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Impfung: Ema empfiehlt Astra-Zeneca-Impfstoff weiter uneingeschränkt

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 07.04.2021 Herwartz, Christoph
Risikogruppen könnten anhand der vorhandenen Daten nicht klar benannt werden. © dpa Risikogruppen könnten anhand der vorhandenen Daten nicht klar benannt werden.

Die Ema schätzt, dass Sinusvenenthrombosen bei einer von 100.000 Impfungen auftritt. Dagegen passt die britische Impfkommission ihre Empfehlung an.

Die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) empfiehlt weiterhin uneingeschränkt die Nutzung des Astra-Zeneca-Impfstoffs. Zwar gehe man davon aus, dass Hirnvenenthrombosen als Nebenwirkungen der Impfung auftreten könnten. Doch diese Nebenwirkung sei sehr selten. Die Ema rechnet mit etwa einen Fall pro 100.000 Impfungen.

Risikogruppen könnten anhand der vorhandenen Daten nicht klar benannt werden. Zwar befänden sich unter den gemeldeten Fällen vermehrt Frauen und vermehrt Menschen jünger als 60 Jahre, doch dies lasse sich zum Teil dadurch erklären, wie der Impfstoff angewendet werde. Der Hintergrund: In Deutschland etwa wurde der Impfstoff zwischenzeitlich nicht an Senioren verabreicht, sondern vor allem an Beschäftigte im Gesundheitswesen – wo junge Frauen in der Mehrheit sind.

Rechnet man diesen Effekt heraus, lässt sich wegen der wenigen Fälle kein klarer, statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen den Nebenwirkungen und Faktoren wie Alter oder Geschlecht herstellen. Ema-Chefin Emer Cooke betonte: „Es ist sehr wichtig, dass wir die Impfstoffe nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Wir müssen diese Pandemie besiegen. Es geht hier um sehr seltene Nebenwirkungen.“

Ärzte und Impflinge sollen nun über die Nebenwirkungen aufgeklärt werden. So können sie selbst entscheiden, ob sie den Impfstoff nehmen. Und sie können auf auftretende Nebenwirkungen achten, um sie früh behandeln zu können. Dazu gehören:

KurzatmigkeitBrustschmerzen geschwollene Beineanhaltende Unterleibsschmerzenkleine Blutpünktchen unter der Haut im Bereich der Injektionsstelle neurologische Symptome wie schwere und anhaltende Kopfschmerzen und unscharfes Sehen.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach sich vorerst für die weitere Verwendung des Impfstoffs von Astra-Zeneca aus. Nach aktueller Datengrundlage scheine ein Zusammenhang mit Thrombosen zwar plausibel, aber nicht bestätigt, teilten die Experten des Impfkomitees der WHO am Mittwochabend mit. Es bedürfe noch weiterer Studien, um eine mögliche Verbindung zwischen Impfung und etwaigem Risiko zu untersuchen.

Darüber hinaus wies die WHO darauf hin, dass die Vorfälle angesichts von inzwischen weltweit 200 Millionen mit Astra-Zeneca geimpften Menschen sehr selten seien. Demgegenüber seien inzwischen 2,6 Millionen Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. „Die Verabreichung von Impfstoffen basiert auf einer Kosten-Nutzen-Analyse“, so die WHO-Experten. Das Komitee werde nächste Woche erneut beraten.

In Deutschland sollen mit Astra-Zeneca Geimpfte als zweite Dosis einen anderen Impfstoff erhalten. Ob das ein sinnvolles Vorgehen sei, wollte die Ema nicht sagen. Es lägen dazu keine Daten vor. Die Entscheidung der Ema zur uneingeschränkten Anwendung von Astra-Zeneca hat voraussichtlich keine unmittelbare Auswirkung auf das bisherige Votum der Ständigen Impfkommission (Stiko) in Deutschland.

Was die Ema gemacht habe, könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte Stiko-Mitglied und Infektionsimmunologe Christian Bogdan am Mittwoch bei einer Onlinediskussion des Science Media Centers. „Aber das, was die Stiko gemacht hat, kann man sicherlich genauso rechtfertigen.“

Die Stiko hatte den Astra-Zeneca-Impfstoff zuletzt erst ab 60 Jahren empfohlen – und dabei auch Erfahrungen aus Großbritannien mit einbezogen, das schon einige Monate länger ältere Menschen mit diesem Vakzin impft. Die Ema-Entscheidung werde aber sicher ein Thema in einer der nächsten Stiko-Sitzungen werden, ergänzte Bogdan. „Vielleicht gibt es dann ja auch einen Begründungstext. Da werden wir uns nicht primär an einer Pressemitteilung orientieren.“

Grund für die Stiko-Einschränkung vor rund einer Woche war unter anderem das Auftreten von Hirnvenenthrombosen bei ein bis zwei unter 100.000 geimpften jüngeren Frauen in Deutschland. Es gab auch wenige Fälle bei Männern in Deutschland – allerdings wurden bisher bundesweit 2,5-mal mehr Frauen das erste Mal mit Astra-Zeneca geimpft.

Britische Impfkommission empfiehlt Astra-Zeneca nur noch für über 30-Jährige

„Es muss etwas sehr Seltenes sein“, sagte Bogdan zu der schweren Nebenwirkung. „Wir müssen hier einen Mechanismus haben, wo es eine gewisse quasi Prädisposition geben muss.“ Denn wenn die Thrombosen durch das Transportmittel, durch das der Impfstoff in die Zellen geschleust wird, bedingt wären, „dann müsste das sehr viel häufiger auftreten“. Es gebe auch keinen ihm bekannten Hinweis, dass es eine Geschlechterpräferenz bei dem Mechanismus gebe, ergänzte er. Auch mehrere Mechanismen bei unterschiedlichen Patienten seien möglich.

Die britische Impfkommission erklärte indes, das Vakzin nur noch für über 30-Jährige zu empfehlen. Ema-Chefin Cooke sagte dazu, dass in Großbritannien bisher sehr viel mehr Menschen unter 30 geimpft wurden als in der EU. Man verfolge weiterhin, ob es Anzeichen gebe, dass junge Menschen stärker von den Nebenwirkungen betroffen sein könnten.

In Großbritannien sind nach Angaben der Arzneimittelbehörde MHRA bislang 79 Fälle von seltenen Blutgerinnseln nach Impfungen mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff aufgetreten. Dabei kam es zu 19 Todesfällen. Die meisten dieser Fälle betrafen junge Menschen. Ein direkter Zusammenhang mit dem Impfstoff konnte laut Impfkommission zwar noch nicht nachgewiesen werden. Aber angesichts des geringeren Risikos für jüngere Menschen an Covid-19 zu sterben, habe man diese Abwägung getroffen, hieß es.

Mit Agenturmaterial.

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