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Insolvenz von Intersport Voswinkel: Startschuss für den Überlebens-Kampf im Sporthandel

Wirtschaftswoche-Logo Wirtschaftswoche 25.04.2019 Hielscher, Henryk ter Haseborg, Volker Steinkirchner, Peter
Sportliche Herausforderung: Intersport Voswinkel betreibt mehr als 70 Läden. © PR Sportliche Herausforderung: Intersport Voswinkel betreibt mehr als 70 Läden.

Billigheimer Decathlon, ein dynamischer Onlinemarkt und die Hersteller-Markenshops setzen dem traditionellen Sporthandel zu. Warum die Pleite der Intersport-Tochter Voswinkel nur der Auftakt zu einer Branchenkrise ist.

Displays und Touchscreens leuchten zwischen Turnschuhen. Digitale Umkleidekabinen und Virtual-Reality-Technik sollen zum Kauf von Bällen, Boards und Badehosen animieren. „So stellen wir uns unsere Zukunft vor“, hatte der damalige Intersport-Chef Kim Roether noch zur Eröffnung des Future Stores vor eineinhalb Jahren in Berlin gejubelt und versprochen, die besten Elemente der Flaggschifffiliale schnell in weitere Läden der Sporthandelsgruppe zu bringen. Nun ist klar: Daraus wird nichts. 

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Die Intersport-Tochter Voswinkel, die den mit Technik vollgepfropften Sportpalast sowie 73 weitere Filialen betreibt, hat am Mittwoch ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragt und damit eine auf Sanierung ausgerichtete Insolvenzvariante gestartet. Im Einkaufsverbund Intersport haben sich 1100 Sportfachhändler in fünf europäischen Ländern zusammengeschlossen. Unter Voswinkel sind dabei jene Filialen gebündelt, die von der Zentrale geführt werden. Sie soll Lorenzo Matthaei, Partner der Frankfurter Kanzlei Finkenhof, nun retten, Vermietern und Lieferanten bessere Konditionen abtrotzen, Kosten senken. Ein Manöver mit ungewissem Ausgang – und hoher Aufmerksamkeit der Branche. 

Denn im zersplitterten deutschen Sporthandel zählt Voswinkel mit einem Umsatz von 139 Millionen Euro zu den Großen, galt lange Zeit als Aushängeschild der Intersport-Gruppe. Dass es nun hier nicht mehr läuft, verheißt nichts Gutes für die vielen Hundert kleinen, inhabergeführten Sporthändler.

Es ist ein Mix aus neuer Konkurrenz und strukturellem Ungemach, der der gesamten Branche zu schaffen macht: Billiganbieter wie Decathlon erobern die Einkaufsstraßen. Große Hersteller wie Adidas setzen dem Fachhandel mit eigenen Markenshops zu. Vor allem aber verschärft der Onlinehandel den Kampf um Kunden. „Die Branche sieht sich mit komplett veränderten Spielregeln konfrontiert“, sagt Philipp Prechtl, Sporthandelsexperte der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner. „Für viele Händler wird es eng, wenn sie diesen neuen Spielregeln keine Beachtung schenken.“

Zu diesen neuen Branchenregeln gehört etwa, dass die beiden mit Abstand wichtigsten Zulieferer der Händler, die Sportmarken Adidas und Nike, selbst den direkten Weg zum Kunden suchen, weil ihnen so höhere Gewinnmargen winken. Allein Adidas hat weltweit inzwischen 2400 Läden eröffnet, weitere 14.000 Adidas-Shops werden von Geschäftspartnern betrieben. Gleichzeitig treiben beide Sportriesen ihr Online-Geschäft ehrgeizig voran: Bis 2020 will Adidas Fußballschuhe und Laufshirts im Wert von vier Milliarden Euro über seine eigenen Webseiten und Apps verkaufen – vier Mal so viel wie noch 2016. Und Weltmarktführer Nike, der 2018 einen Umsatz von 32 Milliarden Euro erzielte, will den Online-Anteil auf 30 Prozent verdoppeln. Dazu schraubt Adidas-Chef Kasper Rorsted am Vertriebstempo – in einigen Jahren schon will er Kunden, die bei ihm Schuhe online bestellen, die Treter innerhalb weniger Stunden ins Haus liefern.

Der traditionelle Handel hat derlei Möglichkeiten lange ignoriert – und findet sich nun immer öfter in Situationen wie Markus Rech sie gerade erlebt, Geschäftsführer des Sporthändlers Sportscheck. Sein Unternehmen gehört zu den Sorgenkindern im Firmengeflecht der Hamburger Otto-Gruppe und schreibt seit Jahren Verluste. Rech geht mit seiner Branche hart ins Gericht: „Der Sportfachhandel hat sich selbst unter Druck gebracht. Man hat sich darauf verlassen, dass der Kunde so einkauft wie in der Vergangenheit – und dass nur der Sportfachhandel die Konkurrenz ist.“

Tatsächlich sind Angreifer wie Amazon und Zalando die größere Gefahr. Allein Amazon soll im Sportbereich in den vergangenen vier Jahren um rund 90 Prozent gewachsen sein, heißt es in der Branche. Längst schon bietet das Online-Kaufhaus auch Sportkleidung unter Eigenmarken an. Trotzdem mieteten die stationären Platzhirsche weiter neue Flächen an – zu immer höheren Preisen.

Rech, der seinen Posten vor drei Jahren antrat, verordnete seinem Laden Kostendisziplin. Er schloss Geschäfte in Essen, Braunschweig und Reutlingen und schaut sich auch die Umsätze der verbliebenen 17 Filialen an. „Wir prüfen immer alle Optionen und jeden Standort von Quartal zu Quartal.“ Auch das Sortiment nahm er sich vor: Sportscheck sei in seinen Geschäften in der Vergangenheit zu sehr abhängig vom Verkauf von hochpreisigen Jacken gewesen, sagt er.

Für ihn steht fest: „Strategisch sind wir auf Kurs.“ Zahlenmäßig aber noch nicht: Der Umsatz, der im vorigen Geschäftsjahr bei 300 Millionen Euro lag, sei um einen einstelligen Prozentsatz zurückgegangen.

„Das Geschäftsmodell des undifferenzierten Händlers ist wahrscheinlich nicht mehr zukunftsfähig“, sagt Rech. Deshalb soll Sportscheck jetzt mehr sein: „Ein Treffpunkt für das Erlebnis Sport“. Rech will „Menschen zusammenführen, die einen aktiven und sportlichen Lebensstil pflegen“. Sportscheck verkauft Fitness-Kurse und hilft bei der Organisation von Sportveranstaltungen wie Marathons oder Yoga-Festivals. Der Webshop ist wie bei den Online-Angreifern zum Marktplatz geworden, wo Outdoorhersteller wie Mammut und Schöffel ihre Waren direkt feilbieten können, ohne dass Sportscheck diese selbst einkaufen muss. Der Online-Umsatz mache bereits 42 Prozent aus, berichtet Rech. „Das ist eine gute Geschichte.“ Im nächsten Jahr, so das Ziel, will Sportscheck zumindest mit dem Online-Geschäft in die schwarzen Zahlen kommen.

Angriff der Gallier

Die digitale Abwehr hat auch bei Sport2000 Priorität, wenn auch mit einem anderen Ansatz: Spezialisierung. 1025 Händler gehören zu dem Einkaufsverband – sie treten entweder unter der Marke Sport2000 auf, oder unter der eigenen. Mehr als die Hälfte seien Händler, die sich auf eine Kategorie fokussieren, so etwa auf den Verkauf von Lauf-, Fußball- oder Outdoor-Ausrüstung. Diese Spezialisten können sich mit einem tieferen Sortiment und guter Beratung im Markt behaupten, sagt Geschäftsführer Hans-Hermann Deters. „Unprofilierte Händler mit austauschbaren Sortimenten tun sich deutlich schwerer.“ Tastsächlich schlug sich die Deters-Truppe wacker – zumindest im Vergleich zur klassischen Konkurrenz. Helme, Hanteln und Hosen für gut zwei Milliarden Euro verkaufte Sport 2000 im vergangenen Jahr, 0,3 Prozent mehr als 2017.

Zahlen, die beim Rivalen Decathlon eher als Beleidigung angesehen würden. Europaweit setzte der Sport-Discounter schon 2017 11,3 Milliarden Euro um. Tendenz: weiter steigend. Auch dank des massiven Expansionstempos.

Erst Mitte April sperrten die Franzosen einen neuen Laden in Erfurt auf, füllen nach und nach die Lücken ihrer Deutschlandkarte, betreiben inzwischen 70 Filialen. Setzte Decathlon früher auf Lagerhallen in Gewerbegebieten, geht man mittlerweile mit kleineren Geschäften auch in die Innenstadt. In Düsseldorf etwa ist der Konzern Untermieter von C &A auf der Schadowstraße, in Berlin betreibt er gar ein Ladengeschäft im Hauptbahnhof und eines am Alex.

Die Folge: „Der deutsche Markt schreit eigentlich danach, dass es eine Konsolidierung gibt“, sagte jüngst der neue Intersport-Chef Alexander von Preen – wohl ohne dabei an die Tochter Voswinkel zu denken.

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