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Schafft die Kinderkrankentage ab!

t3n Magazin-Logo t3n Magazin 15.09.2021 Isabell Prophet
Wenn das Kind krank ist, bleiben aktuell überwiegend die Mütter zu Hause. © Olimpik / Shutterstock Wenn das Kind krank ist, bleiben aktuell überwiegend die Mütter zu Hause.

Mehr Tage haben nicht geholfen, vereinfachtes Homeoffice hat nur ein bisschen geholfen. Aber wer es Eltern leichter machen will, Kinder gemeinsam zu betreuen, der muss sich trauen, Ausfalltage neu zu denken. Sonst können wir sie auch abschaffen.

Wer bleibt zu Hause, wenn das Kind krank ist? Diese Frage treibt Familien um, Arbeitgebende natürlich auch, die Bundesregierung ist dran und die Antwort bleibt doch die gleiche: überwiegend die Mütter. 72 Prozent der Anträge auf Kinderkrankengeld bei der Krankenkasse DAK kamen im ersten Quartal 2021 von Frauen, berichtet der Tagesspiegel. 64 Prozent waren es in Berlin.

Das System soll familienfreundlich sein: An 30 Tagen im Jahr – pro Kind unter zwölf Jahren und pro Elternteil – können Familien mit zwei aktiven Elternteilen derzeit das Krankengeld beantragen. Alleinerziehende bekommen 60 Tage. Die Tage sind eine Reaktion auf die Corona-Pandemie, früher waren es 10 oder 20 Tage. Gezahlt werden 90 Prozent des Nettolohns. Es gibt nur ein Problem: Familienfreundlichkeit wird in Deutschland noch immer gleichgesetzt mit Frauenfeindlichkeit. Und so ist auch die Politik der Kinderkrankentage letztlich nur das: frauenfeindlich. Mütterfeindlich. Und komplett aus der Zeit gefallen.

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Die gut gemeinte Politik funktioniert einfach nicht

Die Qualität einer jeden Politik, eines jeden Gesetzes, misst sich letztlich daran, wie es ausgelebt wird. Gut am Kinderkrankentagegeld ist, dass es auch Menschen beantragen können, die im Homeoffice arbeiten können. Doch so lange etwa doppelt so viele Mütter die Kinderkrankentage nehmen, wie Väter es tun, wirkt sich die Politik auf eine Art aus, die gesellschaftlich nicht mehr gewollt ist: Sie behindert Väter dabei, die Rolle als emotionale Bezugsperson voll auszufüllen. Zulasten der Mütter.

Der Hintergrund ist weder eindeutig noch für alle Familien gleich. Es gibt Familien, die sich bewusst und frei entscheiden. Frauen wurden dazu erzogen, sich zu kümmern, und sie haben es als Kinder so erlebt. Das Gleiche nehmen sie im Erwachsenenalter als normal an. In anderen Familien sind die Jobs so verteilt, dass sich automatisch ergibt, wer leichter zu Hause bleiben kann. Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) verdienen Frauen in Deutschland noch immer etwa 19 Prozent weniger als Männer. Gleichzeitig ist nur etwa jede dritte Führungskraft weiblich.

Warum die Kinderkrankentage oft mehr schaden als nützen

Noch immer gibt es jene Familien, in denen der Vater in einer Firma arbeitet, die ständige Anwesenheit für die Karriere voraussetzt, und die sich dagegen nicht wehren. Aus: „Heute kann ich nicht“, wird dann über die Jahre die Selbstverständlichkeit, dass die Partnerin auf Arbeitszeit verzichtet. Das Resultat in allen Fällen: Seine Arbeit wird ganz regulär verrichtet, ihre gar nicht. Und natürlich gibt es die Fälle, in denen es umgekehrt ist. Natürlich sehen wir einen Trend dahin, dass die Verteilung gerechter wird. Und natürlich gibt es gleichgeschlechtliche Paare, die anders verhandeln. Aber das Problem geht nicht davon weg, dass es Ausnahmen gibt.


Video: Mehr Kinderkrankentage: Was Eltern jetzt wissen müssen (glomex)

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Durch die Kinderkrankentage, wie sie derzeit gestaltet sind, verlieren alle:

• Die Wirtschaft verliert, weil die Arbeitskraft einer Person fehlt.

• Das Team verliert, weil zeitkritische Arbeit trotzdem gemacht werden muss.

• Die Person, die zu Hause bleibt, verliert, weil die Karriere darunter leidet, sie aber trotzdem nach der Care-Arbeit zu Hause noch vieles nacharbeiten muss. Und weil sie trotz der Mehrfachbelastung für die betreffenden Tage nur 90 Prozent des Gehalts bekommt.

• Die Kinder verlieren, weil das Muster, dass die Mutter in der Regel verzichten muss, so in die nächste Generation getragen wird.

• Die Gesellschaft verliert, weil Kinderkrankentage als Bedrohung erlebt werden und das Kinderkriegen oft als problematischer Spleen angesehen wird. Wartezimmer sind voll, weil Eltern selbst für harmlose Infekte ein Attest benötigen. Und wie ätzend ist es eigentlich, krank oder mit krankem Kind in einem Wartezimmer zu sitzen, nur für ein verdammtes Formular?

Wie es besser gehen könnte

Wir brauchen also eine Lösung, die beiden Elternteilen erlaubt, an einem Krankentag zu arbeiten. Und dafür müssen wir einen heiligen Gral unserer Gesellschaft angreifen: die Herrschaftsgewalt der Unternehmen. Noch immer gehen viele Menschen davon aus, dass ein Werktag dem Werken dient und alles andere zurücktreten muss. Und noch immer gehen viele dieser Menschen davon aus, dass ein normaler Arbeitstag acht Stunden hat und diese acht Stunden – plus Mittagspause – idealerweise in der Firma verbracht werden, auf jeden Fall aber ohne Unterbrechungen durch die Familie.

Doch im Homeoffice haben wir schon gelernt, wie vieles möglich sein kann, wenn man sich ein wenig streckt. Gehen wir von der klassischen Fieber-Quarantäne aus: Das Kind kommt mittags nach Hause, fiebert den Rest des Tages auf dem Sofa herum und wacht am nächsten Morgen topfit auf. Dann muss es noch zwei Tage zu Hause bleiben und es wird sich dabei schrecklich langweilen. Was werden Familien also tun? Drei Szenarien:

1. Eine Person bleibt zu Hause, erledigt die gesamte Sorge-Arbeit, müsste dabei eigentlich für den Job erreichbar sein, wird anschließend vieles nacharbeiten und hat ihr Standing in der Firma verschlechtert.

2. Beide bleiben abwechselnd einen Tag zu Hause, kriegen aber immer wieder dringende Anrufe und Mails und ab und zu ist da auch ein Call, der eigentlich wichtig wäre, aber … Schokoladenmüsli! Maus! Kugelbahn!

Ich halte eine 3. Variante für am klügsten: Beide Eltern bleiben, wenn ihre Jobs das erlauben, gemeinsam zu Hause. Familien brauchen ein Recht auf Homeoffice und verringerte Erreichbarkeit bei voller Bezahlung. Davon profitieren alle, weil diese Lösung mehr Spielraum für Organisation und Absprachen lässt.

Die Eltern besprechen ihre Termine, ruckeln die Tage zurück und wechseln sich in der Sorge-Arbeit ab. Die Folge: Beide Eltern werden ihre gesamte Arbeit erledigen. Dafür haben sie etwa 14 Stunden Zeit, also zweimal sieben. Da die meisten Büroarbeitenden laut einer Umfrage nur etwa drei Stunden am Tag produktiv arbeiten, sollte das also gut passen, selbst wenn jemand ganz fest daran glaubt, an mehr Stunden produktiv zu sein. Das ist noch immer anstrengend, klar. Aber nur für die Person, die sich sonst aus der Verantwortung gezogen hätte. Unterm Strich ist es leichter. Und wir reden hier im Regelfall nur von wenigen Tagen. Die lassen sich zu zweit tatsächlich durchhalten. Gehen wir davon aus, dass Fortpflanzung in unserer Gesellschaft grundsätzlich erwünscht ist, bleibt es die beste Lösung, nach Möglichkeit gemeinsam bei den Kindern zu bleiben.

Mut zur Veränderung

Für Jobs, in denen die Anwesenheit wirklich notwendig ist – ich meine Fabriken, Krankenhäuser oder Supermärkte, nicht Führungsjobs oder kontrollsüchtige Chefs – brauchen wir andere Lösungen. Halbe Arbeitstage wären unrealistisch, die Fahrzeit bleibt schließlich bestehen. Auch Arbeitende in prekäreren Jobs müssen speziell geschützt werden. Allerdings: Das gilt jetzt auch schon. Diese Ineffizienzen haben nicht die Kinder zu verantworten, sondern Kultur und Struktur in Unternehmen.

Und ich bin wirklich keine Freundin von Bürokratie, aber vielleicht heißt die Lösung dann: Krankentagegeld für Kinder muss begründet werden. Und für diese Begründungen brauchen wir:

1. klare, objektive Regeln, die von der Gesellschaft gemacht sind, nicht von Lobbyisten,

2. die Pflicht, die Tage annähernd paritätisch zu verteilen,

3. Härtefallregelungen, um längere Ausfälle aufzufangen,

4. natürlich weiterhin Krankengeld für Alleinerziehende.

Und ja, wir springen ganz schön weit, wenn wir das Kinderkrankengeld abschaffen. Wir sind es gewohnt, es zu bekommen. Aber solange die Kinderkrankentage mehr schaden, als dass sie nützen, wäre allen damit gedient, wenn wir sie hinter uns lassen. Denn dann können Familien das tun, was sie am Besten können: eine kreative Lösung finden.

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