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Lidl-USA: "Vielleicht muss erst einer sterben"

dw.com-Logo dw.com vor 5 Tagen Sabrina Kessler (New York)

Mitarbeiter verschiedener US-Supermärkte klagen über unzumutbare Arbeitsbedingungen, in der aktuellen Pandemie fühlen sie sich allein gelassen. Vor allem der deutsche Discounter Lidl steht in der Kritik.

Provided by Deutsche Welle © picture-alliance/dpa/S. Helber Provided by Deutsche Welle

Wenn Marian Meszaros zur Arbeit geht, ihre Uniform anzieht und sich hinter die Fleisch-Theke stellt, überkommt sie jeden Tag aufs Neue ein ungutes Gefühl. Seit Jahren arbeitet die 63-jährige in der Fleischwarenabteilung von Best Market, einer von LidI geführten Supermarkt-Kette etwa 30 Minuten von New York City entfernt.

Seit einer ihrer Kollegen a Covid-19 erkrankt ist, fühlt sie sich allerdings zunehmend unwohl. "Ich gehe jeden Tag zur Arbeit und setze mein Leben aufs Spiel", sagt sie verärgert. Erst durch Gerüchte habe sie von dem Infektionsfall erfahren. Lidl selbst habe die Belegschaft erst Wochen später über den Zwischenfall informiert. "Ich habe das Gefühl, dass wir denen egal sind", sagt Meszaros in einem Radio-Beitrag auf WNYC.

"Vielleicht muss auch bei uns erst einer sterben"

Meszaros glaubt, LidI wolle auf Kosten der Mitarbeiter Profit machen. Regelmäßig mache sie Überstunden, bekomme aber im Gegenzug weder mehr Gehalt noch angemessenen Arbeitsschutz von Lidl gestellt. Nicht mal gereinigt worden sei der Laden nach Bekanntwerden des Falls.

Lediglich zwei der 27 im Großraum New York ansässigen Filialen seien in den letzten Wochen zwecks Grundreinigung geschlossen worden - allerdings erst nachdem mehrere Lidl-Mitarbeiter am Virus verstorben seien.

Immer noch seien Toiletten für die Öffentlichkeit zugänglich, der Pausenraum total verschmutzt. "Vielleicht muss auch bei uns erst einer sterben, bis die Filiale mal gereinigt wird", klagt Meszaros.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sich Lidl am hart umkämpften US-Markt bereits etabliert © picture-alliance/dpa/AP/S. Helber Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte sich Lidl am hart umkämpften US-Markt bereits etabliert

Die Antwort: Lohnkürzungen und Kündigungen

Marian Meszaros ist nicht die einzige Supermarkt-Mitarbeiterin, die ihre Arbeitsbedingungen kritisiert. Drei Millionen US-Bürger arbeiten im amerikanischen Lebensmittel-Einzelhandel. Viele davon unter widrigen Bedingungen, sagt die Gewerkschaft United Food and Commercial Workers International Union (UFCW), die rund 1,3 Millionen Mitglieder zählt. Mehr als 10.000 Supermarkt-Mitarbeiter hätten sich in den vergangenen Wochen - auch aufgrund mangelnden Arbeitsschutzes und fehlender Transparenz - mit dem Coronavirus infiziert, rechnet UFCW vor. 68 davon seien inzwischen verstorben.

Statt Arbeitsschutzmaßnahmen zu verstärken und Gehälter anzuheben hätten viele Einzelhändler nur die Kosten im Blick, beklagt die Gewerkschaft in einem 100-seitigen Brandbrief an 49 US-Supermärkte. "Amazon, Whole Foods, Kroger und andere Unternehmen haben schamlos verkündet, ihren Arbeitern an der Front die Löhne zu kürzen", sagte UFCW-Präsident Marc Perrone vor Kurzem in einem Pressegespräch."Und das obwohl die Umsätze auf neue Rekordhöhen steigen." Zeitgleich würde die Zahl der Infektionen und Todesfälle bewusst verschwiegen, Mitarbeiter mundtot gemacht. "Amazon hat sogar Mitarbeiter gefeuert, die mutig genug waren, ihre Stimme zu erheben."

Konkurrent Aldi als leuchtendes Vorbild

Dass sich Einzelhandelsunternehmen nicht sonderlich für ihre Mitarbeiter einsetzen, weiß auch Daniel Schneider. Der Soziologie-Professor der University of California in Berkeley hat die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitsverhältnisse von 8000 Supermarkt-Mitarbeitern untersucht. "Viele von ihnen mussten schon vor Ausbruch des Coronavirus unter prekären Bedingungen arbeiten". sagt der Wissenschaftler. Nicht mal die Hälfte aller in den USA beschäftigten Einzelhandelsmitarbeiter etwa erhalte eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Jetzt, in der Krise, würden zwar viele Firmen ihre Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen verbessern und Supermärkte verhältnismäßig oft gereinigt. Verglichen mit anderen Branchen stellten die Einzelhändler allerdings relativ wenig Sicherheitsequipment wie Masken und Handschuhe zur Verfügung. Besser liefe es in Hotels, Drogerien und Apotheken, hier seien die Maßnahmen deutlich erhöht worden. Auch Lidl-Konkurrent Aldi steche in vielen Bereichen positiv hervor.

Auch der deutsche Lidl-Konkurrent Aldi ist in den USA präsent - und gilt nun sogar als leuchtendes Vorbild © DW/A. Cama Auch der deutsche Lidl-Konkurrent Aldi ist in den USA präsent - und gilt nun sogar als leuchtendes Vorbild

Keine Lohnfortzahlung?

Meszaros bemängelt nicht nur die mangelnde Reinigung in den von Lidl geführten Supermärkten im Großraum New York. Auch Maßnahmen zum Abstandhalten würden nicht durchgesetzt und viel zu viele Kunden gleichzeitig in die Filialen herein gelassen.

Auch den vom Bundesstaat New York angeordneten bezahlten Krankheitsurlaub nehme Lidl nicht ernst. Der steht offiziell all jenen zu, die sich potentiell oder tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert haben.

Statt 14 Tage wie von der US-Gesundheitsbehörde angeordnet, seien Meszaros allerdings lediglich fünf unbezahlte Tage angeboten worden, weil sie eine Woche nach Kontakt mit dem infizierten Mitarbeiter immer noch keine Symptome gezeigt habe.

Andere wiederum hätten zwar die zweiwöchige Auszeit genehmigt bekommen, so etwa Martha Guerra, deren Kollegen nach einer Infektion mit dem Virus gestorben sei. LidIs Personalabteilung sicherte ihr allerdings nach eigenen Angaben keine Lohnfortzahlung zu.

Hungerlohn statt Gefahrenzulage

"Die von Lidl schriftlich angekündigten Maßnahmen entsprechen nicht dem, was Mitarbeiter in den Läden vorfinden", sagt Nathalia Alejandra Varela von der Bürgerrechtsorganisation Latino Justice. Die Anwältin vertritt einige der Mitarbeiter im Kampf gegen das Unternehmen. Daten aus China würden zeigen, dass Supermarktmitarbeiter ein 450-fach höheres Risiko hätten, an Covid-19 zu erkranken als die Kunden.

Dennoch würde Lidl als einziger von Dutzenden amerikanischen Einzelhändlern keine Gefahrenzulage zahlen. Der Lohn vieler Angestellten läge oft weit unterhalb des Existenzminimums. "LidIs Praktiken bringen das Leben der Mitarbeiter in Gefahr." Latino Justice hat deshalb offiziell Beschwerde bei der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft eingereicht.

Supermarktkunden in New York - ihre Stadt ist in den USA von der Pandemie am stärksten betroffen © Getty Images/B. Bennett Supermarktkunden in New York - ihre Stadt ist in den USA von der Pandemie am stärksten betroffen

Statt Antworten nur ein Statement

Auch Lidl selbst haben sie mit den Vorwürfen konfrontiert. Die Anschuldigungen weist das Unternehmen entschieden zurück. Ein Interview wird allerdings auf Anfrage mit Verweis auf ein offizielles Statement abgelehnt. In dem Schreiben heißt es, das Unternehmen tue alles, um die Gesundheit und Sicherheit von Kunden und Mitarbeitern zu gewährleisten. "Die Vorwürfe entsprechen nicht den Handlungen, die wir während dieses öffentlichen Gesundheitsnotstandes getroffen haben".

Nicht nur Mitarbeitern über 65 Jahren und tatsächlich erkranken Angestellten sei bezahlter Krankheitsurlaub gewährt worden. Auch 150 Mitarbeitern, die zwar in engem Kontakt mit Infizierten gearbeitet, allerdings keine Symptome gezeigt hätten, hätte man einen zweiwöchigen, bezahlten Krankheitsurlaub gewährt. Zusätzlich habe man sich um mehr als 2000 Anrufe besorgter Mitarbeiter gekümmert. "Wir nehmen unsere Verantwortung und den Schutz unserer Mitarbeiter sehr ernst", heißt es von Lidl.

"Ich will meine Mutter nicht verlieren"

Marian Meszaros kann über all das nur den Kopf schütteln. Zusammen mit Latino Justice hat sie Dutzende Forderungen an das Unternehmen formuliert. Neben einer Gefahrenzulage, einer gründlicheren Reinigung und einer besseren Mitarbeiterschulung fordert sie vor allem mehr Transparenz. So sollen Mitarbeiter etwa zukünftig innerhalb von acht Stunden nach Bekanntwerden eines Infektionsfalles über die potentielle Gefahr informiert werden. Meszaros geht es dabei nicht nur um ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kollegen. "Ich wohne mit meiner 86-Jährigen Mutter zusammen und will nicht, dass ich sie deshalb verliere."

Autor: Sabrina Kessler (New York)

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