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Geld sparen ohne CO2-Ausstoß: So nachhaltig sind grüne Bankkonten

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 11.07.2020 Laurin Meyer

Mit jeder Transaktion den Regenwald schützen: Bankkunden verlangen immer häufiger nach solchen Angeboten. Experten raten, sich gut zu informieren.

Mit dem Geld auf dem Girokonto nachhaltige Projekte fördern: Das wollen immer mehr Bankkunden. © Foto: picture alliance/Oliver Berg/dpa Mit dem Geld auf dem Girokonto nachhaltige Projekte fördern: Das wollen immer mehr Bankkunden.

Normalerweise erfüllen Banking-Apps fürs Smartphone vor allem einen Zweck: Nutzer können schnell nachschauen, wie viel Geld auf ihrem Konto liegt. Bei „Tomorrow“ ist das anders. Wer Kunde bei dem Hamburger Start-up ist, findet auch heraus, wie viele Bäume er bereits im brasilianischen Regenwald geschützt hat. Oder wie viel CO2 er in den vergangenen Monaten eingespart hat. Sozusagen ein Klick fürs grüne Gewissen.

Möglich macht es das spezielle Angebot, mit dem Tomorrow seine Kunden lockt. Für jede Transaktion will das Start-up etwas Gutes tun. Das Prinzip: Immer wenn ein Kunde mit seiner Karte bezahlt, bekommt Tomorrow vom Händler eine Provision. Anstatt diese einzukassieren, steckt sie der Kontoanbieter aber in den Erhalt eines brasilianischen Waldes. Allein im Mai habe Tomorrow nach eigenen Angaben mehr als 900.000 Bäume schützen können.

Mit dem Konto der Umwelt helfen – dieses Gefühl möchten zunehmend mehr Bankkunden bekommen. Eine aktuelle Studie der Beratungsfirma Zeb zeigt, dass sich die Zielgruppe der nachhaltigkeitsaffinen Bankkunden seit 2014 vervierfacht hat. „Nachhaltigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und Banken haben das erkannt“, sagt Ulrich Hoyer, Mitautor der Studie.

Das zeigt nicht zuletzt eine Ankündigung aus der vergangenen Woche: 16 Banken haben sich vorgenommen, den von ihnen mitfinanzierten CO2-Ausstoß zu messen und zunehmend zu reduzieren. Unterschrieben haben die Selbstverpflichtung auch große Häuser wie die Deutsche Bank oder die Hypovereinsbank.

Auch nachhaltige Fonds haben noch einen CO2-Fußabdruck

Tatsächlich wünschen sich laut Zeb-Umfrage zwei Drittel der befragten Bankkunden eine deutliche Weiterentwicklung der eigenen Hausbank in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Dafür wären einige offenbar auch bereit, mehr zu zahlen. Die Beratungsfirma rechnet im Privatkundengeschäft mit jährlichen Ertragschancen von 820 Millionen Euro, die nachhaltig orientierte Bankkunden den Instituten zusätzlich einbringen könnten. „Um die Zusatzpotenziale zu nutzen, müssen sich die meisten Kreditinstitute allerdings noch erheblich strecken“, sagt Zeb-Experte Hoyer.

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Während es bei einigen Banken noch am Angebot mangelt, haben einzelne es längst zu ihrem Geschäftsmodell gemacht, darunter die niederländische Triodos-Bank. Das Institut sieht sich selbst als Europas führende Nachhaltigkeitsbank, bietet ausschließlich grüne Fonds an. „Und dennoch“, sagt Deutschland-Geschäftsführer Georg Schürmann, „bleibt auch bei diesen Fonds ein ökologischer Fußabdruck übrig.“ So fallen je nach Produkt noch bis zu 40 Kilogram CO2 pro 1000 Euro an Investitionsvolumen an.

Kunden können aussuchen, in welche Projekte ihr Geld fließt

In der vergangenen Woche hat Triodos hierzulande deshalb ein klimaneutrales Depot gestartet. Den verbleibenden CO2-Ausstoß der Fonds kompensiert die Bank zusätzlich mit einer Zahlung. Ein Rechenbeispiel: Bei einem CO2-Preis von 25 Euro pro Tonne zahlt Triodos pro neu investierten 1000 Euro gut einen Euro obendrauf. Das Geld fließt in die Aufforstung eines Waldes im afrikanischen Uganda. Die Kosten dafür will die Bank noch nicht auf ihre Kunden umlegen. Für die Zukunft sei aber denkbar, dass solche Kompensationen in den Fondsgebühren eingepreist werden.

Neben Triodos gilt auch die GLS Bank als Platzhirsch unter den Nachhaltigkeitsbanken. Wer dort ein Girokonto eröffnet, der kann selbst wählen, welche Branche er mit seinen Einlagen finanzieren möchte. Kunden haben etwa die Auswahl zwischen Projekten aus Bildung und Kultur, Ernährung und erneuerbaren Energien. In einer Onlinekarte veröffentlicht die GLS die unterstützten Projekte. Das grüne Gewissen hat jedoch auch einen Preis: Erwachsene Kontoinhaber ab 28 Jahre zahlen einen monatlichen Beitrag von fünf Euro, zusätzlich Kontoführungsgebühren von 3,80 Euro.

Noch keine Banklizenz

Ähnlich macht es auch das Start-up Tomorrow. Für monatlich 15 Euro bekommen Kunden ein CO2-neutrales Girokonto. Das Geld nutzt das Start-up, um dauerhaft den durchschnittlichen CO2-Ausstoß eines Deutschen auszugleichen – fast eine Tonne jeden Monat. Dafür finanziert Tomorrow etwa Biogasanlagen in Vietnam. Die Gründer sehen sich selbst als Bankräuber für etwas Gutes.

Eine eigenständige Bank ist Tomorrow allerdings nicht. Das Start-up besitzt noch keine Vollbanklizenz, kooperiert stattdessen mit der Solarisbank, die dem Start-up die Kontoinfrastruktur zur Verfügung stellt. Insgesamt 34.600 Kunden hat Tomorrow, zusammen haben sie Einlagen in Höhe von fast 60 Millionen Euro auf den Konten.

Gutes tun oder schlechtes vermeiden?

Doch grün scheint davon noch nicht alles zu sein. Von den Einlagen sind nämlich nur rund zehn Millionen Euro aktiv in nachhaltige Projekte investiert, etwa in einem „Green Bond“ zum Ausbau erneuerbarer Energien. Auch wenn Tomorrow seine Provisionen und Kontogebühren spendet: Für den Großteil der Einlagen verspricht der Anbieter auf seiner Webseite lediglich, dass nichts davon in gestrige Branchen fließt – etwa in Rüstung oder Kohle.

Gutes tun oder bloß schlechtes vermeiden? Bevor sich Anleger für ein Produkt entscheiden, sollten sie zunächst die eigenen Ansprüche klären, rät Hendrik Buhrs vom Verbraucherportal „Finanztip“. Was es den Kunden jedoch schwer macht: „Es gibt keine allgemeingültige Definition für ethische oder nachhaltige Finanzprodukte“, sagt Buhrs. Ob eine Bank die eigenen Maßstäbe erfüllt, müssen Kunden sich selbst anschauen. Etwa, wie transparent die Bank darüber aufklärt, was sie mit dem Geld tut.

Kunden beschwerten sich wegen neuer Karte

Für Geldanlagen wie Fonds gibt es immerhin unabhängige Siegel. Die Kennzeichnung vom „Forum Nachhaltige Geldanlagen“ (FNG) habe einen guten Ruf, der „Fair Finance Guide“ veröffentlicht Rankings zu Banken. „Trotzdem sollte ich dies eher als Recherchehilfe verstehen und mir das konkrete Produkt noch mal eigenständig ansehen“, sagt Buhrs. Nachhaltigkeit sei immer auch eine Verlockung für die PR-Abteilung eines Unternehmens. Der Trend gehe aber in Richtung ernstgemeinte Nachhaltigkeit, sagt der Experte.

Wie ernst es die Gründer von Tomorrow meinen, haben sich manche Kunden zuletzt gefragt. Das Start-up hat im Juni ein neues Design für seine Karte herausgebracht. Wer will, kann die Karte per Klick in der App beantragen und bekommt die aufgehübschte Version per Post zugeschickt. Bei einigen kam das jedoch gar nicht gut an, wie die Redaktionen in den sozialen Netzwerken zeigten. Schließlich sind die Karten aus Plastik.


Video: Ökostrom-Paradox: Warum Verbraucher trotz negativer Strompreise immer mehr zahlen (SAT.1)

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