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Medizin-Dienstleister: Laborbetreiber Synlab hat große Pläne – und steht unter Verdacht

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 16.12.2018 Bender, René
Synlab-Gründer Bartholomäus Wimmer erkannte früh, dass sich das Geschäft ökonomisieren lässt. © Annette Zoepf Synlab-Gründer Bartholomäus Wimmer erkannte früh, dass sich das Geschäft ökonomisieren lässt.

Vom Kleinstlabor stieg Synlab zu Europas Marktführer auf. Nun will die Firma weiter wachsen. Ausgerechnet jetzt ist die Staatanwaltschaft im Haus.

Die Firma ohne ihn? Bis vor gut einem Jahr fast undenkbar. Wenn ein Mann für Synlab stand, dann er: Bartholomäus, genannt Bartl, Wimmer. Der Berchtesgadener Arzt formte aus einem kleinen Augsburger Labor binnen 20 Jahren einen der größten Branchendienstleister Europas. Ein internationaler Konzern mit zwei Milliarden Euro Umsatz und 20.000 Angestellten. Sein Erfolgsgeheimnis: Weitblick.

Wimmer erkannte, dass sich keine ärztliche Fachrichtung so rasant ökonomisierte wie die Labormedizin – und dass sich deshalb ein gutes Geschäft machen ließ. Wo früher stündlich ein paar Blutproben bearbeitet werden konnten, bewältigen Laborautomaten heute im gleichen Zeitraum Tausende.

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450 Millionen Analysen führt Synlab jährlich durch. Die Firma bietet 5000 Tests an, vor allem in der Human- und Tiermedizin, aber auch für Bodenproben- und Trinkwasseruntersuchungen in der Umwelt. Synlab hat Verträge mit 300 Krankenhäusern und mehr als 10.000 Arztpraxen.

Aber das bayrische Unternehmen strebt nach mehr. Dies wurde deutlich, als Wimmer im September 2017 kundtat: „Die nächste Wachstumsphase des Unternehmens beginnt.“ Das Überraschende: Sie begann, während Wimmer seinen Absprung vorbereitete.

Der Gründer machte den Franzosen Mathieu Floreani vom Paketdienstleister DHL Express zu seinem Stellvertreter. Wenige Monate später trat der damals 67-jährige Unternehmensgründer als CEO zurück, Floreani übernahm. Der neue Chef hat nun ein großes mögliches Ziel im Blick und ein großes Problem: nach Handelsblatt-Informationen stellt das Unternehmen die Weichen für einen Börsengang.

Gleichzeitig ermitteln die Staatsanwaltschaften Augsburg und München. Sie wollen herausfinden, ob Synlab Sozialleistungen hinterzogen und Kurierfahrer als Scheinselbstständige beschäftigt hat und möglicherweise bei Abrechnungen betrogen hat.

Nun sind Probleme für Synlab nicht neu. Im Grunde glich schon die Geburt des Unternehmens einer Notoperation. „Die Schlüsselfrage für mich und viele andere kleine bis mittelgroße Labore war damals, wie wir langfristig überleben können“, erinnert sich Wimmer. „Vor allem große Mitkonkurrenten hatten einen harten Preiskampf eröffnet, der Wettbewerbsdruck war enorm.“

Nur eine Chance: wachsen

Für das kleine Augsburger Labor Wimmers galt das umso mehr, denn nur einen Steinwurf entfernt saß die deutsche Nummer eins der Branche. Die Laborkette des Konkurrenten Bernd Schottdorf war 15-mal größer.

Wimmer, selbst Facharzt für Labormedizin, sah nur eine Chance: wachsen. „Ich hatte miterlebt, dass viele Kooperationen kleinerer Wettbewerber scheitern“, sagt Wimmer. „Und ich war davon überzeugt, dass es mehr als solche losen Verbindungen braucht, um wirklich erfolgreich zu sein.“

Nach langer Suche fand Wimmer mit dem Stuttgarter Labor Dr. Frey Dr. Huesgen einen Partner. Einen der weit genug entfernt war, um nicht in zu engem Wettbewerb zu stehen und nah genug, um sich in Süddeutschland beim Ausbau des Geschäfts zu ergänzen. Gemeinsam kamen die Labore auf rund 30 Millionen Euro Umsatz. Wimmer steuerte weniger als zehn Millionen Euro bei, war aber größter Einzelgesellschafter.

Der Titel des Gemeinschaftsprojekts: Synlab, eine Kombination aus Synergie und Labor. Und dieser Name war Programm. Synlab kaufte reihenweise Konkurrenten zu. Mitte der 2000er- Jahre gelangen die ersten Schritte ins Ausland – wenn auch nicht ohne zu stolpern. „Es dauerte eine Weile, bis wir bemerkten, dass wir stärker auf Banken angewiesen waren, als wir dachten“, sagt Wimmer. „Für unser weiteres Wachstum suchten wir daher zusätzlich nach anderen Finanzierungsquellen.“

Einstieg der Investoren

Er fand sie 2009. Die britische Private-Equity-Gesellschaft BC Partners kaufte die Mehrheit der Anteile. Mit ihrer finanziellen Hilfe wuchs Synlab rasanter denn je, Zukäufe erfolgten nun dutzendfach. Als BC Partners 2015 ausstieg und den bayrischen Labordienstleister an den britischen Investor Cinven weiterreichte, war das Unternehmen fast das Dreifache des ursprünglichen Einsatzes wert.

Rund 1,8 Milliarden Euro zahlte Cinven offenbar für Synlab und hatte noch größere Pläne. Das Private-Equity-Haus hatte kurz zuvor für 1,2 Milliarden Euro den französischen Laboranbieter Labco erworben, nun führte er beide Unternehmen zusammen.

Aus Wimmers Notgründung wurde ein europaweiter Laborkonzern. Das enorme Wachstum hinterließ Spuren. Synlab entstand aus einem Sammelsurium Dutzender Unternehmen. Für eine Vereinheitlichung der Arbeitsbedingungen schien nie genug Zeit.

Insider beschrieben die Regelungen in dem Geflecht als chaotisch bis willkürlich. Es habe jahrelang starke Einkommensgefälle bei gleicher Tätigkeit gegeben, ungleiche Arbeitszeiten – eine unzufriedene Belegschaft. Die Lage spitzte sich zu, als die Geschäftsführung ihren Mitarbeitern in Augsburg 2013 das Weihnachtsgeld verweigerte. Diese reagierten mit der Gründung von Betriebsräten – einem Novum bei Synlab.

Heute hat Synlab neben dem Konzernbetriebsrat 28 einzelne Betriebsratsgremien in Deutschland, die mehr als 4.250 der über 5.000 Beschäftigten in Deutschland vertreten. Die Ungleichheit in der Behandlung von Arbeitnehmern sei abgebaut worden, sagten Mitarbeitervertreter.

Der Betrugsverdacht

Trotzdem nahm sich 2016 die Staatsanwaltschaft Augsburg des Unternehmens an. Es bestehe der Verdacht, dass Synlab Sozialleistungen hinterzogen habe und Kurierfahrer als Scheinselbstständige beschäftigte. Kurierfahrer sind wichtig für Synlab, sie transportieren Laborproben und Befunde in Krankenhäuser, Arztpraxen oder andere Labore.

Der Labordienstleister hat 400 eigene Probenfahrzeuge. Dennoch sind viele Fahrer, die häufig für das Unternehmen fahren, nicht fest beschäftigt – in der Branche eine gleichermaßen gängige wie strittige Praxis, die häufiger die Justiz auf den Plan ruft. In einem Prozess vor dem Landgericht Augsburg geht es etwa im kommenden Jahr darum, ob Hunderte Fahrer, die für den Konkurrenten Schottdorf über Jahre fuhren, als Scheinselbstständige zu werten sind.

Die Staatsanwaltschaft im Haus hält die Synlab-Führung aber nicht davon ab, weitere Wachstumspläne zu schmieden. „Unsere Story ist noch längst nicht zu Ende“, sagt der neue Chef Floreani. Seine Ratio: Der Marktanteil des Marktführers Synlab liegt in Europa unter zehn Prozent.

In den USA kommen die beiden wichtigsten Anbieter der Branche zusammen auf rund 40 Prozent. Floreani sieht deshalb viel Luft nach oben. Außerdem soll mit Europa nicht Schluss sein. Der neue Chef sieht auch in Lateinamerika und Asien Marktchancen für Synlab.

Teure Expansion

Internationale Expansion ist teuer. Der Gedanke, sich das Geld am Kapitalmarkt zu holen, liegt deshalb nahe. Strebt die Firma an die Börse und wenn ja, wie schnell? Floreani antwortet vorsichtig. „Grundsätzlich ist ein IPO sicherlich eine Option für uns“, sagt der Synlab-Chef. „Die Entscheidung darüber liegt aber vollständig beim Mehrheitseigner Cinven.“

Im Hintergrund sind die Überlegungen offenbar längst konkreter. Schon vor mehr als einem Jahr erhielt die britische Anwaltskanzlei Clifford Chance den Auftrag, Synlabs Gang ans Parkett zu prüfen und vorzubereiten. Je nachdem, wie viele Anteile an der Börse platziert würden, könnte Synlab gar ein Kandidat für den MDax sein.

Doch weder Cinven noch die Kanzlei wollen sich zu den Börsenplänen auf Nachfrage äußern. Aus Insiderkreisen hört man dann aber doch eines: Zumindest kurzfristig werde es sicher keinen IPO geben. Das mag auch daran liegen, dass potenzielle Aktionäre im Börsenprospekt ungern ein bestimmtes Wort entdecken: Staatsanwaltschaft.

Die ist immer noch da, und sogar gleich doppelt. Im März 2018 durchsuchten die Staatsanwaltschaft Augsburg und 300 Polizisten insgesamt 31 Gebäude der Synlab-Gruppe, stellten unzählige Unterlagen sicher. Vieles von dem, was sie fanden, werten die Strafverfolger seither aus. Beschuldigt sind neun Verantwortliche, erfuhr das Handelsblatt. Einer von ihnen: Unternehmensgründer Bartholomäus Wimmer.

Ermittlungen dauern an

Die Ermittlungen dauern an. Zu einem möglichen Abschlusszeitpunkt könne man nichts sagen, heißt es bei der Behörde. Sicher ist nur: Sie haben Gesellschaft. Auch die Kollegen der Staatsanwaltschaft München gehen einem Verdacht nach. Synlab soll Patienten getäuscht haben. Das Unternehmen soll Aufträge an Fremdlabore weitergereicht, die dort erbrachten Arbeiten dann aber als Eigenleistung abgerechnet haben.

Das wäre rechtswidrig. Zwar gibt es in den Rechnungen von Synlab einen Passus, der die Untersuchungen als Fremdleistung ausweist. Das ändere aber nichts daran, dass Synlab sie dem Patienten gegenüber nicht abrechnen durfte, so der Vorwurf.

Nun sind sechs Verantwortliche des Betrugs verdächtig, wieder ist Wimmer einer von ihnen. Auf Nachfrage zu den Ermittlungsverfahren nahm sein Anwalt keine Stellung, Synlab wollte sich nicht äußern. Ob möglichen Aktionären das Schweigen ausreicht, müsste sich beim IPO zeigen.

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