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Rente mit 60 ist ein gefährlicher Wunschtraum

DIE WELT-Logo DIE WELT 02.01.2017
Small boy hearing music with his grandfather from a smartphone ** Rentner **: Mehr Zeit für die Familie © GEtty Images Mehr Zeit für die Familie

Die Deutschen möchten mit 60 in Rente gehen, wie eine Umfrage zeigt. Doch der frühe Ruhestand ist nicht nur ein Problem für die Sozialkassen. Der Einzelne unterschätzt die positive Wirkung eines Jobs.

Margret Suckale tut es. Bis Ende April wird sie noch arbeiten, danach hat sie, wovon Millionen Deutsche träumen: jede Menge Zeit. Zeit zu lesen, Zeit zu reisen, Zeit zu tun, wonach auch immer ihr gerade der Sinn steht. Denn Suckale, Arbeitsdirektorin beim Chemiekonzern BASF und Vorzeigefrau der deutschen Wirtschaft, geht in Rente. Vorzeitig, wie es so schön heißt, mit nicht einmal 61 Jahren. Das ist früh, zwei Jahre vor der bei ihrem Arbeitgeber üblichen Altersgrenze.

Rente mit 60, finanziell abgesichert. Besser, so denken auch viele Deutsche, kann es nicht laufen. Das hat gerade eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GfK im Auftrag der "Welt am Sonntag" ergeben.

Es ist ein gefährlicher Traum. Denn Deutschland altert. Die Gesellschaft kann es sich nicht mehr leisten, wenn Menschen sich mit 60 aus dem Arbeitsleben verabschieden. Die Wirtschaftsweisen, gewissermaßen das ökonomische Gewissen der Nation, haben deshalb in ihrem Jahresgutachten das Gegenteil gefordert: das Renteneintrittsalter schrittweise auf 71 Jahre anzuheben. Die Regierungspolitiker, allen voran Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), aber richten sich mit ihrer Rentenpolitik lieber nach dem Wünschen ihrer Wähler.

© Infografik Die Welt

Rasanter technischer Wandel

Die sind eindeutig, wie die repräsentative GfK-Umfrage zeigt. Die Deutschen wollen demnach im Durchschnitt mit 60,2 Jahren in Rente gehen. Sofern sie es sich finanziell leisten können. Dieser Wunsch geht durch alle Gesellschaftsschichten.

Auf die Frage: "Angenommen, Sie könnten es sich leisten, bis zu welchem Alter möchten Sie arbeiten?", gibt es offenbar nur eine Antwort. Mitglieder der Ober- und Mittelschicht nannten als Rentenwunsch-Alter: 60,6 Jahre. In der Unterschicht lag es bei durchschnittlich 59,2 Jahren. Für die Statistiker ist das keine signifikante Abweichung.

Wenn man die Ergebnisse nach Bildungsstand sortiert, ergibt sich ein überraschendes Bild. Es sind nicht diejenigen mit Abitur und Hochschulabschluss, die so gern arbeiten, dass sie möglichst spät damit aufhören wollen. Es sind Menschen mit Hauptschulabschluss, die mit 60,3 Jahren eine etwas spätere Rente anstreben.

"Die große Erfüllung im Beruf sehe ich auch in den höheren sozialen Schichten nicht wirklich", sagt Klaus Hilbinger, der die GfK-Umfrage leitete. Für den Wunsch, sich relativ früh zur Ruhe zu setzen, könne es unterschiedliche Gründe geben. Einerseits seien besser bezahlte Jobs, die eine höhere Ausbildung erfordern, nicht unbedingt stressfreier. Gerade dort häuften sich Fälle von Stresskrankheiten wie Burn-out. "Andererseits ist dort der technische Wandel besonders rasant. Viele haben vielleicht das Gefühl, nicht über Jahrzehnte mithalten zu können."

Klagen über Fachkräftemangel

Die Politik hat ihren Anteil daran, dass die Deutschen ihre Konsequenzen gezogen und sich früher zur Ruhe gesetzt haben. Sie öffnete mit Programmen zur Frühverrentung die Türen. Deshalb geht heute noch etwa jeder vierte Neurentner frühzeitig und mit finanziellen Einbußen in den Ruhestand. Ein besonders Geschenk bereitete die Große Koalition dann langjährig Versicherten wie etwa Facharbeitern. Sie können seit 2014 ohne Abschläge schon mit 63 Jahren in Rente gehen. Tausende von Betrieben im Land klagten da längst über Fachkräftemangel. Schon 2007 hatte der Bundestag beschlossen, das gesetzliche Rentenalter schrittweise anzuheben. Wer ab dem Jahr 1965 geboren ist, kann sich erst im Alter von 67 Jahren abschlagsfrei zur Ruhe setzen.

Nach Ansicht von Ökonomen reicht das aber längst nicht aus, um die Rentenkassen stabil zu halten. Die Wirtschaftsweisen etwa schlagen vor, das Rentenalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln: Bis 2080 rechnen sie mit einer Lebenserwartung von 88 Jahren für Männer und 91 Jahren für Frauen. Also müsse das Rentenalter steigen. Sonst sei so wenig Geld in der Kasse, dass die Beitragssätze rasant steigen oder die Auszahlungen stark gekürzt werden müssten, was mehr Altersarmut zur Folge hätte. Nur will das offenbar niemand hören.

Laut GfK-Umfrage können sich noch nicht einmal fünf Prozent der Befragten damit anfreunden, erst ab 67 Jahren in Rente zu gehen. Mehr als 83 Prozent würden dagegen am liebsten noch vor ihrem 65. Geburtstag aufhören zu arbeiten.

"Arbeit bietet soziale Netzwerke"

Wirtschaftspsychologe Jürgen Deller von der Lüneburger Leuphana Universität sieht in den Umfragen trotzdem einen Grund zu hoffen. Denn: Die Wünsche und Träume ändern sich. Je näher die von der GfK Befragten an das Rentenalter heranrücken, desto später wollen sie aufhören. Die 20- bis 29-Jährigen wollen im Durchschnitt nicht einmal bis zum 58. Lebensjahr arbeiten. Die 60- bis 69-Jährigen dagegen halten 64 für das ideale Alter, um den Ruhestand zu beginnen.

"Je mehr der Ruhestand vom stereotypen Ideal ins praktisch Erfahrbare rückt, desto mehr wird den Menschen der Wert ihrer Arbeit bewusst", sagt Deller, der gemeinsam mit Forschern anderer Universitäten das Silver Workers Institute in Berlin gegründet hat. Da gehe es längst nicht nur ums Geldverdienen. "Arbeit bietet soziale Netzwerke. Sie bringt mich mit Menschen in Kontakt, die ich interessant finde." Teilzeit-Lösungen bis ins höhere Alter könnten deshalb durchaus erstrebenswert sein.

Genau das will die Bundesregierung ab kommendem Sommer fördern – mit ihrer sogenannten Flexi Rente. Die erlaubt es, auch über die gesetzliche Altersgrenze hinaus in Teil- oder Vollzeit weiterzuarbeiten und künftige Bezüge dadurch zu steigern.

Das Modell kann sogar gesund sein. Es gibt medizinische Gründe, die dagegen sprechen, von heute auf morgen das Arbeitsleben zu verlassen. Im Katalog der Weltgesundheitsorganisation jedenfalls taucht die Rente als offizieller Krankmacher auf.

Arbeit ist wichtig für die Sozialhygiene

Sie könne bei den Betroffenen zu Anpassungsstörungen mit depressiven Stimmungen und Störungen des Sozialverhaltens führen. Psychologen sind sich heute einig: Nicht nur Arbeit kann krank machen, sondern auch, wenn sie plötzlich nicht mehr ist. Wenn ein strukturierter Tagesablauf, soziale Kontakte und Erfolgserlebnisse verloren gehen.

Nach Zahlen des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen leidet tatsächlich keine Bevölkerungsgruppe häufiger unter Depressionen als die Rentner. Mehr als 16 Prozent macht die Krankheit zu schaffen. Unter den berufstätigen Versicherten dagegen waren es nicht einmal neun Prozent, also fast die Hälfte.

Dass Margret Suckale mit ihrer vielen Freizeit nichts anzufangen weiß, ist eher unwahrscheinlich. "Ich habe von einem guten Coach gelernt, in Optionen zu denken", hat sie vor Jahren in einem Interview gesagt. Da hatte sie sich auch schon über Möglichkeiten für ihren Ruhestand Gedanken gemacht. Ihre Hobbys – Schlittschuh laufen, walken und rudern – spielen da sicher eine Rolle, aber auch Arbeit im Ehrenamt. Dort könne sie nach so vielen Jahren im Beruf bestimmt einiges beitragen. "Solange meine Gesundheit mitmacht, werde ich etwas tun", sagt sie. Engagement sei das beste Anti-Aging-Programm.

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