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Osteuropa: Die Nutella-Krise

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 11.10.2017 Nadine Oberhuber
Osteuropa: Die Nutella-Krise © Charly Triballeau Osteuropa: Die Nutella-Krise

Verkaufen bekannte Marken in Osteuropa minderwertige Lebensmittel? Tatsächlich gibt es Unterschiede zwischen den Rezepturen – was aber nicht gleich Panscherei bedeutet.

Falls die Europäische Union demnächst zerbricht, dann womöglich wegen ein paar Gläsern Nutella. Zumindest mahnen das derzeit lautstark die Politiker mehrerer osteuropäischer Länder an, die sich zu einem länderübergreifenden Bündnis formiert haben. Ein Bündnis gegen die "Zweiklassengesellschaft in der EU" und dagegen, der "Mülleimer Europas" zu sein.

Es geht ihnen dabei ums Essen und um den zunehmenden "Lebensmittelrassismus" der großen Konzerne, der sich zum Beispiel an Nutella zeige. Denn Schokocreme ist nicht gleich Schokocreme, und sie selbst werden mit der B-Ware abgespeist. So empfinden sie es jedenfalls und deshalb wollen die Slowakei, Tschechien, Polen, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Bulgarien, Rumänien und Litauen nun dagegen kämpfen.

Der Vorwurf an die Westländer: Deren große Lebensmittelkonzerne würden im Osten Europas Nahrungsmittel von minderwertiger Qualität verkaufen. Was dort mit bekannten Markennamen in den Handel komme, habe wenig mit den Produkten zu tun, die andernorts in der EU verkauft werden. Lebensmitteltests diverser Prüfstellen hätten ergeben, dass die Rezepturen deutlich abwichen.

Steckt in Fischstäbchen weniger Fisch?

So seien in Limonaden mehr Austauschstoffe wie Sirup statt Raffinadezucker festgestellt worden. In Fischstäbchen stecke weniger Fisch, in der Wurst mehr Fett und Flüssigkeit statt Fleisch. Und Tütensuppen enthielten weniger Gemüseanteile und Fleischkrümel sowie insgesamt weniger Instantpulver. Das sei "einer der größten Skandale der jüngsten Vergangenheit", wetterte kürzlich János Lázár, Leiter der Staatskanzlei des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán.

Seit Monaten nähren einige Lebensmittelanalysen tatsächlich den Verdacht, dass die Vorwürfe, zumindest teilweise, wahr sein könnten: Die ungarische Lebensmittel-Sicherheitsbehörde verglich 24 Produkte, die sie bei Discounterketten in Österreich und Ungarn kaufte und stellte deutliche Unterschiede fest. Das slowakische Landwirtschaftsministerium ließ 22 Markenprodukte untersuchen und kam zum Schluss, dass die Rezepturen tatsächlich abwichen. Und eine Studie der Universität Prag im Auftrag einer EU-Abgeordneten entdeckte den geringeren Fischgehalt im Stäbchen und den Sirup im Colagetränk.

Die Hersteller passen die Rezepte an Geschmäcker an

Die Hersteller der betroffenen Produkte entgegnen: Bisher habe ihnen niemand offengelegt, wie überhaupt getestet worden sei. Gab es nur Stichproben und Geschmacksvergleiche? Oder tatsächlich umfangreiche Laboranalysen? Zwar gebe es bisweilen unterschiedliche Rezepturen, mit denen man die Produkte an die nationalen Geschmäcker anpasse, räumen einige Produzenten ein. Aber dass die Qualität der verwendeten Grundstoffe grundsätzlich eine andere sei, etwa bei Milchprodukten, bestreiten alle. Nun wird die Europäische Union eine halbe Million Euro ausgeben, um den Wahrheitsgehalt der Vorwürfe zu überprüfen.

Schon seit Jahrzehnten schmecken Markenprodukte nicht überall gleich, weil viele Hersteller ihre Rezepturen an die Geschmäcker in den Verkaufsländern anpassen. Deshalb weiß man von Nutella, dass sie in Nordeuropa fester ist und nur matt glänzt, während sie rund ums Mittelmeer süßer schmeckt, weil der Süden es süßer mag. Dort ist sie auch cremiger, weil sonst in Frankreich, Italien oder Spanien das Weißbrot zerfleddert. Von Haribo und Coca Cola ist ebenfalls bekannt, dass sie den Geschmack ihrer Süßwaren an ihre Abnehmerländer anpassen.

Auch bei Tütensuppen scheint es gängig zu sein, bestätigt der Ernährungsexperte und Food-Detektiv Hans-Ulrich Grimm: "Ich habe in der Tat bei meinen Recherchen vor Jahren ähnliche Beobachtungen gemacht. Es ging damals um 5-Minuten-Terrinen von Maggi. Ich hatte eine Fabrik nördlich des Ruhrgebietes besucht, dort haben mir die Maggi-Leute erklärt, dass sie für alle möglichen Länder unterschiedliche Versionen anbieten: für Polen andere als für Irland, für die Schweiz andere als für Deutschland." Es ist also längst nicht immer dasselbe drin, auch wenn überall derselbe Name drauftseht.

Die Frage ist nur: Wo endet die individuelle Geschmacksvariation – und wo beginnt die Panscherei auf Kosten der Qualität?

"Die Produkte sind ja nicht automatisch schlechter"

Wenn in der österreichischen Nutella weniger Magermilchpulver steckt und dafür mehr Molkenpulver als in der deutschen, so wie es Verbrauchervergleiche im Internet aufschlüsseln? Wenn eine Limofirma in einem Land mehr Sirup verwendet statt weißen Zucker? Oder wenn eine Keksfirma ihre Butterkekse mancherorts mit mehr pflanzlichem Palmöl backt als mit tierischer Butter? Hans-Ulrich Grimm, sonst ein großer Kritiker der Lebensmittelbranche, findet: "Das ist rein qualitativ betrachtet nicht sehr erheblich, weil es nur um unterschiedliche Mischungsverhältnisse unterschiedlich ungesunder Inhaltsstoffe und Chemikalien geht. Ob es wirklich Anlass zum Beleidigtsein gibt, ist sehr die Frage."

Selbst wenn die Firmen in manchen Ländern andere Zutaten verwenden, um Geld zu sparen, könne man ihnen das nicht wirklich vorwerfen, findet auch Tomaso Duso, Experte für Lebensmittelhandel beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): "Die Produkte sind ja nicht automatisch schlechter, nur weil die Firmen Zutaten benutzen, die weniger kosten." Eine Grenze müsse man allerdings ziehen: "Wenn dabei Inhaltsstoffe zugesetzt würden, die gesundheitlich schädlich wären, dann wäre das tatsächlich ein Fall für den Verbraucherschutz und dann würde ich es den Herstellern anlasten. Denn in solchen Ländern ist der Verbraucherschutz viel schwächer ausgeprägt als bei uns, das wissen die Produzenten."

Es gibt keine Pflicht für identische Rezepturen

Es gibt jedoch keine Regel, wonach Unternehmen in jedem Land ihre Produkte mit der gleichen Rezeptur herstellen müssen. Das stellte auch die EU-Kommission im Verlauf der Diskussion so fest. Rein rechtlich gilt nur: Die korrekten Inhaltsstoffe und Mengenangaben müssen auch auf der Verpackung stehen. Damit kann der Kunde selbst entscheiden, ob ihm das Produkt taugt.

Zwar sei eine weitere Harmonisierung des EU-Verbraucherschutzes durchaus wünschenswert, findet DIW-Experte Druso. Aber es wäre eine enorme Beschränkung, wenn die EU künftig anhand des Durchschnittsgeschmacks eines Durchschnittseuropäers entscheiden würde, wie ein EU-Produkt schmecken muss. "Als Italiener wäre ich damit nicht glücklich, wenn die EU einen Durchschnitts-Nudelgeschmack definiert."

Die Deutschen kriegen den schlechtesten Spargel

Das wahre Problem liegt ohnehin nicht in den Feinheiten der Rezeptur, sagt Food-Detektiv Hans-Ulrich Grimm: "Bei der Industrienahrung gibt es meiner Ansicht nach kein Gut und Schlecht – sondern nur unterschiedliche Abstufungen von Schlecht." All das, was aus den Fabriken komme, sei "processed food", also heftigst verarbeitetes Essen, "das ist in der Medizin heute eine eigenständige Risikokategorie."

Wer sichergehen will, dass er gute Lebensmittel konsumiert, der sollte am besten auf Industrielebensmittel verzichten, sondern vor allem frisches Obst und Gemüse kaufen. Aber auch das ist gar nicht so einfach, denn dabei gibt es wohl die nächste europäische Zweiklassengesellschaft – bei der allerdings Deutschland die B-Ware abbekomme, so Grimm. "Eine Landfrau, die mal mit ihrem Landfrauenverein in Spanien war und Gemüseplantagen besichtigt hatte, erzählte mir, dass die Deutschen die minderwertigsten Chargen bekommen. Weil es ihnen ohnehin nicht um die Qualität des Gemüses gehe, sondern nur um den Preis."

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