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Storno-Gutscheine: Neue Betrugsmasche lässt Bahn-Kunden verzweifeln

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 09.11.2018 Andreas Kopietz
Wie viele Kunden von der neuen Betrugsmasche betroffen sind, ist noch unklar. © picture alliance / dpa / Lukas Schulze Wie viele Kunden von der neuen Betrugsmasche betroffen sind, ist noch unklar.

Eigentlich hatte die 20-jährige Studentin nur eine Fahrt von Halle zu ihren Eltern nach Berlin gebucht – über ihren Internet-Account der Deutschen Bahn. Doch als sie am 25. Oktober auf dem Online-Konto ihrer Bank nachschaute, hatte die Bahn bei ihr 11.213,90 Euro abgebucht.

Laut ihrem Kundenaccount auf bahn.de soll sie in den vergangenen Wochen zahlreiche Fahrten gebucht haben: mit dem Eurostar von Brüssel nach London, 1. Klasse, fünf Personen, oder auch von Rostock nach London für fünf Personen, 1. Klasse (Preis 1399,50 Euro). So kam eine stattliche Summe zusammen, die der 20-Jährigen einen gehörigen Schreck einjagte.

Was ihr widerfuhr, passierte wohl auch zahlreichen anderen Bahnkunden. Der Konzern wurde offenbar Opfer eines großangelegten Betruges und einer völlig neuen Betrugsmasche, für die er selbst die Tür geöffnet hat – auch wenn er Wert auf die Feststellung legt, dass keine Konten bei bahn.de oder der DB-Navigator-App gehackt wurden.

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So gehen die Betrüger vor

Das Einfallstor für die Kriminellen bietet eine neue Regelung der Bahn, wie mit Tickets zu verfahren ist, die von Kunden storniert wurden. Bis Ende Juli fielen bei der Stornierung eines Sparpreis-Tickets 19 Euro Bearbeitungsgebühr an. Der Rest wurde ausgezahlt. Seit dem 1. August gilt eine neue Regelung: Zehn Euro Bearbeitungsgebühr fallen an, der Rest wird als Stornogutschein ausgegeben. Damit kann zum Beispiel eine neue Fahrkarte oder eine Bahncard gekauft werden.  

Der Gutschein mit siebenstelligem Code gilt drei Jahre und kann eingelöst werden in Reisezentren und DB-Agenturen, am Automaten oder auf bahn.de im Internet. Er ist nicht personengebunden und kann an Dritte weitergegeben werden. 

Nach Angaben eines Ermittlers griffen Hacker vor einiger Zeit Zugangsdaten von E-Mail-Accounts zweier großer Provider ab. Betrüger probierten diese dann zum Beispiel im Login von www.bahn.de aus. Ähnliche Attacken registrieren auch andere Unternehmen mit großem Kundenstamm, zum Beispiel Versandhäuser oder Konzertticket-Agenturen. Waren die gestohlenen Mail-Daten bei der Bahn registriert, dann klickten die Täter auf „Passwort vergessen“ und ließen sich ein neues Passwort kommen. Nun konnten sie im Bahn-Account die angegebene Mailadresse ändern, während sich Bahnkunden mitunter wunderten, warum sie keinen Zugang mehr hatten. Dann bestellten die Täter Sparpreis-Tickets, stornierten diese sofort und ließen sich die Gutscheine dafür an ihre eigene Mailadresse schicken. Gebucht werden die Beträge indes auf die im Bahn-Account gespeicherten Kontodaten des nichts ahnenden Kunden. 

Die Betrugsmasche ist der Bundespolizei bereits bekannt

Die Gutscheine werden dann von den Betrügern „gewaschen“, wie Ermittler das nennen: Mit dem siebenstelligen Code kaufen die Täter etwa eine S-Bahn-Fahrkarte. Für das verbliebene Guthaben erhalten sie einen Restwertgutschein mit neuem Code. Das Gleiche tun sie ein weiteres Mal. So kann der Weg des Geldes nicht mehr nachvollzogen werden. Dann verkaufen die Kriminellen die Gutscheine im Internet für einen niedrigeren Preis, bei dem Käufer glauben, etwas Günstiges erstanden zu haben. 

Andere Betrugsmaschen kennt die Bahn schon länger. Etwa die, dass Betrüger mit ausgespähten Kreditkartendaten massenhaft Bahntickets im Internet erwarben und dann weiterverkauften. Kreditkarten-Datensätze werden von Hackern im Darknet verkauft. Im vergangenen Jahr fasste die Bundespolizei in Berlin einen Betrüger, der die Deutsche Bahn um mehr als 840.000 Euro erleichtert hatte. Im vorvergangenen Jahr wurde in Berlin ein 30-Jähriger verhaftet, der mit ausgespähten Kreditkartendaten 500 Bahntickets gekauft hatte sowie Bus-, Veranstaltungs- und Flugtickets.

Die neueste Betrugsmasche ist der Bundespolizei, die für Straftaten zum Nachteil der Bahn zuständig ist, bereits bekannt. In ihren Dienststellen in mehreren Bundesländern gingen bereits Anzeigen ein. Diese Betrugsart trat bereits im September und im Oktober gehäuft auf. Jedoch kann die Behörde keine Angaben über die Zahl der Fälle machen. Es sei noch zu früh, Aussagen zu treffen.

Deutsche Bahn soll Beträge im Millionenbereich verloren haben

Seine Stornogutschein-Aktion stoppte der Konzern bisher allerdings nicht. Dafür betonen die Bahn-Offiziellen, wie wichtig ihnen die Sicherheit ihrer Kunden sei. Als Reaktion auf den Betrug senkte die Bahn nach Angaben eines Sprechers am 29. Oktober die Summe, die per Lastschrift abgebucht werden kann – „als vorsorgliche Maßnahme“, wie der Bahnsprecher betont. Sparpreistickets mit einem Wert von mehr als 150 Euro können ab jetzt im Internet bis auf weiteres nur mit Sofortüberweisung und Kreditkarte unter Abfrage des 3D-Secure-Passwortes bezahlt werden. „Wir haben diese Maßnahme zum Schutz unserer Kunden ergriffen und bitten dafür um Verständnis“, teilt der Sprecher mit. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass unsere Services so schnell wie möglich wieder wie gewohnt zur Verfügung stehen werden.“ 

Bahn-Insider sagen, dass der Konzern durch die neue Betrugsmasche bereits Beträge im Millionenbereich verloren habe. Wie hoch der bisher entstandene Schaden ist, der letztlich über die Ticketpreise wieder reingeholt werden muss, will der Sprecher nicht sagen – auch nichts zur Zahl der Betrugsfälle. Auf dem Forum der Bahn-Webseite ist dies bereits Thema: So schreibt ein Nutzer, dass auf dem Bahnkonto seiner Mutter Buchungen von mehr als 10.000 Euro für Fahrten von Fulda nach London 1. Klasse für 5 Personen getätigt und gleich wieder storniert wurden. Die Bahn verweist ihn auf dem Forum lapidar an „die Kollegen vom Online-Service“.

Betroffene Kunden sollten Anzeige erstatten und sich beim Kundenservice melden

Zumindest müssen sich betroffene Kunden keine Sorgen machen. „Stellen Kunden unberechtigte hohe Abbuchungen für Fahrkarten von ihrem Konto fest, dann sollten sie die Lastschrift durch ihre Bank widerrufen lassen und sich umgehend mit uns in Verbindung setzen“, empfiehlt der Bahnsprecher. „Wir wollen natürlich nicht, dass den Kunden durch diese betrügerischen Aktivitäten irgendein Schaden entsteht.“ Er empfiehlt außerdem, Anzeige bei der Polizei zu erstatten.

Das alles hat die 20-jährige Kundin getan, die von Halle nach Berlin fahren wollte. Die Lastschrift ließ sie sofort bei der Bank zurückbuchen. Sie schrieb auch an jenem 25. Oktober, als sie den Betrug bemerkte, mehrere Mails an die Bahn. Und versuchte über die Hotline einen Ansprechpartner zu bekommen. Je länger sie in der Warteschleife hing und fröhliche Musik hören musste, desto verzweifelter wurde sie. Schließlich hatte sie einen Mann vom Kundenservice in der Leitung, der sich ihr Anliegen geduldig anhörte. Doch dann sagte er nur: Er sei nur für Kinderreisen zuständig – und empfahl ihr, eine Mail an den Kundenservice zu schicken, den sie bereits angeschrieben hatte. 

Studentin hängt in der Warteschleife

Eine Reaktion der Bahn bekam die Studentin bis heute nicht. Sechs angstvolle Tage später, am 31. Oktober, fand sie in ihrem Postfach lediglich eine automatisch generierte Eingangsbestätigung für ihre Mail. Mehr ist seither nicht passiert, und die Verzweiflung und Unruhe der jungen Frau steigt von Tag zu Tag. So dürften auch andere geprellte Bahnkunden empfinden, die in den Warteschleifen der Bahn hängen.

Am 26. Oktober erstattete die Studentin – so, wie es stets geraten wird – über die Internetwache der Berliner Polizei Anzeige wegen Computerbetrugs. Die Polizei leitete diese zuständigkeitshalber an die Bundespolizei weiter. Bei der dortigen Inspektion Verbrechensbekämpfung in Berlin kam sie eine Woche später an, am vergangenen Montag.

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Doch wie bei der Bahn bekam die junge Frau auch von der Polizei bislang keine Antwort. Allein mit ihrer Verzweiflung resümiert sie: „Es ist, als ob du in ein schwarzes Loch schreist und niemand hört dich.“

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