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Interview mit Saad Al Kaabi: „Öl und Gas müssen aus der Politik herausgehalten werden – gerade die USA sollten das wissen“

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 07.09.2018 Brüggmann, Mathias
„Die Ölvorkommen Katars sind sehr begrenzt, deshalb schauen wir über unsere Grenzen.“ © Bloomberg/Getty Images „Die Ölvorkommen Katars sind sehr begrenzt, deshalb schauen wir über unsere Grenzen.“

Saad Al Kaabi, Chef des weltgrößten Exporteurs von Flüssiggas, über seine Deutschland-Pläne, Streit mit der EU-Kommission, den US-Handelskrieg mit China und die Iran-Sanktionen.

Fast bescheiden hat Saad Al Kaabi, der Präsident und CEO des weltgrößten Flüssiggaskonzerns Qatar Petroleum (QP), sein Vorstandsbüro im zweiten Stock des imposanten, 241 Meter hohen Towers in Dohas Skyline. Eine Aussichtsplattform ragt oben am Hochhaus gen Persischer Golf, vor dem Eingang liegt ein mehrstöckiger, mit blauem Glas verkleideter Bau wie ein riesiger Ball. In seinem Büro empfängt er zum Interview, um über die Pläne seines Konzerns in Deutschland zu sprechen.

Deutschland will ja in Kürze über den Bau eines Terminals für Flüssiggas (LNG) in Norddeutschland entscheiden. Was halten Sie davon?

Deutschland ist gut angebunden durch Gas-Pipelines, aber auch über LNG-Terminals in Belgien und Holland. Aber Deutschland ist ein so reifer und großer Markt sowie das am meisten industrialisierte Land Europas – da ist es nur richtig, ein eigenes LNG-Importterminal zu haben. Das erhöht die Versorgungssicherheit. Diversität auf dem Energiesektor ist für ein Land wie Deutschland sehr wichtig.

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Wäre denn QP bereit, sich am Bau eines LNG-Terminals an der Elbe oder an der Nordsee zu beteiligen?

Wir reden mit Uniper und RWE, die beide ein solches Terminal an zwei unterschiedlichen Standorten im Norden Deutschlands planen, denn wir sind sehr interessiert am deutschen Markt.

Sind Sie auch interessiert, einen Anteil daran zu erwerben?

Es gibt zwei Modelle: Man kann einen Teil der Kapazität eines Terminals unter Vertrag nehmen und sich so Liefermöglichkeiten erschließen. Oder man kann Anteilseigner eines solchen Terminals werden, darein investieren. Die Erbauer müssen sich überlegen, was sie wollen, und wir müssen entscheiden, was am besten für uns ist. Wir sind noch in einem sehr frühen Stadium. Aber wir denken sehr ernsthaft an eine Beteiligung an einem deutschen LNG-Terminal und reden mit beiden Firmen.

Aber wird jemals katarisches LNG dort angeliefert werden können? Oder wird ein solches Terminal nur gebaut, um den Druck des US-Präsidenten Donald Trump durch Käufe von amerikanischem Flüssiggas in Deutschland abzumildern?

Wir sehen uns nicht nur als katarischen LNG-Lieferanten, wir sind ja überall in der Welt investiert und bauen unsere LNH-Kapazitäten global aus – in den USA und andernorts. Es geht also darum, ob überhaupt LNG in ein so wichtiges Land wir Deutschland geliefert wird. Wir wollen Teil der Lösung der Gaslieferfrage für Deutschland werden. Wenn Deutschland ein eigenes Terminal will und Bezug aus verschiedenen Quellen, dann sind wir dazu bereit aus Katar zu liefern und als QP auch aus anderen Ländern der Welt.

Aber ist LNG denn angesichts russischen Pipeline-Gases in Deutschland überhaupt preislich konkurrenzfähig?

So sehen wir die Lage nicht. Beide Arten von Gas lassen sich nicht vergleichen. Natürlich ist es deutlich teurer, gas zu verflüssigen, auf Tankern bei extrem niedrigen Temperaturen zu produzieren und in LNG-Terminals wieder gasförmig zu machen. Pipelines werden einmal gebaut und stehen dann für Jahre.

Aber der Pipeline-Bau verschlingt ja auch Milliarden.

Natürlich, aber auch die LNG-Infrastruktur ist teuer. Aber Deutschland braucht sehr viel Erdgas – und zwar russisches Gas aus einer Pipeline und Gas aus anderen Quellen. Und ich sehe das nicht als Konkurrenz zwischen uns und Russland, sondern als Frage, ob der Markt nicht groß genug ist, dass da Platz für alle ist. Und jeder Markt will Diversität. Auch wenn Deutschland direkt LNG importieren würde, würde es ja nicht nur aus Katar kaufen, sondern auch aus den USA, aus Australien und wo immer es herkommt. Jeder kluge Käufer besorgt sich Energie aus unterschiedlichen Quellen und jeder kluge Verkäufer versorgt verschiedene Märkte. Da geht es um rein wirtschaftliche Fragen.

Die EU-Kommission ermittelt wegen der Langfrist-Lieferverträge von QP mit europäischen Kunden, wie sie es vorher schon mit Gazprom getan hat. Haben Sie Wettbewerbsrecht verletzt?

Die EU-Kommission hat uns informiert, dass sie Einblick nehmen will in Katars Lieferverträge. Dabei geht es allerdings nicht um QP, sondern um unsere Joint Ventures mit Exxon-Mobil, Conoco-Philips, Total und Shell, die LNG nach Europa liefern. Aber eines ist klar: Alle Lieferverträge, die wir abschließen, halten sich an alle gesetzlichen Vorgaben. Wir haben die besten Anwälte, die solche Verträge für uns ausarbeiten, und unsere Kunden auch. Wenn es da irgendwelche Verletzungen von Auflagen und Gesetzen gäbe, dann wäre es etwas, von dem wir nichts gewusst haben – sonst hätten unsere Anwälte das nicht akzeptiert. Wir sind bereit, mit der EU zu reden, unsere Anwälte und die unserer Kunden tun dies bereits.

Und?

Wenn es irgendetwas gibt, was anders gemacht oder geändert werden muss, wenn es irgendwelche Regulierungen gibt, die wir nicht kennen, dann muss man uns dies mitteilen und wir werden das definitiv beraten. Unsere Reputation, dass wir transparent, ethisch korrekt und gesetzestreu sind, ist fundamental für unser Geschäft. Wir würden nie etwas tun, was gegen Gesetze irgendeines Landes verstößt. Sie haben auch Gazprom und Algerien überprüft. Das ist okay und wir sind in keiner Weise beunruhigt, denn wir haben nichts Falsches gemacht.

Wächst QP nur durch Produktionsausweitung in Katar oder auch durch Zukäufe im Ausland?

Innerhalb Katars haben wir unsere Konsolidierung gemeistert. Jetzt haben wir in Zypern in die Gasförderung investiert. Daneben sind wir in Südafrika, im Kongo, in Brasilien und gerade auch durch Einstieg in Argentinien und natürlich in den USA aktiv. In Europa sind wir an zwei LNG-Terminals beteiligt: im italienischen Rovigo mit Exxon-Mobil und in South Hook in Wales mit Exxon-Mobil und Total. Am Terminal in Wales besitzen wir 70 Prozent und haben im letzten Winter Großbritannien fast ein Viertel seines Gasbedarfs gesichert. Und wir landen LNG auch in Belgien, Holland, Spanien, Polen und Frankreich an, liefern an Eon sowie andere deutsche und europäische Firmen. Wir sind ein wichtiger Spieler in Europa, wenngleich Asien unser größter Markt ist.

Lassen Sie uns über den Ölmarkt reden. QP hat zwar den größten Anteil im Bereich der Gasförderung, es ist aber auch ein Ölproduzent. Wohin geht der Ölpreis?

Wer mir das wirklich sagen kann, den lade ich nach Las Vegas ein. (lacht)

Aber Sie werden doch Ihre Prognosen und Kalkulationen haben.

Natürlich. Aber wichtig ist, dass man – auch im Vergleich zur Konkurrenz – die besten Produktionskosten hat, das ich unter den besten Firmen im ganzen Sektor bin bei den Kosten. Wenn ich das geschafft habe, kann ich bei jedem Ölpreis überleben. Denn wer bei einem niedrigen Ölpreis zu hohe Kosten hat, muss seine Förderung einstellen, seine Bohrungen stoppen, sie verlieren Geld. Wir sind stolz, dass wir schon sehr früh geschafft haben, ganz unten auf der Kostenkurve zu sein. Und alle Projekte, die wir verfolgen, sind so kalkuliert, dass sie auch bei niedrigerem Ölpreis funktionieren. Nur wenn das sichergestellt ist, verfolge ich solche Investments.

Wir haben natürlich Genies, Doktoren, die Preisprognosen machen und Szenarien entwickeln – aber am Ende musst du, egal was die die Genies prognostizieren, zu den Kostengünstigsten der Branche gehören. Und das prüfe ich für jedes unserer Projekte, für alle Tochterfirmen. Deshalb mache ich mir keine Sorgen um den Ölpreis.

Verfolgen Sie im Ölsektor eine ähnliche Expansionsstrategie wie im Gasbereich?

Die Ölvorkommen Katars sind sehr begrenzt, deshalb schauen wir über unsere Grenzen: nach Brasilien, Mexiko, Argentinien, die heißen Betten neuer Öl- und Gasvorkommen. Da sind wir engagiert. Und da machen wir viel, auch in den USA. Aber da reden wir nicht drüber. Nur so viel: Wir verfolgen ziemlich viele Pläne und haben eine klare Wachstumsstrategie.

Welche Folgen werden Trumps Iran-Sanktionen auf den Ölmarkt haben?

Iran ist ein großer Spieler auf dem Ölmarkt. Und es ist völlig unklar, was passieren würde, wenn die ihre Produktion völlig stoppen würde. Wenn wir unsere Gasförderungen stoppten, hätte das erhebliche Folgen: Wir stehen für 30 Prozent der globalen Helium-Verkäufe. Wenn wir ausfallen würden, würde sich der Helium-Preis verdoppeln. Und wenn Iran seine Ölförderung drosseln müsste, hätte das ebenso deutliche Auswirkungen auch auf andere Märkte. Wenn sie als Öllieferant ausfallen müssten, würde der Ölpreis massiv steigen.

Weil die anderen Ölproduzenten nicht in der Lage sind, Irans Ölmenge zu ersetzen?

Auf der letzten Opec-Sitzung wurde doch festgestellt, dass alle Mitgliedstaaten am Limit produzieren. Und Probleme wie in Libyen oder Venezuela müssen wir ja auch managen. Kämen noch andere hinzu, würden Öl-Käufer massiv geschädigt. Wir als Produzenten bekämen einen deutlich besseren Preis. Es ist schlecht für den Markt, wenn Iran aussteigen müsste.

Welche Folgen hat Trumps Handelskrieg mit China auf den LNG-Markt?

Es ist noch unklar, ob LNG-Lieferungen Teil des Handelsstreits werden. Wenn das so kommt, sind US-Flüssiggaslieferungen nach China nicht mehr konkurrenzfähig und die USA würden mehr als alle anderen geschädigt. Denn China ist der größte LNG-Konsument mit einem enormen Wachstum. Im Energiesektor und im Handel mit Chemikalien und Metallen sollte es immer freie Märkte geben und das Spiel von Angebot und Nachfrage sollte über die Preise bestimmen – das ist das Beste für alle Länder. Wenn man da eingreift, macht man Märkte kaputt und schadet allen. Öl und Gas müssen aus der Politik herausgehalten werden und dürfen nicht Teil von Handelskriegen werden. Gerade die USA sollten das wissen und das sein lassen, sie würden mehr verlieren als alle anderen. Auch wenn ich als LNG-Produzent natürlich gewinnen würde.

Wie stark wird Elektro-Mobilität die Geschäfte von Ölkonzernen verderben?

Das Wachstum der Elektro-Mobilität schadet der Ölindustrie, aber hilft dem Gasgeschäft.

Warum das?

Weil man viel mehr Strom braucht.

Aber der könnte doch durch Solarpanels erzeugt werden.

Aber doch nicht der gesamte Mehrbedarf. Einiges wird da aus erneuerbaren Quellen kommen, aber der Großteil aus Gaskraftwerken. Denn das ist der sauberste fossile Brennstoff.

Aber sinkt die Nachfrage nach Öl?

Ja, auf jeden Fall. Aber die Gasnachfrage steigt.

Zum Jahresanfang haben Sie Qatargas und Rasgas, zwei bisher zwar mehrheitlich von Qatar Petroleum kontrollierte, aber mit jeweils anderen ausländischen Joint-Venture-Partnern gemanagte Gaskonzerne, fusioniert. Was machen Sie in Zukunft noch anders?

Vor allem ging es darum, die Firma effizienter zu machen, Sicherheit, Verlässlichkeit und am Ende auch Profitabilität zu steigern. Es gab ja einen erheblichen Abschwung der Öl- und Gaspreise, zum Glück hatten wir da schon mit unserem Umstrukturierungsprogramm begonnen. Wichtig ist, so kosteneffizient zu sein, um in jedem Markt bestehen zu können. Und als der Ölpreis wieder 70 Dollar erreichte, waren wir mit allen Umbaumaßnahmen fertig – überall bei QP und seinen Tochterfirmen.

Und was hat QP die Fusion der beiden führenden Flüssiggasfirmen zu einem LNG-Produzenten gebracht?

Wir sparen jetzt jährlich vier Milliarden Rial (umgerechnet gut 900 Millionen Euro) an Kosten für Operationen. Wir sind eine viel effizientere und schlanke Organisation geworden. Und viel dynamischer. Und jetzt wird QP als Gesamtkonzern seine Öl- und Gasproduktion von derzeit 4,8 Millionen Barrel Öläquivalent täglich binnen acht Jahren auf 6,5 Millionen Barrel pro Tag steigern. Wir haben die Optimierungsphase abgeschlossen und sind im Wachstumsmodus.

Ist es noch nicht sinnvoll, dass QP in Branchen tätig ist, die nicht zum Kerngeschäft gehören?

Die meisten Öl- und Gaskonzerne, zumindest in der Region, sind sehr diversifiziert, haben ein breites Upstream- und Downstream-Portfolio. Damit sind sie auch gut gegen Blitzeinschläge abgesichert. Gerade der Stahlkonzern ist bei uns historisch gewachsen. Vor 30 Jahren haben wir damit begonnen, weil die Stahlproduktion viel Strom braucht und wir Strom aus Gas produzieren und damals auch niemand Gas kaufen wollte als wir das weltgrößte Gasfeld entdeckt hatten. Wir konnten es nicht exportieren und haben es mit der Stahlproduktion dann gut selbst genutzt. Aber vor 12, 13 Jahren wurden Teile dieser Nebenindustrien vom Emir auch als Aktien an das Volk ausgegeben. QP hält noch die Mehrheit daran und managt sie mit seiner Erfahrung. Aber zum Teilen des Wohlstands mit unserem Volk wurden zu sehr günstigen Preisen auch Aktien des Stahlkonzerns und des Düngemittelherstellers abgegeben.

Ein Vorbild auch für andere Unternehmen im Reich von QP?

In einigen Wochen werden Aktien des Aluminiumkonzerns Qatalum zu Vorzugspreisen an das katarische Volk abgegeben, an dem QP bisher 49 Prozent hält (den anderen Teil besitzt Norwegens Norsk Hydro). Der Emir will so sein Volk am Staatsvermögen beteiligen. Damit bekommen die Kataris gute Dividenden, und zwar alle gleich – egal, ob Millionär oder einfacher Staatsbürger. Jeder kann den gleichen, stark subventionierten Anteil kaufen und dann entscheiden, ob er an der Börse seine Aktien verkaufen will oder weiter Aktionär bleiben will. Nach der Börsennotierung bis Ende des Jahres können dann auch Ausländer diese Aktien kaufen.

QP hat auch einen großen petrochemischen Konzern. Gibt es eigentlich genügend Nachfrage für all die Produkte, die bei der Petrochemie-Expansion von NPC (Iran), Sabic (Saudi-Arabien) oder Adnoc (Abu Dhabi) und bei Ihnen zusätzlich auf die Märkte kommen?

Wir sind unter den Top Ten der globalen Petrochemiekonzerne. Und wir werden im Nahen Osten das größte petrochemische Werk bauen, den größten Ethan-Cracker. Dazu werden wir sehr bald bekanntgeben, wer hier unserer Partner sein wird. Das wird unsere Plastikproduktion deutlich ausweiten. Im Chemiesektor konzentrieren wir uns aber auf Katar. Vielleicht können wir in ein, zwei Projekte investieren, die sehr günstig sind und wenn sie in unsere Strategie in dem Land passen. Aber in Katar planen wir groß, wir werden auch die Produktion von Sache ausweiten, die wir jetzt schon herstellen.

Vielen Dank für das Interview.

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