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Unser Handwerk floriert, aber wir haben ein dramatisches Problem

WELT-Logo WELT 24.11.2022 Lothar Hellmann
Auszubildende in Anlagenmechanik in Leipzig Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Auszubildende in Anlagenmechanik in Leipzig Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Das Elektro-Handwerk blickt derzeit auf traumhafte Wirtschaftszahlen. Allein: Der Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die Strombranche steuert auf einen dramatischen personellen Notstand zu. Bis 2030 werden allein für die klimaneutrale Neuaufstellung der großen Wirtschaftssektoren 450.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt, heißt es in einer von den Grünen in Auftrag gegebene Studie.

Selbst vorsichtige Schätzungen des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke ermitteln eine Zahl von 160.000 Fachkräften für die nahe Zukunft (90.000 aktuell). Dabei ersetzen schon heute die Neueinsteiger noch nicht einmal die 50.000 Facharbeiter, die altersbedingt pro Jahr aussteigen. Neben der handwerklichen Grundversorgung stehen also auch Digitalisierung und die Maßnahmen zur Erreichung der Klimaschutzziele vor einem Umsetzungsproblem.

Ein Umdenken muss bei einem Grundsatz deutscher Bildungspolitik beginnen, der sich über die Jahre von „Jeder soll studieren können“ zu „Jeder soll studieren“ reduziert hat. So wurde aus der Forderung nach Chancengleichheit der Wunsch einer Abschlussgleichheit. Wenn alle studieren, funktioniert der Staat aber nicht mehr. Zudem ist das Handwerk ein wunderbarer Karriereweg – und nicht Plan B. Der neue Grundsatz müsste lauten: „Jeder soll den Beruf ergreifen können, der zu ihm passt.“

Das Studien-Dogma hat auch in der Schule zu Entwicklungen geführt, die korrigiert gehören. Denn dort beginnt die Stärke der dualen Ausbildung. Wir müssen Schulabschlüsse wieder mit Niveau füllen. Schülern sollte nach der vierten Klasse wieder eine Schulart verbindlich empfohlen werden, damit sie den zu ihren Stärken passenden Weg einschlagen.

Sitzenbleiben muss wieder überall möglich sein. Nichts demotiviert Schüler mehr, als jahrelang mitgeschleift zu werden. Es sollte auch untersucht werden, ob ein Zusammenhang zwischen Schulart und der hohen Studienabbruch-Quote besteht. Eine Diskussion über Unterricht mit zu großen Niveau-Unterschieden in einer Klasse scheint uns ebenfalls unvermeidlich.

Um die Kräfte unseres Landes wieder dorthin zu lenken, wo sie benötigt werden, ist eine verbesserte Berufsorientierung unabdingbar. Basis könnten Schaubilder sein, die einprägsam die größten Berufsbedarfe unserer Gesellschaft abbilden. Berufsinformationstouren durch die Schulen würden auch Eltern – als wichtige Einflussgruppe bei der Berufswahl von Jugendlichen – einbinden. Wer weiß schon, was ein Elektrotechniker heute wirklich macht?

Anwerbung im Ausland muss besser werden

Die Vorteile des Handwerks gehören dabei klar benannt: Neben vortrefflichen Karrierechancen ist das die betrieblich gelebte Gemeinschaft. Das kann man am besten über Praktika erleben. „Schnuppertage“ müssten ab der Grundschule integraler Bestandteil jeden Schuljahres werden.

Klar ist indes auch: Selbst wenn wir die Kräfte dieses Landes optimal nutzen, werden wir es ohne Fachkräfte aus dem Ausland nicht schaffen. Zwar gibt es einen Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit, den Betriebe auf Drittstaaten ausweiten können. 2021 wurden so 3200 Fachkräfte aus dem Ausland vermittelt, wobei in dieser Zahl auch Bewerber aus der EU enthalten sind. Mit 1230 Personen waren fast die Hälfte Pflegekräfte. Selbst wenn man die schwierigen Pandemie-Bedingungen berücksichtigt, geben diese Zahlen nicht viel Hoffnung, dass über diesen Service allein der immense Fachkräftemangel gedeckt werden könnte.

Ein Punktesystem nach dem Vorbild Kanadas – wie es derzeit von der FDP diskutiert wird – ist eine gute Idee. Aber anders als in Kanada, das seine Punkte für akademische Berufe vergibt, könnte das deutsche System die tatsächlich benötigten Berufe höher bewerten. Ebenfalls hohe Punktzahlen könnten Patenschaften einbringen, die beim Handwerk gut vorstellbar sind.

Sehr viele Länder werden sich aus demografischen Gründen in den kommenden Jahren international um Fachkräfte bemühen. Mit Deutsch, einer schwer erlernbaren Sprache, könnten wir gegenüber englischsprachigen Ländern ins Hintertreffen geraten. Es muss daher bereits bei der Ausbildung beginnen. Denkbar wären internationale berufsbildende Schulen für das Elektrohandwerk, Schulgelände mit weltoffenem Flair, begleitende Patenschaften und Besucher-Visa für die Eltern. Das deutsche Handwerk eignet sich auch deshalb gut für die Anwerbung von Auszubildenden auf internationalem Parkett, weil es weltweit einen hervorragenden Ruf genießt.

Es ist Zeit für schnell umsetzbare, auch unkonventionelle Lösungen, die überparteilich im Sinne unseres Landes getragen werden sollten.

Lothar Hellmann ist Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke. Heiko Henke ist Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Oldenburg. Dieter Meyer ist Obermeister der Elektroinnung Oldenburg. Thorsten Janßen ist Direktor des Bundestechnologiezentrums für Elektro- und Informationstechnik. Karsten Krügener ist Landesinnungsmeister vom LIV Niedersachsen Bremen.

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