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Staatskonzern: Neues Gutachten legt den Beratersumpf der Deutschen Bahn offen

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 10.10.2019 Fockenbrock, Dieter Greive, Martin
Die Berater-Affäre holt den Staatskonzern ein. © Reuters Die Berater-Affäre holt den Staatskonzern ein.

Ein 432-seitiges EY-Gutachten wirft Fragen bezüglich der Berater-Auswahl auf. Die Praxis ist zwar abgestellt, hat aber noch Folgen für Vorstand Berthold Huber.

Als der Personalvorstand seinen Schreibtisch räumen musste, packte ihn die Angst. Existenzangst. Obwohl er prächtig verdient hatte, sah er seine „wirtschaftliche Existenz durch den Aufhebungsvertrag gefährdet“. Da kam der Manager auf eine Idee. Er fragte den damaligen Deutsche-Bahn-Vorstand Ulrich Weber, ob er nicht als Berater weiter für das Unternehmen arbeiten könnte.

So geschah es. Nur einen Tag nach seinem Ausscheiden bei Schenker trat am 1. April 2011 ein Beratervertrag über insgesamt 374.850 Euro in Kraft. Gegenstand war Beratung für die DB Mobility Logistics bei Fragen der „Internationalisierung der Personalarbeit“. Der Aufwand für den frisch gebackenen Berater hielt sich in Grenzen.

Er und Vorstand Weber trafen sich lediglich einmal im Monat einen halben Tag, eine Dokumentation darüber gibt es nicht. „Eine Leistungserbringung konnte allenfalls in geringem Umfang festgestellt und die hierfür gezahlte Vergütung als nicht marktüblich angesehen werden“, heißt es daher im Untersuchungsbericht der Wirtschaftsprüfer von EY.

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Der Fall des anonymisierten ehemaligen Schenker-Managers ist extrem. Doch er ist bei Weitem nicht das einzige Beispiel, wie lax die Bahn ein Jahrzehnt lang Beraterverträge mit ehemaligen Führungskräften vergab. Die meisten, wie bei dem Schenker-Manager, ohne Genehmigung des Aufsichtsrats.

Diese Praxis verstieß gegen das Aktienrecht. Die Berateraffäre lässt den Konzern seit Monaten nicht zur Ruhe kommen. Der Aufsichtsrat hat die Vergabe von Beraterverträgen an frühere Führungskräfte zwar inzwischen untersagt. Aber viele Fragen sind noch offen. Etwa die Zukunft von Personenverkehrsvorstand Berthold Huber, der als aktiver Konzernvorstand im Fokus der Berateraffäre steht.

Nun zeigt das bisher unter Verschluss gehaltene, 432 Seiten starke Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, das dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, im Detail, wie der Konzern ehemaligen Topmanagern ein Jahrzehnt lang Aufträge zuschusterte.

In dem Gutachten wurden die Beraterverträge von 29 Personen untersucht, darunter die einiger Politiker, vor allem aber die von 25 ehemaligen Bahn-Führungskräften. Mit ihnen hat der Konzern demnach zwischen 2008 und 2018 insgesamt 60 Beraterverträge im Volumen von rund 13 Millionen Euro abgeschlossen.

Das Ergebnis der EY-Untersuchung: 58 und damit fast alle Verträge wurden ohne Zustimmung des Konzernaufsichtsrats vergeben. Nicht in allen Fällen war eine Zustimmung der Kontrolleure zwingend erforderlich – aber in den meisten. Bahnchef Richard Lutz kann angesichts der Kritik wegen Verspätungen und mangelhaften Services eine solche Affäre eigentlich als Letztes gebrauchen.

Aber immerhin ist er persönlich bislang außen vor. Bis 2017 war Lutz sieben Jahre lang Finanzvorstand des Staatskonzerns. In dieser Funktion musste er nicht zwingend von Beraterverträgen mit früheren Kollegen wissen.

Nach eigenen Angaben hat er auch sofort den Aufsichtsrat eingeschaltet, als im Winter der Konzernrevision aufgefallen war, dass es Beraterverträge mit ehemaligen Bahn-Managern gab, die nicht vom Kontrollgremium genehmigt worden waren. Ein Rechts- und Compliance-Ausschuss nahm sich daraufhin die dubiosen Verträge rückwirkend bis 2008 vor. Dafür wurden die Unternehmensberatung EY sowie die Kanzlei Rittershaus engagiert.

Anders als bei Lutz verhält es sich bei Berthold Huber, den für Personenverkehr zuständigen Bahn-Vorstand. Ihm drohen Verträge mit dem früheren Vorstand Ulrich Homburg auf die Füße zu fallen. Homburg musste Ende Juli 2015 im Zuge eines Vorstandsumbaus das Unternehmen verlassen.

Noch während der damalige Aufsichtsrat über die Modalitäten wie Abfindungszahlungen verhandelte, wurden mit Homburg unter wohlwollender Begleitung des damaligen Bahnchefs Rüdiger Grube Gespräche über einen Beratervertrag in Höhe von 300.000 Euro geführt – ohne den Aufsichtsrat darüber zu informieren. Grube wurde von EY am 14. Juni befragt, der Ex-Bahnchef zog aber später seine Aussagen zurück.

Ebenso wenig erfuhren die Aufseher von einem weiteren Beratervertrag mit Homburg über 171.000 Euro, den Huber persönlich unterzeichnete. Homburg sollte einen neuen Vorstand für die DB Cargo AG finden. Insgesamt vergab die Bahn laut EY-Gutachten drei Beraterverträge an Homburg, zweimal gab es Anpassungen bei der Laufzeit. Insgesamt kam so ein Volumen in Höhe von über einer Million Euro zustande.

Auch wenn Homburg, anders als der Schenker-Manager, Leistungen „vertragsgemäß erbrachte“ und die Vergütung laut Gutachter angemessen war, sind Aufseher über das Vorgehen sehr verärgert. „Es kann doch wohl nicht sein, dass mit dem Aufsichtsrat über eine Abfindung und parallel mit dem Vorstand über einen Beratervertrag verhandelt wird und der Aufsichtsrat davon nichts weiß.“

Noch ist Huber ungeschoren davongekommen. Aber die Affäre ist noch nicht vorüber. In der Bundesregierung und den Koalitionsfraktionen ist man wenig amüsiert über das Verhalten der Bahn.

Der Politik fehlt jedes Verständnis dafür, warum die Bahn trotz 25 Milliarden Euro Schulden zwischen 2012 und 2018 fast zwei Milliarden Euro nur für externe Berater ausgab. Und warum sie dazu auch noch am Aufsichtsrat vorbei teils fragwürdige Verträge mit Ex-Managern abschloss. „Das ist systemisches Versagen pur“, sagte ein Bahn-Aufseher.

Zehn Verträge über 7,9 Millionen Euro

Der Bahn-Chef war sieben Jahre lang Finanzvorstand. © Gene Glover für Handelsblatt Der Bahn-Chef war sieben Jahre lang Finanzvorstand.

Der Aufsichtsrat wird vermutlich in der kommenden Woche entscheiden, ob er Huber ermahnt oder gar abmahnt. Eine Trennung wird in Unternehmenskreisen für unwahrscheinlich gehalten.

Homburg allerdings, das zeigt das EY-Gutachten, war bei Weitem nicht der Top-Verdiener der externen Berater, die zuvor für den Konzern arbeiteten. Einsamer Spitzenreiter ist ein ehemaliger Vorstand der DB Schenker Rail, Edmund Schlummer.

Der schloss seit 2011 zehn Beraterverträge mit der Bahn in Höhe von insgesamt 7,9 Millionen Euro ab. Und stünde laut jüngstem Vertrag eigentlich noch bis Ende Februar 2020 im Dienst der Deutschen Bahn. Auch wenn der Manager etwas für sein Geld tat und sein Honorar „marktüblich“ war, hieß die Empfehlung der Wirtschaftsprüfer im Gutachten, wie bei fast allen Verträgen, ihn für „schwebend unwirksam“ zu erklären.

Die Deutsche Bahn ist der Empfehlung inzwischen gefolgt. Bahn-Chefkontrolleur Michael Odenwald sagte dem Handelsblatt auf Anfrage, der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG habe diesen Fall an die zuständige Tochtergesellschaft DB Cargo AG verwiesen.

„Bis zu einer endgültigen Entscheidung des zuständigen Aufsichtsrates der DB Cargo AG ruht selbstverständlich der Vertrag von Herrn Schlummer. Das heißt konkret, aus diesem Vertrag werden keine Leistungen abgerufen und schon gar nicht vergütet“, sagte Odenwald.

Auch bei dem ehemaligen Schenker-Manager, der die Bahn in Personalfragen beraten sollte, folgte der Konzern der Empfehlung im EY-Gutachten, „einen Ersatzanspruch in Betracht zu ziehen“. Odenwald sagte, inzwischen seien entsprechende Rückforderungen eingeleitet worden.

Im 432 Seiten starken Gutachten wird deutlich wie die Deutsche Bahn ehemaligen Topmanagern ein Jahrzehnt lang Aufträge zuschusterte. © Gene Glover für Handelsblatt Im 432 Seiten starken Gutachten wird deutlich wie die Deutsche Bahn ehemaligen Topmanagern ein Jahrzehnt lang Aufträge zuschusterte.

Großzügig zeigte sich die Bahn nicht nur bei diesen beiden Ex-Managern. So schloss ein noch aktives Mitglied des Vorstands der Cargo AG Anfang 2012 einen dreimonatigen Beratervertrag mit der inzwischen aufgelösten Deutschen Bahn Mobility Logistics (DB ML) ab. Hier ging es zwar nur um ein Honorar in Höhe von 85.515 Euro. Allerdings sind die Umstände des Zustandekommens besonders dubios.

Denn die Beraterleistungen erbrachte der Manager nicht gegenüber der DB ML, sondern der Cargo AG. „Aufgrund dieser Umstände könnte der Anschein entstehen, der Vertrag sei bewusst mit der DB ML geschlossen worden, um einen erforderlichen Beschluss des Aufsichtsrats der Cargo AG zu umgehen“, heißt es in dem EY-Gutachten. Es sei „naheliegend“, dass es im Aufsichtsrat der Cargo AG offenbar Vorbehalte gegen eine Beauftragung gegeben habe.

Die Bahn will mit der Aufklärung auch einen Schlussstrich unter die Beraterpraxis ziehen. Seit Juni dieses Jahres dürfen „Beraterverträge von ehemaligen Vorständen und Geschäftsführern nur noch mit Kenntnis und ausdrücklicher Genehmigung des DB-Aufsichtsrats abgeschlossen werden“, versicherte Chefkontrolleur Odenwald.

Auch will die Bahn ihre teils ausufernden Beraterkosten eindämmen. Künftig dürfen es nicht mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr sein. Im Schnitt gab der Staatskonzern bisher um die 160 Millionen Euro allein fürs Managementconsulting aus.

Der Aufsichtsrat ist erleichtert, dass die jahrelange Praxis, Ex-Manager mit Beraterverträgen zu versorgen, nun gestoppt wurde. Allzu sehr leiden müssen frühere Spitzenkräfte der Bahn dennoch nicht, befürchtet ein Aufseher: „Als Gegenleistung für ausbleibende Beraterverträge dürften mit Sicherheit die Abfindungen steigen.“

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