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Neuemissionen: Börsengänge 2020: Welche Firmen sich aufs Frankfurter Parkett wagen wollen

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 08.01.2020 Köhler, Peter Landgraf, Robert
Im neuen Jahr hoffen Aktienhändler und -investoren auf mehr Börsengänge als 2019. © Bloomberg Im neuen Jahr hoffen Aktienhändler und -investoren auf mehr Börsengänge als 2019.

Nach der Flaute im vergangenen Jahr hoffen die Investoren auf mehr Börsen-Newcomer 2020. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht.

Das Jahr 2019 würden die meisten Investmentbanker wohl gerne schnell vergessen, zumindest wenn es um das Thema Börsengänge geht. Denn im deutschen Geschäft mit Aktienplatzierungen sanken die Gebühreneinnahmen laut vorläufigen Daten des Informationsdienstes Refinitiv um mehr als 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

2020 soll besser werden – zumindest ein bisschen. Erfahrene Banker wie Joachim von der Goltz von der Credit Suisse schöpfen neue Hoffnung und sagen eine Belebung des Geschäfts mit Börsengängen voraus, von Euphorie ist allerdings nach wie vor kaum etwas zu spüren.

Für den deutschen Markt für Börsengänge erwartet von der Goltz bestenfalls eine leichte Erholung – denn weiterhin verunsichern Investoren die drohende Konjunkturabkühlung und anhaltende geopolitische Unsicherheiten. „Je nach Marktumfeld halten wir fünf, in einem potenziell besseren Marktumfeld auch bis zu zehn Börsengänge für möglich“, meint der Leiter Equity Capital Marktes Nordeuropa bei der Schweizer Großbank.

Unternehmen, die im nach wie vor eher schwierigen Umfeld einen Börsengang anstrebten, müssten durch eine starke Performance und sehr gute Unternehmenszahlen glänzen. Nur so könnten sie das nötige Vertrauen bei den Investoren schaffen. Außerdem bleibe eine klar differenzierte, möglichst einzigartige Equity-Story ein wichtiges Kriterium für ein erfolgreiches Initial Public Offering – abgekürzt IPO.

Zu den großen Börsenkandidaten im laufenden Jahr zählen der Energiekonzern Wintershall Dea sowie die Aufzugsparte von Thyssen-Krupp. Beide Aspiranten dürften milliardenschwere Emissionserlöse erzielen. Auch Siemens Energy und Vitesco, die Antriebssparte von Continental, werden als Konzernabspaltungen mehrere Milliarden auf die Waage bringen.

In Kreisen der Frankfurter Investmentbanken kursieren darüber hinaus noch weitere Namen, die als mögliche IPO-Kandidaten gehandelt werden: die Sparte Wire & Cable Solutions (Kabel und Drähte) des Automobilzulieferers Leoni, der Wissenschaftsverlag Springer Nature aus dem Portfolio des Finanzinvestors BC Partners, Signa Sports, der Immobilienspezialist Logistrial, das Chemieunternehmen Atotech sowie das Medienunternehmen Social Chain Group.

Die meisten Börsengänge werden im zweiten Halbjahr erwartet, wegen der US-Präsidentschaftswahlen sind aber auch zeitliche Vorzieheffekte in den Frühsommer denkbar. Wünschenswert wäre – unabhängig vom Timing – eine stärkere Beachtung durch inländische Investoren. „Es bräuchte mehr lokale Investoren, die sich aktiv und signifikant an deutschen IPOs beteiligen. Hier haben wir im Vergleich zur Schweiz, Skandinavien oder den USA einen klaren Wettbewerbsnachteil“, meint Dominik Bär, der bei der Investmentbank Lazard das Aktienkapitalmarktgeschäft im deutschsprachigen Raum verantwortet.

Flaute auf dem Parkett

Auf dem Frankfurter Börsenparkett herrschte im Schlussquartal des vergangenen Jahres komplette Flaute: Zwischen Oktober und Dezember hat sich kein einziges Unternehmen an die Börse gewagt. Mit nur vier Erstnotierungen und einem Emissionsvolumen in Höhe von 3,5 Milliarden Euro ist 2019 das schwächste Jahr für Börsengänge in Deutschland seit der Finanzkrise 2009. Zu diesen Ergebnissen kommt die Analyse „Emissionsmarkt Deutschland“ des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens PwC.

„Auf das Rekordjahr 2018, in dem es erstmals in diesem Jahrtausend gelang, in Deutschland ein IPO-Volumen von über zehn Milliarden Euro einzuspielen, folgt nun das schwächste Jahr für Neuemissionen seit der Finanzkrise. Die Investoren sind extrem zurückhaltend. Das ist im aktuell äußerst herausfordernden Marktumfeld gut nachvollziehbar“, kommentiert Nadja Picard, IPO-Expertin bei PwC Europe. „Der IPO-Markt hatte in diesem Jahr mit Gegenwind zu kämpfen“, meint auch Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland. „Trotz einer eigentlich guten Entwicklung an den Aktienmärkten hielten sich viele potenzielle Börsenkandidaten zurück.“

Das wirtschaftliche Umfeld hatte sich im Laufe des Jahres 2019 erheblich verschlechtert. Die Konjunkturforscher haben ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in Deutschland im Jahresverlauf deutlich gesenkt. Auch das Geschäftsklima sowie die Geschäftserwartungen deutscher Unternehmen erreichten neue Tiefstände.

Die Börsen ließen sich von diesem Pessimismus allerdings nur sehr bedingt beeindrucken. Trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds legten die deutschen Aktienindizes im Jahresverlauf deutlich zu. Auch die europäischen Aktienfonds meldeten nach deutlichen Mittelabflüssen seit dem Frühjahr 2018 zuletzt wieder spürbar bessere Zahlen.

Carsten Stäcker, Leiter Equity Advisory bei PwC Deutschland, meint zu den Hintergründen: „Trotz der gestiegenen Bewertungen setzten Investoren gerade im ablaufenden Quartal wieder zunehmend auf Aktien.“ Europäische Aktien profitierten zudem gegenüber US-Titeln von ihrer günstigeren Bewertung. Gleichzeitig böten andere Assetklassen im andauernden Niedrigzinsumfeld kaum attraktive Renditen.

Schwache Börsenneulinge

Trotz der guten Stimmung am Aktienmarkt gingen im Gesamtjahr 2019 nur vier Unternehmen in Deutschland an die Börse. Im Vorjahr waren es noch 18. Immerhin schafften zwei der Platzierungen den Sprung über die Milliardengrenze: Mit Traton debütierte die Lkw-Sparte von VW und spielte im zweiten Quartal rund 1,4 Milliarden Euro ein.

Noch größer war der Börsengang von Teamviewer Ende des dritten Quartals. Das Platzierungsvolumen von knapp zwei Milliarden Euro markierte das größte IPO eines Tech-Anbieters in Deutschland seit dem Platzen der Dotcom-Blase.

Die vier Börsenneulinge – neben Traton und Teamviewer debütierten die Global Fashion Group und der österreichische Technologieanbieter Frequentis – mussten bei ihren Emissionspreisen jedoch zum Teil deutliche Abstriche gegenüber ihren ursprünglichen Erwartungen in Kauf nehmen.

Flop des Jahres war die Global Fashion Group

Auch die insgesamt eher enttäuschende Kursperformance der Neuemissionen veranschaulicht die aktuell schwierige Marktsituation. „Es ist essenziell, dass Emittenten ihre in der IPO-Vermarktung kommunizierten finanziellen Ziele nach dem Listing auch erreichen. Verfehlen sie diese, reagiert der Aktienkurs entsprechend enttäuscht“, betont Lazard-Experte Bär.

Besonders auffällig sei dies bei Wachstumsunternehmen, die die gesteckten Umsatz- oder Margenziele nicht erreichten. Dies sei einer der wesentlichen Gründe, warum deutsche IPOs seit 2018 nach der Erstnotiz im Durschnitt knapp 20 Prozent an Wert verloren hätten.

2019 fiel die Leistungsbilanz der Neuzugänge durchwachsen aus: Teamviewer legten gegenüber dem ersten Kurs um 21 Prozent zu, Traton gaben dagegen gut elf Prozent nach. Frequentis verzeichneten wiederum Kursgewinne von gut zwölf Prozent. Als Flop des Jahres entpuppte sich die Global Fashion Group – die Aktie verlor in einem halben Jahr fast 50 Prozent an Wert.

Allein im vierten Quartal mussten vier Unternehmen ihre Börsengänge absagen. „Wenn große und profitable Unternehmen im Laufe des IPOs unter Druck geraten und im Zweitmarkt schwach abschneiden, haben es kleine Börsengänge mit einem differenzierteren Risiko-Rendite-Profil oft vielfach schwerer. In unsicheren Märkten präferieren Investoren liquidere Werte, um auf Veränderungen der Rahmenbedingungen kurzfristig reagieren zu können“, resümiert PwC-Mann Stäcker.

In der aktuellen IPO-Pipeline sind laut PwC Abspaltungen bei großen Konzernen und schnell wachsende Tech-Anbieter ebenso wie Unternehmen, die ihren Börsengang in der Vergangenheit absagen mussten und 2020 einen neuen Anlauf wagen wollen. Vor diesem Hintergrund lägen zehn Börsengänge auf dem Frankfurter Parkett für 2020 durchaus im Bereich des Möglichen.

In Deutschland dürfte auch der eine oder andere Finanzinvestor überlegen, ob er ein Portfoliounternehmen an die Börse bringt, prognostiziert Thorsten Pauli, Leiter des Aktienmarktgeschäfts bei der Bank of America für den deutschsprachigen Raum. Das Mindestvolumen einer Emission sollte nach seiner Meinung 100 Millionen Euro betragen. Darunter böten Aktien institutionellen Anlegern zu wenig Liquidität.

Erfolgsmodell Unterhaching

Auch wenn das Geschäft mit Börsengängen in Deutschland 2019 alles andere als berauschend lief, sorgt das vergangene Jahr doch für einen neuen Rekord. Die Aktienemission des saudischen Ölriesen Saudi Aramco brach Mitte Dezember alle bisherigen Bestmarken. Mit einem Kurssprung von zehn Prozent am ersten Handelstag sorgte die Aktie bei den Investoren für Freude. Inzwischen liegt der Börsenwert des Staatskonzerns in der Nähe der magischen Grenze von zwei Billionen Dollar.

Diese Marke hatte der Kronprinz und faktische Herrscher Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, von Beginn an angestrebt. Mit diesem Börsenwert verdrängt der Ölmulti die beiden US-Technologiekonzerne Microsoft und Apple von den ersten Plätzen als wertvollste Firmen der Welt. Es zeigt sich, dass die Befürchtungen überzogen waren, die Aktienneuemission des Ölkonzerns könnte ein Flop werden, da internationale Investoren nur eingeschränkt Interesse an der Aktie gezeigt hatten.

Insgesamt wagten 2019 weltweit allerdings deutlich weniger Unternehmen den Schritt aufs Parkett als im Jahr zuvor: Die Zahl der Börsengänge sank um 19 Prozent auf 1115. Vor allem dank des IPOS von Saudi-Aramco lag das weltweite Emissionsvolumen am Ende fast auf Vorjahresniveau: Der Wert aller Börsengänge sank laut der Beratungsgesellschaft EY nur um vier Prozent auf 198 Milliarden US-Dollar.

Trotz des Rummels um Saudi Aramco gab es auch an anderen Märkten Erfolgsstorys. Eine davon spielt abseits von Dax, Dow Jones und FTSE an der Münchener Börse: Dort wagte die Spielvereinigung Unterhaching Fußball GmbH & Co. KGaA den Sprung an den Kapitalmarkt. Die Aktie startete mit einem Emissionspreis von 8,10 Euro und liegt Anfang 2020 bei 9,70 Euro.

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