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Thyssenkrupp: Ohne Stahl in die Zukunft

Kölner Stadt-Anzeiger-Logo Kölner Stadt-Anzeiger 20.01.2018 ksta
Konzernchef Heinrich Hiesinger verteidigt auf der Hauptversammlung in Bochum seinen Kurs. © AP Konzernchef Heinrich Hiesinger verteidigt auf der Hauptversammlung in Bochum seinen Kurs.

Heinrich Hiesinger hat einen schweren Stand. Tief im Westen, in Bochum, wo Herbert Grönemeyer einst die Sonne verstauben ließ, muss sich der Boss von Thyssenkrupp am Freitag bei der Aktionärsversammlung heftiger Kritik erwehren. Dabei geht es gar nicht mehr um die Verschmelzung der Stahl-Sparte mit dem indischen Tata-Konzern, die noch im Herbst die Stahlarbeiter mit Fackeln und Transparenten nach Essen vor die Krupp-Villa getrieben hatte. Dass der Stahl mit seinen noch 27 000 Beschäftigten abgetrennt wird, hat die IG Metall längst geschluckt. Die Grundsatzvereinbarung steht, mindestens 2000 Jobs werden wegfallen, der Anteil der stahlerzeugenden Geschäfte am Gesamtumsatz macht bald nur noch fünf Prozent aus.

Fusion mit Tata bis Ende 2018

Das Joint Venture mit Tata soll laut Hiesinger Ende des Jahres perfekt sein. "Wir haben kurz vor Weihnachten eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern erzielt", sagt der Konzernchef. "Kein Verkauf, aber eine starke Partnerschaft mit Tata ist die richtige Lösung für unser europäisches Stahlgeschäft." Noch steht die Zustimmung der Beschäftigten zu einem Tarifvertrag zur Stahlfusion aus. Sie soll Anfang Februar erfolgen.

Kein einziger Stahlarbeiter protestiert mehr vor dem Bochumer Ruhr-Congress-Center, drinnen zeichnet Hiesinger das Bild eines Industriekonzerns, den es als Ganzes zu erhalten gelte. "Unsere strategische Maxime war von Anfang an: Was wir unter dem Konzerndach von Thyssenkrupp aus eigener Kraft besser machen können, gehen wir selbst an", sagt der Vorstandsvorsitzende. "Da, wo wir eine bessere Zukunft für ein Geschäft außerhalb des Konzerns sehen, verfolgen wir den Weg konsequent."

Das gelte für das Gemeinschaftsunternehmen mit Tata und für den Verkauf des brasilianischen Stahlwerks CSA. Dagegen haben die Aktionäre, die sich mit einer Dividende von 15 Cent pro Aktie begnügen müssen, gar nichts einzuwenden. Mit dem Stahlwerk in Brasilien hat Thyssenkrupp nie auch nur einen Cent verdient, es aber immerhin noch für 1,5 Milliarden Euro verkaufen können. Das Brasilien-Abenteuer endet unter dem Strich mit einem Verlust von 591 Millionen Euro, was den Jahresüberschuss 2017 um 321 Millionen Euro geringer ausfallen lässt als im Vorjahr. Doch die Restrukturierung, die Hiesinger vor knapp sieben Jahren angestoßen hat, kommt einigen Aktionären nicht schnell genug voran. Auch wenn die Erfolge unbestritten und die Nettofinanzschulden von 6,5 Milliarden Euro im Jahr 2011 inzwischen auf unter zwei Milliarden gesunken sind.

"Thyssenkrupp muss endlich aufwachen, denn aus Sicht des Kapitalmarkts ist das Unternehmen immer noch ein träger Riese, ja ein Dinosaurier", kritisiert Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment als einer der ersten Redner. Er fordert von Hiesinger mehr Mut zu Veränderung auch gegen Widerstände. "Wenn Sie es allen recht machen wollen, können Sie das Unternehmen nicht voranbringen."

Gegen Zerschlagung des Konzerns

Der überwiegende Teil der Aktionäre stützt trotz aller Kritik den Kurs der Konzernspitze. Heftiger Anwürfe muss sich daher auch der nach der Krupp-Stiftung zweitgrößte Einzelaktionär Cevian aus Schweden (mit 18 Prozent Anteil) erwehren. Dessen Gründer Lars Förberg hatte im Dezember die rasche Zerschlagung von Thyssenkrupp gefordert. Aktionärssprecher kritisieren Cevian am Freitag als "schlimme, eklige Heuschrecke" und beklagen eine Verunsicherung von Anteilseignern, Beschäftigten und Kunden des Unternehmens. Dank Cevian verlässt Konzernchef Hiesinger mit Rückenwind die Aktionärsversammlung. Dass Tradition Thyssenkrupp allein nicht retten kann, haben die Aktionäre begriffen. Heuschrecken aber auch nicht.

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