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Großbritannien: Einmal unten, immer unten

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 17.07.2017 Malte Laub

Großbritannien ist nicht nur in der Frage des Brexit gespalten. Das Land ist immer noch eine Klassengesellschaft, sozialer Aufstieg ist fast unmöglich.

Jahrzehnte lang haben die Briten hingenommen, dass ihre Gesellschaft tief gespalten ist. © Christopher Furlong Jahrzehnte lang haben die Briten hingenommen, dass ihre Gesellschaft tief gespalten ist.

Scotland Yard hat die Suche nach den Toten erst vor wenigen Tagen beendet, 81 Menschen sind durch den Brand im Londoner Grenfell Tower ums Leben gekommen. Während die Feuerwehr das Hochhaus noch löschte, begann in Großbritannien die Diskussion über die sozialen Ursachen der Katastrophe. Ein Wohnblock, vernachlässigt, möglichst billig saniert, und das mitten im reichen Stadtteil Kensington. Hier sind vor allem die prachtvollen Häuser wohlhabender Londoner zu bewundern – mit ihren Luxuskarossen davor und Privatschwimmbädern darunter. Doch Sozialwohnungen gibt es eben auch.

Durch das Feuer ist augenscheinlich geworden, wie eklatant die sozialen Unterschiede in Großbritannien sind. Jahrzehntelang haben die Briten hingenommen, dass ihre Gesellschaft tief gespalten ist. Über die Ungleichheit sprach kaum einer, obwohl sie sich immer deutlicher abgezeichnet hat. Grenfell war ein Fanal.

Dass diese Unterschiede existieren, bezweifelt in Großbritannien kaum jemand. Auch der Begriff der Klassen wird, anders als etwa in Deutschland, oft zur Analyse gebraucht. Allein daran zeigt sich, wie manifestiert das Klassenkonzept ist.

Selbst wenn man die Monarchie mit der Queen an der Spitze außen vor lässt, zerfällt die britische Gesellschaft heute in sieben Klassen. Das ergab die Great British Class Survey, eine von der BBC im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der Wissenschaftler Mike Savage von der London School of Economics und Fiona Devine von der University of Manchester. Aufgeschlüsselt nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital identifizierten die Wissenschaftler folgende Klassen: Elite, etablierte und technische Mittelklasse, neu-wohlhabende Arbeiter, traditionelle Arbeiterklasse, junge Dienstleistungsarbeiter und Prekariat.

Gerade um die unteren Klassen steht es nicht besonders gut. Die Autoren der BBC-Studie sortieren fast die Hälfte der Bevölkerung in die drei untersten Klassen ein, allein 15 Prozent zählen sie zum Prekariat. Diese Menschen haben ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur 8.000 Pfund, so gut wie keine Ersparnisse oder Grundbesitz und sind auch sozial und kulturell benachteiligt. Es sind die Angehörigen dieser Klasse, über die die Labour-Abgeordnete Emma Dent Coad kürzlich in ihrer ersten Rede im britischen Unterhaus sprach. Sie wurde kurz vor dem Grenfell-Brand als erste Labour-Abgeordnete für den Bezirk Kensington ins Parlament gewählt und berichtete von den Lebensbedingungen, die es dort gibt: fünf Kinder, die sich eine Matratze teilen, Mangelernährung, giftiger Schimmel, chronische Krankheiten, all das habe sie zwischen Royal Albert Hall und Naturkundemuseum gesehen.

Etwa 5.000 Pfund sparte man bei der Renovierung des Grenfell Towers, wie der Guardian berichtete, weil man statt brandbeständiger Verkleidungen lieber die günstigere Variante nahm, die nun im Verdacht steht, dazu beigetragen zu haben, dass sich die Flammen so schnell verbreiteten.Auch die Feuerwehrleute, von den Briten als Helden gefeiert, klagen über Sparmaßnahmen des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und jetzigen Außenministers Boris Johnson. Die Polizei stimmt in diese Kritik ein, auch das staatliche Gesundheitssystem NHS funktioniert nach einer Reihe von wirtschaftlichen Amputationen schlecht. Vor der Wahl hatte Theresa May vorgeschlagen, das kostenlose Schulessen für Kinder aus armen Familien zu streichen und Pflegebedürftige für ihre Versorgung bis zu 100.000 Pfund selbst zahlen zu lassen.

Wer nach den Ursachen für diese Armut und damit für die extremen Unterschiede in der britischen Gesellschaft sucht, muss sich drei Faktoren vor Augen führen. Er muss erstens zurückgehen in die britische Geschichte bis in die ausgebliebene bürgerliche Revolution vor mehr als 200 Jahren, muss sich zweitens ansehen, wie unbeweglich das britische Bildungssystem immer noch ist, und muss drittens verstehen, wie der Neoliberalismus der vergangenen 40 Jahre die Situation verschärft hat.

Es ist nicht übertrieben, eine Ursache für das heutige Klassensystem in der Zeit der Französischen Revolution zu suchen, eine Revolution, die auf der Insel so nicht stattgefunden hat. Während auf dem europäischen Festland das Bürgertum dem Adel seine Ländereien und Sonderrechte streitig machte, schaffte es die herrschende angelsächsische Klasse einigermaßen unfallfrei, sich in die neuen Verhältnisse einzusortieren. So kommt es, dass sich Nachnamen wie Baskerville, Montgomery, Darcy oder Percy, die auf reiche Großgrundbesitzer zu Zeiten der normannischen Eroberer von 1066 zurückgehen, bis zum heutigen Tag überproportional in den Immatrikulationslisten der prestigeträchtigen Universitäten von Oxford und Cambridge finden, ebenso im Parlament oder in Erburkunden. Der schottische Wirtschaftsprofessor Gregory Clark hat das in seinem Buch The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility anschaulich zurückverfolgt.

Die soziale Mobilität, also die Möglichkeit, von der einen Klasse in andere auf- oder auch abzusteigen, ist in Großbritannien besonders gering. So dauert es für Angehörige der untersten Klasse zehn Generationen, um sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu erarbeiten, hat Clark herausgefunden. Umgekehrt ist für scheiternde Eliten der Absturz entsprechend sanft.

Sozialer Aufstieg extrem schwer

Als Voraussetzung für hohe soziale Mobilität gilt allgemein ein Bildungssystem, das auch den Angehörigen der unteren Schichten gute Chancen bietet. Doch in Großbritannien hängt es noch heute von der Klassenzugehörigkeit ab, wer welche Schule besucht. Und das hat Folgen: Nur sieben Prozent der Briten haben nicht staatliche Schulen besucht, aber sie machen mehr als 70 Prozent der Justiz und des Militärs aus, 60 Prozent der höheren medizinischen Berufe und 50 Prozent der Journalisten, Verwaltung und sogar des Kabinetts. Das zeigt eine Untersuchung des Sutton Trust.

Ähnliche Zusammenhänge weist auch die BBC-Studie für Universitäten auf. Überdurchschnittlich viele Angehörige der Eliten waren auf angesehenen Hochschulen und landeten danach im Topmanagement, anderen prestigeträchtigen Berufen oder in der Politik: 10 von 23 Kabinettsmitgliedern in Theresa Mays neuer Regierung haben Abschlüsse von Oxford oder Cambridge, sie selbst auch. Drei ihrer Minister kommen aus dem gleichen Studiengang: PPE – Philosophy, Politics, and Economics an der University of Oxford. Dieser Studiengang, so schrieb der Guardian einmal, "lenkt Großbritannien". Damit ist nicht nur die Politik gemeint, die rechts wie links von Absolventen dieses Programmes dominiert wird, sondern auch die Medien und Politikbeobachter.

Als Ergänzung zu diesem Bildungssystem mit seinen teuren Privatschulen und Topuniversitäten wurden im 19. Jahrhundert die staatlichen Schulen konzipiert – allerdings nicht, um den unteren Klassen besondere Aufstiegschancen zu verschaffen, sondern um sie unter Kontrolle zu halten, urteilt die Erziehungswissenschaftlerin Diane Reay von der Universität Cambridge. Etwa ein Jahrhundert später aber, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zeichneten sich für die weniger privilegierten Klassen Veränderungen ab. Großbritannien hatte stark an Wirtschaftsleistung eingebüßt, lag zum Teil in Trümmern, der Lebensstandard war gering. Die benachteiligten Klassen machten sich hörbar. Der Staat musste etwas unternehmen.

Bei allen Gegensätzen einigten sich Labour und Konservative auf einen post war consensus. Die Nachkriegsregierungen setzten auf Keynesianismus, nahmen Kernindustrien unter staatliche Kontrolle und erkannten an, dass Interessen der Arbeiterschaft ebenso legitim sind wie die der höheren Klassen. Gewerkschaften spielten eine große Rolle in der Lohngestaltung und mit dem National Health Service wurde eine flächendeckende Krankenversicherung eingeführt. Das schaffte die Klassengesellschaft zwar nicht ab, verbesserte die Situation der Arbeiterschaft aber.

Doch trotz aller Verbesserungen, wirtschaftlich kam das Königreich im internationalen Vergleich nicht voran. Die Inflationsraten und Löhne waren zu hoch, das Außenhandelsdefizit zu groß. Diese sogenannte britische Krankheit veranlasste die Konservativen dazu, Ende der siebziger Jahre den Nachkriegskonsens aufzukündigen und eine Therapie mit neoliberaler Politik zu versuchen – zuvorderst umgesetzt von der Premierministerin Margaret Thatcher, die elf Jahre im Amt war. Die Ausgaben wurden begrenzt, wo es nur ging, Privatisierungen vorangetrieben. Damit hatte Thatcher zwar großen wirtschaftlichen Erfolg, aber das Land zahlte dafür einen hohen Preis: Die Ungleichheit nahm wieder stark zu. Ende der neunziger Jahre lag die relative Armut dreimal so hoch wie zu Beginn der Amtszeit Thatchers, schreiben die Sozialwissenschaftler Anthony Giddens und Patrick Diamond in The New Egalitarianism. Wichtige Strukturen und Institutionen wie die Gewerkschaften, die für die Anliegen der unteren Klassen gekämpft hatten, wurden beinahe vollständig zerstört.

Erst Mitte der neunziger Jahre schlug der charismatische Labour-Politiker Tony Blair einen dritten Weg vor, zwischen Thatchers ungezügelter Marktwirtschaft und alten Labour-Sozialstaatsideen. Er gewann damit Wahlen, aber seine Versprechen, das Schulsystem und das von Thatcher beschnittene Gesundheitssystem zu verbessern, blieben weitgehend unerfüllt. Zwar ist das Schulsystem nicht mehr so hierarchisch, wie es noch in den sechziger Jahren war, doch es ist, mit all seinen Sonderregelungen und Reformen der vergangenen Jahrzehnte weit davon entfernt, für alle die gleichen Chancen zu bieten.

Bei den weiterführenden Schulen nahmen die Grammar Schools lange Zeit den Platz hinter den teuren Privatschulen ein – ehemalige staatliche Schulen mit Aufnahmetest, die als akademisch anspruchsvolle Alternative des Bürgertums zu berufsbildenden Schulen aufrechterhalten wurden. Ihre Zahl ist aber zugunsten der gesellschaftlich weitaus offeneren Comprehensive Schools, vergleichbar mit den deutschen Gesamtschulen, deutlich zurückgegangen. Doch auch der Zugang zu den besseren der öffentlichen Schulen ist begrenzt, da sie einen Teil ihrer Bewerber per Test aussuchen können. Das bevorzugt implizit Schüler aus reicherem Hause, etwa weil diese sich durch Nachhilfe vorbereiten können. Eine durchgreifende Reform, die das komplexe Schulsystem vereinfacht und Privilegien abbaut, hat es in Großbritannien bislang nicht gegeben.

Viele hoffen auf Corbyn

Auch deshalb ist der Unterschied zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden. Wenn in den Nachkriegsjahren die Ungleichheit für einige Zeit abnahm, so nahm sie ab den achtziger Jahren wieder zu. Das zeigen Untersuchungen des Equality Trust, der von den Ungleichheitsforschern Kate Pickett und Richard Wilkinson gegründet wurde. Heute vereint das reichste Fünftel der Bevölkerung 40 Prozent der gesamten Einkommen auf sich. Die Ungleichheit zeigt sich auch jenseits der monetären Kategorien: Die Lebenserwartung im ärmeren Teil des Londoner Stadtteils Southwark ist sieben Jahre kürzer als im wohlhabenderen Teil. Auch die Chance, einen guten Schulabschluss zu erreichen, ist im ärmeren Teil um zehn Prozentpunkte geringer.

Die Ungleichheit besteht also an vielen stellen: zwischen Jungen und Alten, zwischen Stadt und Land und zwischen der weißen Mehrheit und den ethnischen Minderheiten. Die ökonomischen und sozialen Realitäten der Briten sind enorm divers. Das Konzept der Klasseneinteilung bildet diese Ungleichheiten an wichtiger Stelle ab.

Jeremy Corbyn, der seit 2015 Labour-Parteichef ist, will dieses Klassensystem nun verändern. Lange galt er als sozialistisches Schreckgespenst, doch mit dem Erfolg bei der jüngsten Wahl konnte er sich auch innerparteilich durchsetzen. Er hat ein linkes Gegenprogramm zur noch nachhallenden neoliberalen Blair-Ära aufgelegt, das vor allem der Parteibasis gefällt. Corbyn hat mit seiner Labour-Partei zwar nicht die Mehrheit bei der Wahl gewonnen, sie aber den Konservativen genommen und gezeigt, dass ein Programm für Bildung, Gesundheit und Sozialstaat seine Wähler findet. Viele dieser Wähler sind jung und Teil einer ethnischen Minderheit. Sie gehören also zu den Klassen, die von der Politik der vergangenen Jahrzehnte besonders benachteiligt wurden.

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