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Verbraucherschutz: Mit diesen Tricks manipulieren Fake-Testportale Kunden im Internet

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 20.10.2019 Schier, Susanne
Manche Tester bieten keine zuverlässigen Hilfen. Sie versuchen, Verbraucher zum Kauf der Produkte zu verleiten. © mauritius images / teguh jati / Alamy Manche Tester bieten keine zuverlässigen Hilfen. Sie versuchen, Verbraucher zum Kauf der Produkte zu verleiten.

Testberichte sind für viele Verbraucher eine wichtige Orientierungshilfe bei der Kaufentscheidung. Doch nicht alle sind seriös. Immer häufiger landen die Fälle vor Gericht.

Wer ein Handy, einen Staubsauger oder eine Matratze kaufen will, sucht oft im Internet nach geeigneten Produkten. Viele Verbraucher orientieren sich am Testurteil von Stiftung Warentest. Im Internet gibt es aber auch viele weitere Testseiten. Während einige Anbieter Verbrauchern eine echte Alternative zu den etablierten Testinstituten bieten, gibt es auch schwarze Schafe: Webseiten mit erfundenen Tests oder Tests, die auf fragwürdige Weise zustande kommen.

Laut Digitalverband Bitkom nutzen 45 Prozent der Onlineshopper Testberichte als Entscheidungshilfe vor dem Kauf. Umso wichtiger ist es, dass sie sich auf diese Tests verlassen können. Manche Tester haben aber anderes im Sinn: Sie wollen Verbraucher zum Kauf der Produkte verleiten.

Vermeintliche Testsieger können dann auch absolute Flops sein, warnt die Stiftung Warentest in Heft 8/2019. Der Verlierer sei der Verbraucher: Er könne den meisten Testseiten nicht mehr über den Weg trauen und müsse genau hinsehen, um einen echten von einem erfundenen Test zu unterscheiden.

Für Georg Tryba von der Verbraucherzentrale NRW ist das Problem umfassend: „Für ihre Kaufentscheidung verlassen sich Onlinekäufer gerne auf angebliche ,Testsieger‘, ,Top-Seller‘ oder Produkte mit Fünf-Sterne-Bewertungen. So landen sie schnell bei großen Internethändlern wie Amazon.“ Es seien längst nicht nur Fake-Testseiten, die die Kunden zu Amazon und Co. weiterleiten.

Auch Blogger, Influencer und einige bekannte Medienhäuser arbeiten mit sogenannten Affiliate-Links, die die Leser zu den Onlineriesen führen. „Verbrauchern ist in der Regel nicht bewusst, was für eine gigantische Maschinerie das bezahlte Empfehlungs-Marketing mittlerweile ist“, betont er.

Bei den Testseiten funktioniert das in der Regel so: Über einen Button, bei dem ein Link hinterlegt ist, werden die Besucher einer Testseite direkt zu großen Shops befördert. Wenn der weitergeleitete Nutzer dort etwas kauft, erhält der Webseitenbetreiber eine Provision vom Onlinehändler. Solche Affiliate-Links nutzen sowohl große reichweitenstarke Webseiten als auch Nischenseiten zu bestimmten Produktgruppen.

Ein Problem ist, wenn diese Seiten gar nichts testen – dies zugleich aber behaupten. Das ist nicht erlaubt, wie Rechtsanwalt Christian Solmecke von der Kanzlei Wilde Beuge Solmecke ausführt: „Wo Test draufsteht, sollte natürlich auch ein Test drin sein.“ Laut Gesetz ist eine geschäftliche Handlung irreführend, wenn sie unwahre Angaben über wesentliche Merkmale der beworbenen Ware oder Dienstleistung enthält. Ein Produkttest, der nicht stattgefunden hat, sei daher rechtswidrig.

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In manchen Fällen schmücken sich die Webseiten mit Testberichten von Stiftung Warentest. Urteile werden mitunter verkürzt oder verändert dargestellt. „Wenn Test- oder Vergleichsportale unrechtmäßig mit unserem Namen oder Logo werben, gehen wir auch juristisch dagegen vor“, betont Sandra Schwarz, Redakteurin bei Stiftung Warentest. Das sei oft schwierig: Ein Portal werbe nicht mehr mit „Urteilen von Stiftung Warentest“, sondern nur noch mit „Urteilen der Stiftung“. Da es massenhaft Stiftungen in Deutschland gebe, könne man diese Aussage kaum untersagen.

In diesem Artikel verweist Stiftung Warentest auf die Seite dmkg.org. Als das Handelsblatt Anfang Oktober mit der Recherche begann, war die Seite unverändert online. Auf der Startseite war zu lesen: „Testsieger & Testberichte der Stiftung Warentest“. Getestet wurden beispielsweise Negligés, Nebelmaschinen und Nierengurte. Stiftung Warentest hat mit der Seite aber nichts zu tun.

Eine Stellungnahme von dmkg.org ließ sich nicht einholen, der Betreiber der Webseite war für das Handelsblatt nicht erkennbar. Doch die Nachfragen auch bei Onlinehändler Amazon zeigten offenbar Wirkung. Wer dmkg.org abrufen wollte, konnte zwischenzeitlich lesen: „Sorry, wir arbeiten gerade an der Seite.“ Derzeit hat die Website keine Inhalte mehr.

Ein Amazon-Sprecher will sich zu konkreten Fällen nicht äußern. Er sagt aber: „Teilnehmer am Amazon-Partnerprogramm sind für den Inhalt ihrer Website selbst verantwortlich, einschließlich der Einhaltung geltender Gesetze.“ Ihnen sei es nicht gestattet, ungenaue, falsche oder irreführende Angaben über Amazon-Produkte und -Dienstleistungen zu machen. „Wenn wir von einer Verletzung unserer Vertragsbestimmungen erfahren, behalten wir uns das Recht vor, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen – bis hin zum Ausschluss des Partners vom Programm.”

Manipulierte Bewertung

Tryba rät Verbrauchern, nach der Weiterleitung zu den Händlern niemals „blind“ dort zu bestellen: „Zuvor sollte ein Preisvergleich erfolgen.“ Stiftung Warentest sei zudem nach wie vor der Leuchtturm unter den Testern, auch weil sie anzeigenfrei arbeite. Aber letztlich sei auch deren Urteil eine Meinung, die nicht automatisch die allein gültige sein müsse.

So gibt es auch Portale, die Herstellerangaben zusammenschreiben, Kundenrezensionen von Amazon auswerten oder bei denen deren Mitarbeiter die Produkte testen. Auch da sieht Tryba Probleme: „Testsieger-Zertifikate, die aus Kundenbewertungen kreiert wurden, sollten niemals eine Orientierung für den Kauf sein.“ Die Sterne-Vergabe könne manipuliert sein, oder es fehle schlicht die Kompetenz, etwa ein Smartphone fachlich zu beurteilen.

Solmeckes Kollegin Mirjam Grieß, Fachanwältin für gewerblichen Rechtsschutz, gibt zu bedenken, dass es derzeit unklar sei, welchen Qualitätskriterien Tests auf Internetseiten entsprechen müssen: „Die Anforderungen der Gerichte an die Neutralität sind sehr hoch und müssten praktisch vergleichbar sein mit den Qualitätsanforderungen von Instituten wie der Stiftung Warentest.“ Problematisch bei dieser Sichtweise sei, dass diesen damit quasi eine Monopolstellung zugedacht wird.

Wichtig ist Transparenz, damit Verbraucher einschätzen können, welche Urteile vertrauenswürdig sind. Der Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV) geht daher auch mit Abmahnungen gegen Anbieter vor, die die Nutzer nach Ansicht des Verbands in die Irre führen. Helke Heidemann-Peuser, Leiterin des Teams Rechtsdurchsetzung beim VZBV, sagt: „Grundsätzlich haben Verbraucher bei der Verwendung des Begriffs Test eine klare Vorstellung, was damit gemeint ist.“ Wer bei einem angeblichen Matratzentest die Matratzen nicht auf Schadstoffe untersucht, erfülle die Verbrauchererwartungen nicht. Von mehreren Webseiten-Betreibern hat der VZBV bereits Unterlassungserklärungen erhalten.

Ein Fall, der die Verbraucherschützer aktuell beschäftigt, ist der Onlineauftritt expertentesten.de. Stiftung Warentest bemängelt, dass sich deren Ergebnisse zum Teil deutlich von ihren eigenen unterscheiden. Eine Fritteuse, von der Stiftung Warentest mit „mangelhaft“ bewertet, habe im Test von Experten Testen ein „gut“ bekommen. „Jeder Test und jeder Vergleich basiert auf unterschiedlichen Testkriterien“, sagt Experten-Testen-Geschäftsführer Benjamin Schardt. Wenn ein von der Stiftung Warentest abweichendes Ergebnis automatisch als falsch bezeichnet werde, sei das nicht nachvollziehbar.

Verschiedene Vergleichsportale

Auf der Startseite von Experten Testen heißt es unter anderem, dass „unsere Tests und Vergleiche im Gegensatz zu repräsentativen Warentests regelmäßig nicht auf ermittelten Laborergebnissen durch Sachverständige basieren, sondern auf eigenen Untersuchungen durch Verbraucher, technischen Daten, Experteninterviews, Tests von Warentestorganisationen oder analysierten Rezensionen Dritter“. Alle Produktlinks seien Affiliate-Links zu ausgewählten Onlineshops, mit denen gegebenenfalls Werbeeinnahmen generiert werden, darauf verweist Experten Testen.

Den Verbraucherschützern ist die Website dennoch ein Dorn im Auge. Der VZBV hat den Betreiber erst abgemahnt und ist dann vor Gericht gezogen. Aus Sicht des Verbands führt das Portal keine neutralen, objektiven und sachkundigen vergleichenden Warentests durch.

Der Hinweis auf der Startseite sei zudem nicht ausreichend, um die Verbraucher über die Art und Weise der Vergleiche aufzuklären. Der VZBV fordert eine Unterlassungserklärung für die Verwendung der Domain expertentesten.de, für den Begriff Experten Testen im Internetauftritt und den Begriff Test wie beispielsweise im Bohrhammertest 2017.

Das Landgericht München I hat die Klage nach der mündlichen Verhandlung im März 2019 jedoch abgewiesen (Az. 17 HK O 12514/18). Eine Irreführung der Verbraucher findet nach Ansicht der Richter nicht statt. Dem verständigen Verbraucher sei sehr wohl bewusst, dass es neben Tests von unabhängigen Untersuchungsinstitutionen auch eine Vielzahl von Bewertungs- und Vergleichsportalen gebe, heißt es. Dass die Bohrhämmer auch physisch getestet wurden, belegte Schardt anhand von Fotos.

Es handele sich um einen Test durch sachkundige Verbraucher: „Dennoch betiteln wir unsere Ergebnisse regelmäßig als ,Vergleichssieger‘, um jegliche Anlehnung an die Stiftung Warentest zu vermeiden.“ Der VZBV hat trotzdem Berufung zum Oberlandesgericht München eingelegt, eine Entscheidung wird Mitte 2020 erwartet. Heidemann-Peuser betont: „Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass Verbraucher aufgrund des Domainnamens und der Verwendung des Begriffs Test trotz aller Hinweise auf der Webseite mehr erwarten können, als ihnen geboten wird.“

Schwindende Sichtbarkeit

Viele Besucher von Experten Testen stoßen über die Suchmaschine Google auf die Seite. Für Stiftung Warentest ist das ein Problem: Die Sichtbarkeit im Netz schwindet zwischen all den anderen Testportalen. Verbraucherschützer Tryba stellt aber klar, dass eine Seite, die mit Affiliate-Links arbeitet, nicht per se schlecht sei. Für seriös hält er beispielsweise „Finanztip“: ein Anbieter, dem es nicht zuerst um Gewinnmaximierung gehe, der sich aber auch über Affiliate-Links finanziere.

Die Webseite erarbeite ihre Empfehlungen aufwendig mit einer Redaktion. „Erst nachdem unsere Redaktion eine solche Produkt-Empfehlung erarbeitet hat, spricht unser Vertrieb gezielt diese Anbieter an und fragt, ob wir ihr empfohlenes Angebot gleich so verlinken sollen“, sagt Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen. Er leitete vorher 15 Jahre lang die Redaktion der Zeitschrift „Finanztest“, eine der drei Marken von Stiftung Warentest.

Auch bei Finanztip ist die Situation nicht ganz so einfach: „Wir wurden wegen der Kennzeichnung der Affiliate-Links in unserem Strom- und Gasrechner verklagt“, erklärt Tenhagen. Das Oberlandesgericht Dresden verpflichtete das Portal, bei den Affiliate-Links deutlich und unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass es sich um Werbung handelt (Az. 14 U 207/19).

Finanztip sieht das anders: Kein Anbieter könne seine Inhalte auf seinen Wunsch hin bei Finanztip platzieren. Das Oberlandesgericht hat keine Revision zugelassen. Finanztip will aber alle verfügbaren Rechtsmittel am Bundesgerichtshof nutzen, um das Urteil anzufechten. Parallel arbeite man an einer transparenteren Kenntlichmachung des Finanzierungsmodells.

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