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Studie: Unternehmen entdecken Kinderbetreuung als Erfolgsfaktor

Handelsblatt-Logo Handelsblatt vor 5 Tagen Anger, Heike
Viele berufstätige Eltern sind nach wie vor an der Belastungsgrenze – oder fürchten, sie könnten bald wieder ohne Betreuung dastehen. © dpa Viele berufstätige Eltern sind nach wie vor an der Belastungsgrenze – oder fürchten, sie könnten bald wieder ohne Betreuung dastehen.

Vielen Eltern fällt es schwer, Familie und Beruf zu vereinen. In der Coronakrise haben einige Firmen erkannt: Es lohnt sich, Eltern dabei zu helfen. Das zeigt eine aktuelle Studie.

Genau sechs Monate ist es nun her, dass bundesweit Kindertagesstätten und Schulen schließen mussten, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Nun normalisiert sich die Lage zwar allmählich, doch immer wieder kommt es regional zu Kita- und Schulschließungen. Und der Herbst, in dem sich Atemwegsinfektionen häufen, hat gerade erst begonnen.

In dieser Situation sehen sich viele berufstätige Eltern nach wie vor an der Belastungsgrenze – und fürchten, sie könnten bald wieder ohne Betreuung dastehen. Dass sich Eltern in Deutschland künftig stärker auf ein familienbewusstes Verhalten ihrer Arbeitgeber verlassen können, das legt nun eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Prognos im Auftrag des Bundesfamilienministeriums nahe, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Die Unterstützung macht sich für Arbeitgeber bezahlt: Denn wenn Eltern zu Hause bleiben müssen, weil die Kinderbetreuung wegfällt, entstehen dadurch hohe Kosten.

Der Studie zufolge haben die Unternehmen durch die Coronakrise die betriebswirtschaftliche Bedeutung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stark verinnerlicht. 82 Prozent der Unternehmen sagen nun, dass Kinderbetreuung ein zentraler Faktor für die Produktivität ihres Unternehmens ist. „Die Studie zeigt: Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist systemrelevant für den Erfolg der deutschen Wirtschaft“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) dem Handelsblatt. „Das Signal ist klar: Eine familienbewusste Unternehmenspolitik lohnt sich.“

Für die Studie mit dem Titel „Neue Chancen für Vereinbarkeit“ hat Prognos im Juli 750 Unternehmen in ganz Deutschland telefonisch befragt. Anlass für die Befragung ist der Unternehmenstag „Erfolgsfaktor Familie 2020“, der an diesem Freitag stattfindet. Die Ergebnisse sind auch deshalb interessant, weil sie zu einer weiteren Befragung in Relation gesetzt werden. Das Forschungsinstitut Allensbach hatte 1493 Väter und Mütter zu ihrer Lage in der Coronakrise befragt. Damit liegen nicht nur die Einschätzungen der Unternehmensleitungen vor, sondern auch die Sichtweisen der Eltern.

Die Prognos-Studie zeigt, dass sich die Rolle der Unternehmen in der Pandemie geändert hat: „Früher hätten viele Arbeitgeber die Kinderbetreuung als Privatsache der Eltern betrachtet“, erklärt David Juncke, Experte für betriebliche Familienpolitik bei Prognos. „Das funktioniert nun nicht mehr. Das haben die Unternehmen auch klar erkannt.“ Die Einsicht: Die Produktivität ihrer Firmen bleibt nur erhalten, wenn sie bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf mitwirken.

Gravierende Herausforderungen

Das stellt Unternehmen vor gravierende Herausforderungen. Laut Berechnungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für das Handelsblatt ist es durch wegfallende Kinderbetreuung in der Coronakrise zu Arbeitsausfällen von im Schnitt einem Tag pro Beschäftigtem im ersten Halbjahr 2020 gekommen. „Zusammen wären das über 40 Millionen fehlende Arbeitstage“, rechnet der Leiter des Forschungsbereiches Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen beim IAB, Enzo Weber, vor. „Für die Wirtschaft sind das spürbare Ausfälle.“

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie habe die Erwerbstätigkeit und das Arbeitsvolumen in Deutschland auf einem Rekordhoch gelegen. „Im zweiten Quartal war die Zahl der Arbeitsstunden dagegen so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung“, sagt Weber. Allerdings sei hier der wesentliche Effekt die Kurzarbeit gewesen.

Doch auch die Schul- und Kitaschließungen setzten die Firmenlenker unter Zugzwang. Und das letztlich mit positivem Effekt: Laut der Prognos-Studie haben sich Unternehmen in der Krise ganz überwiegend als hilfsbereite „Verantwortungspartner“ der Eltern bewiesen. Zwei Drittel der Unternehmen wurden demnach von ihren Beschäftigten zur Kinderbetreuung angesprochen und haben mit ihnen Lösungen entwickelt. Drei Viertel der Eltern, die das Gespräch mit ihrem Arbeitgeber suchten, erhielten nach dem Gespräch auch tatsächlich Hilfe.

19 Prozent der Unternehmen gaben an, die Initiative sei von den Vorgesetzten ausgegangen, die Mitarbeiter zu fragen, wie es mit der Kinderbetreuung aussieht und wie sich Lösungen organisieren lassen.

„Familienfreundlichkeit ist längst kein Nice-to-have mehr, sondern ein echter Standortvorteil, wenn es darum geht, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten“, sagt Bundesfamilienministerin Giffey. Familienbewusste Unternehmen hätten in der Krise auch schneller auf die Herausforderungen reagieren können.

Auch Väter sind gefordert

Allerdings gibt es in der Unternehmenswelt deutliche Unterschiede. In kleineren Firmen fanden Gespräche – zum Bespiel über flexiblere Arbeitszeiten und den Arbeitsort – seltener statt als im Mittelstand oder bei Großunternehmen. „Die Hemmschwelle ist größer, nach Änderungen zu fragen, wenn ohnehin nur wenige Leute den Laden am Laufen halten“, erklärt Prognos-Experte Juncke.

Neu sei, dass Vereinbarkeit nicht mehr nur auf Frauen bezogen wurde. „Noch vor zehn Jahren wäre das der klassische Reflex von Unternehmen gewesen“, meint Juncke. Es hätte geheißen, die Frauen seien ja zu Hause und könnten sich um die Kinder kümmern. „Doch Vereinbarkeit ist längst kein Frauen- oder Mütterthema mehr“, sagt der Experte.

Noch im Mai hatte Ministerin Giffey auf erste Umfragen verwiesen, nach denen Frauen in alte Rollenbilder zurückgedrängt würden und eher ihre Arbeitszeiten verkürzten als Männer, um die anfallende Sorgearbeit zu erledigen.

Doch kam es rückblickend tatsächlich zu einer solchen Retraditionalisierung? So eindeutig scheint es nicht zu sein. Jüngst ergab eine repräsentative Befragung von Eltern mit Kindern unter 15 Jahren von Allensbach im Auftrag des Familienministeriums, dass in der Coronakrise in 59 Prozent der Fälle die Aufteilung bei der Kinderbetreuung unverändert blieb. 21 Prozent der Befragten gaben an, die Aufgabenverteilung sei ungleicher geworden. Und 20 Prozent fanden den Umgang mit den Kindern sogar partnerschaftlicher.

Auch Prognos widmete sich nun der „aktiven Vaterschaft“. Gleich mit drei Fragen sollte die Haltung der Unternehmen dazu gemessen werden. Das Ergebnis: Für die Aussage „In der Krise wird deutlich, wie wichtig es ist, dass Väter sich an der Kinderbetreuung beteiligen, damit nicht nur die Mütter ihre Arbeitszeiten reduzieren“, gab es eine Zustimmung von 78 Prozent der Firmenlenker.

Auch die umgekehrt formulierte Frage ergab ein solches Stimmungsbild: Nur ein Viertel der Unternehmen stimmte der Aussage zu, dass es in der Krise gut sei, wenn bei berufstätigen Eltern vorrangig die Frau im Beruf kürzertrete, damit der Vater den Rücken frei habe. Und schließlich fanden nur 20 Prozent der Unternehmensführer die Feststellung plausibel, dass es in der Krise unangebracht sei, wenn Väter in Elternzeit gehen wollten.

Unternehmen wollen nicht zurück zum alten Rollenbild

„Das sind deutliche Indikatoren dafür, dass die gefürchtete Rückkehr zur traditionellen Rollenverteilung nicht stattfand und von den Unternehmen auch nicht gewollt wird“, sagt Prognos-Experte Juncke.

Unternehmen sehen demnach, dass für beide Elternteile Vereinbarkeitsfragen sehr relevant sind. Die Erwerbstätigkeit von Müttern werde ebenso wie die Familienzeit von Vätern für Unternehmensverantwortliche selbstverständlicher.

Eine aktive Vaterschaft fand dabei branchenübergreifend Zustimmung. Dass sich Väter auch um die Kinderbetreuung kümmern müssen, war auch in Unternehmen Konsens, die eher Männer dominiert sind, also etwa im produzierenden Gewerbe.

„Was mich besonders freut: Unternehmen sehen, dass Vereinbarkeitsfragen für beide Elternteile sehr relevant sind“, kommentierte Ministerin Giffey die Befunde. Letztlich, so der Tenor der Prognos-Studie, ergeben sich neue Chancen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – in der Coronakrise und für die Zeit danach.

Mehr: Unternehmen mit Bundes- und Landesbeteiligungen tun zu wenig, um Frauen in Aufsichtsgremien oder das Topmanagement zu bringen.

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