermögen steuerfrei in die Schweiz verschoben hatte. Seither passt der Staat auf, dass sein Besteuerungsrecht nicht durch Wegzug ausgehebelt wird.

Allerdings schafft dieses Instrument im Alltag viele Probleme. Ein häufiger Fall ist, dass ein Gesellschafter eine Niederlassung in den USA leiten oder ein Werk in China aufbauen soll. In diesen Fällen stundet der Fiskus üblicherweise die eigentlich sofort fällige Steuer auf fünf Jahre, verbunden mit der Möglichkeit einer einmaligen Fristverlängerung.

Im Vergleich zum Brexit sind das allerdings Problemchen. „Es wäre Zeit“, fordert deshalb Kirchdörfer, „die Steuer so zu gestalten, dass sie die Globalisierung von Familienunternehmen und ihrer Gesellschafter nicht behindert.“ Wie dies aussehen könnte? Da hat der Seniorchef aus Süddeutschland, dessen Sohn in Großbritannien lebt, einen Vorschlag: Bereits in einem Schreiben an den Scholz-Vorgänger Wolfgang Schäuble (CDU) hatte er für eine Dauerstundung geworben – allerdings nur eine ausweichende Antwort bekommen.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

Für Privatversicherte stiegen die Beiträge seit 2009 jährlich durchschnittlich um 2,8 Prozent. Nächste Geschichte

Ist die private Krankenversicherung wirklich teurer?

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Wirtschaftswoche

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon