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Frauenquote für Vorstände: Kann die das?

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 21.11.2020 Michaela Schießl

Die Regierung führt endlich eine Frauenquote für Unternehmensvorstände ein. Doch es braucht mehr, um die männlichen Firmenkulturen zu stürzen.

© Oliver Berg / dpa

Man hört förmlich das Stöhnen in den schwarzbeanzugten Pinguin-Etagen der Großunternehmen: Warum um Himmels Willen muss das nun auch noch sein? Die schwarz-rote Koalition hat das Unvorstellbare getan und sich auf eine verbindliche Frauenquote in Vorständen geeinigt.

In den Leitungsgremien börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss künftig ein Mitglied weiblich sein. Kommende Woche soll der in einer Arbeitsgruppe errungene Durchbruch den Koalitionsspitzen zur Entscheidung vorgelegt werden.

Ist Corona nicht Plage genug? Braucht es ausgerechnet jetzt ein Gesetz, das Firmen zwingen soll, Frauen ins Allerheiligste, die Vorstandsetagen, einzulassen?

Ja, das braucht es. Leider. 2001 verhinderte die Wirtschaft ein Gleichstellungsgesetz, indem sie gelobte und beteuerte, den Anteil der Frauen in den Führungsetagen freiwillig zu erhöhen. Was, wie so oft bei Selbstverpflichtungen, nicht geschah.

Bis heute gilt vorwiegend und nicht nur im Dax: Sie müssen leider draußen bleiben. Im Vergleich mit britischen, amerikanischen oder skandinavischen Konzernen wirken deutsche Unternehmen in dieser Hinsicht zum Mitschämen bieder, spießig, vorgestrig.

Nach wie vor liegt der Mehltau des Patriarchats auf den Unternehmen wie die Schuppen auf den Anzugschultern. Dabei ist es egal, ob die Zweireiher durch hippe Hoodies ersetzt werden; in den Köpfen der Rekrutierer und Aufseher ändert sich wenig. Auch in den jungen IT-Firmen haben bisher vorwiegend Männer das Sagen. Business as usual, seit Jahrhunderten. 

Nichts scheint zu helfen. Nicht, dass Frauen mittlerweile oft die besseren Uniabschlüsse vorweisen. Keine Studien, die das große, ungenutzte Potential kompetenter Frauen und die hohe Leistungsfähigkeit gemischter Teams belegen.

Elf der 30 Dax-Konzerne haben keine Frau im Vorstand

Keine Diversifikationspredigt. Keine Managerinnen, die sich wie Männer benehmen. Nicht einmal die Vorbilder aus den USA und Schweden geben den deutschen Bossen zu denken, wo 97 Prozent der börsennotierten Unternehmen gleich mehrere Frauen im Vorstand haben – und trotz dieser ungeheuren Bürde rätselhafterweise nicht Pleite gehen.

In Deutschland haben elf der 30 Dax-Konzerne keine einzige weibliche Führungskraft im Vorstand. Der Frauenanteil ist sogar auf den Stand von 2017 gefallen und beträgt aktuell nur 12,8 Prozent. Was daran liegt, dass eine ganze Reihe von Frauen, die es nach oben geschafft hatten, wieder abserviert wurden oder das Handtuch warfen.

Unvergessen, wie das Softwarehaus SAP gefeiert wurde, als Jennifer Morgan im Oktober 2019 zur ersten Frau an die Spitze des DAX-Konzerns befördert wurde, auch noch des wertvollsten. Ein halbes Jahr später war das Fest vorbei, die 49-Jährige, die 16 Jahre lang bei SAP gearbeitet hatte, musste wegen unüberbrückbarer strategischer Differenzen mit ihrem 38-jährigen Co-CEO Klein gehen.

Im gleichen Jahr trennte sich Siemens von seiner gefeierten Personalchefin Janina Kugel. Bei der Allianz war es nach nur 17 Monaten mit Personalvorständin Ana-Christina Grohnert vorbei, bei der Deutschen Bank musste Compliance-Chefin Sylvie Matherat gehen, und bei der Lufthansa räumte Arbeitsdirektorin Bettina Volkens ihren Posten.

Bei der Bundesagentur für Arbeit verlor Vorständin Valerie Holsboer einen hässlichen Machtkampf. Wiebke Köhler, bis Oktober 2018 Ex-Personalvorständin bei Axa-Versicherung, überlebte kein Jahr in der Position, Christine Hohmann-Dennhardt hielt sich 13 Monate als Ethik-Vorstand bei Volkswagen. Undsoweiterundsofort.

Hinter vorgehaltener Hand hört man ihn dann, den beliebten Killersatz: Die können es halt nicht. Tatsächlich scheinen es die Männer zu sein, die nicht können. Die Unternehmen versagen eklatant darin, ihre Kultur so zu verändern, dass Frauen dort erfolgreich agieren können.

Die Neuzugänge scheitern an mächtigen Netzwerken, gut geölten Männerfreundschaften, auch an einzelnen Provokateuren, die zur Belustigung der Gorillaherde jovial geduldet werden. Wer das nicht witzig findet, hat halt keinen Humor.

Damit nicht herauskommt, woran so viele Frauen in Führungspositionen scheitern, zahlen die Firmen den abgeschossenen Managerinnen hohe Abfindungen, die mit einem Schweigegelübde einhergehen. Keine darf über ihre Erfahrungen, über die Untiefen, auch nicht über die fremden und eigenen Fehler reden.

Dieser Maulkorb ist Mitschuld an der Misere. Denn so tappt eine mögliche Nachfolgerin unversehens in die gleichen Fallen. Und scheitert ebenfalls, wie durch ein Wunder. Was wiederum beweist: Die Frauen können es halt nicht.

Gegen diesen Mechanismus hilft nicht alleine das überfällige Gleichstellungsgesetz. Es hilft nur: Reden. Offenlegen. Auspacken. Gemeinsam, öffentlich und schonungslos. Eine Art MeToo-Bewegung der Führungsfrauen könnte eine gesellschaftliche Diskussion auslösen und endlich ans Licht bringen, warum deutsche Unternehmen in Sachen Diversität so peinlich hinterherhinken. 

Noch hält das Mantra, wonach es unprofessionell und eine Schwächung des Marktwerts sei, offen über seine Erfahrungen zu berichten. Noch gelingt die Vereinzelung. Obwohl sich die Fälle ähneln, häufen, wiederholen. Wenn sich das einmal ändert, könnte das Kartenhaus, auf dem die deutsche Unternehmenskultur steht, einstürzen. Und Frauen hätten endlich gleiche Chancen auf Erfolg.

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