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Kampf gegen Geldwäsche: Erdgas statt Geldwäsche: Zyperns neues Geschäftsmodell

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 11.06.2019 Höhler, Gerd
Die Regierung des Inselstaats geht gegen dubiose Finanztransaktionen vor. © dpa Die Regierung des Inselstaats geht gegen dubiose Finanztransaktionen vor.

Der Inselstaat galt jahrelang als beliebter Fluchtort für Schwarzgeld. Jetzt entdeckt Zypern ein neues, sauberes Geschäftsmodell: Erdgas.

US-Diplomat Matthew Palmer ist nicht gekommen, um in Erinnerungen zu schwelgen. Auch, wenn es ein bisschen so klingt: „Ich habe gute Erinnerungen an Zypern, ich liebe diesen Ort“, schwärmte er bei seinem jüngsten Besuch in der Inselhauptstadt Nikosia, bei dem er auch von Staatspräsident Nikos Anastasiades empfangen wurde.

Von 2003 bis 2006 arbeitete Palmer als politischer Direktor an der US-Botschaft in Nikosia. Der Diplomat, der inzwischen zum Staatssekretär für Europa und Eurasien im US-Außenministerium aufgestiegen ist, hat mit Anastasiades über die Zukunft gesprochen. Zwei Themen bestimmten die Unterhaltung: Geld und Gas.

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Lange war der EU-Staat Zypern nicht nur ein Steuerparadies, sondern auch ein riesiger Schwarzgeldbunker. Jetzt geht die Regierung in Nikosia gegen die dubiosen Finanztransaktionen vor – auf Druck der USA. Während die zyprischen Banken Zehntausende verdächtige Konten schließen, stellt sich die Insel neu auf: Bedeutende Erdgasvorkommen könnten Zypern ein Wirtschaftswunder bescheren. Auch dabei spielen die USA eine Schlüsselrolle.

Seit dem Untergang der Sowjetunion war Zypern ein beliebter Fluchtort für Schwarzgelder aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, vor allem Russland und der Ukraine. Nach inoffiziellen Angaben aus Kreisen der zyprischen Zentralbank bunkerten russische und ukrainische Bürger vor sechs Jahren fast zwölf Milliarden Euro auf der Insel. Inzwischen sind es geschätzt weniger als fünf Milliarden.

Vor allem die USA drängen die Regierung in Nikosia, dubiose Finanztransaktionen russischer Oligarchen auf der Insel zu unterbinden. Zypern gebe beim Thema Geldwäsche und Terrorfinanzierung „Anlass zu besonderer Sorge“, stellte das US-Außenministerium schon 2015 fest. Der Zustrom der russischen Gelder sorgte für eine gewaltige Blase. 2010 erreichte die Bilanzsumme der zyprischen Geschäftsbanken das Neunfache des Bruttoinlandsprodukts.

Die Banker investierten die Kundengelder zu einem großen Teil in renditestarke, aber hochriskante griechische Staatsanleihen. So geriet Zypern 2012 mit dem griechischen Schuldenschnitt in den Strudel der Hellas-Krise. Die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds retteten die Insel mit Hilfskrediten von zehn Milliarden Euro vor dem drohenden Bankrott.

Konten gekündigt

Nachdem Zypern die Folgen der Krise weitgehend verkraftet hat, rückt nun der Kampf gegen die Geldwäsche in den Vordergrund. Die Regierung zieht mit: „Diese Geschäfte sind vorbei, wir wollen sie nicht mehr“, sagt Finanzminister Harris Georgiades. Systematisch nehmen die Banken jetzt ihre Kunden unter die Lupe.

Konten von Briefkastenfirmen werden geschlossen, wenn die Unternehmen keine Geschäftstätigkeit nachweisen können und außer einer Adresse keine physische Präsenz auf der Insel haben. Zahlen nennen die Banken nicht, aber Insider schätzen, dass die Institute inzwischen rund 70.000 verdächtige Konten gekündigt haben.

Die Finanzbranche war in der Vergangenheit neben dem Tourismus die wichtigste Säule der zyprischen Wirtschaft. Jetzt muss ein neues Geschäftsmodell her. Die Zukunft liegt vor den Küsten der Insel, an deren Gestade einst die Liebesgöttin Aphrodite dem Meer entstieg, so der Mythos. „Aphrodite“ haben die Zyprer denn auch jenes Erdgasvorkommen genannt, das sie vor der Südküste ihrer Insel entdeckten – ein Milliardenschatz.

Die Regierung veranschlagt, dass dort in den kommenden 18 Jahren über vier Billionen Kubikmeter Erdgas gefördert werden können. Energieminister Georgios Lakkotrypis rechnet mit Einnahmen von acht Milliarden Euro. Ein Konsortium der Mineralölkonzerne Shell (Niederlande), Noble Energy (USA) und Delek (Israel) soll um 2024 mit der Förderung beginnen.

Und Aphrodite ist nur einer von mehreren vielversprechenden Erdgasfunden vor Zypern. Im Februar meldete der Energiemulti Exxon Mobil mit dem Bohrschiff „Stena Icemax“ südwestlich von Zypern „einen der weltweit größten Erdgasfunde der vergangenen drei Jahre“. Bereits im Jahr zuvor hatte der italienische Konzern Eni ein anderes Gasfeld vor Zypern entdeckt.

Aber die Gasfunde bergen politischen Zündstoff: Die Türkei, die seit 1974 den Norden der Insel besetzt hält, macht dem EU-Staat Zypern die Bodenschätze streitig. Ankara erhebt Ansprüche auf große Teile der zypri‧schen Wirtschaftszone. 2017 ließ die Türkei sogar Kriegsschiffe in dem umstrittenen Seegebiet auffahren und verhinderte so Probebohrungen des italienischen Mineralölkonzerns Eni. Während sich die Italiener zurückzogen, zeigen die Amerikaner Flagge.

Exxon Mobil hat für die geplante Erdgasförderung vor Zypern die politische Rückendeckung Washingtons. Die USA unterstützen auch Pläne Zyperns, Israels und Griechenlands zum Bau einer Pipeline, die das Erdgas aus dem östlichen Mittelmeer nach Westeuropa bringen soll.

US-Außenminister Mike Pompeo traf im März mit den Regierungschefs der drei Länder zusammen, um das Projekt voranzubringen. Washington sieht die geplante Mittelmeerleitung als Gegengewicht zur Nord Stream 2 – sie soll helfen, Russlands Einfluss auf dem europäischen Energiemarkt zurückzudrängen.

Mehr: Warum die USA jetzt Griechenland und Zypern umwerben: Wegen der Spannungen mit der Türkei baut Washington seine Verbindungen zu Griechenland und Zypern aus. Für die umworbenen Partner ist das riskant.

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