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Villeroy & Boch: Frauenquote sorgt erstmals für unbesetzte Stelle in einem Aufsichtsrat

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 14.09.2018 Anger, Heike
Mit Villeroy & Boch wird zum ersten Mal bestätigt, dass aufgrund der Frauenquote tatsächlich ein „leerer Stuhl“ im Aufsichtsrat zustande kommt. © Villeroy & Boch AG Mit Villeroy & Boch wird zum ersten Mal bestätigt, dass aufgrund der Frauenquote tatsächlich ein „leerer Stuhl“ im Aufsichtsrat zustande kommt.

Beim Porzellanhersteller Villeroy& Boch muss ein Gericht eine Aufsichtsrätin berufen. Ministerin Giffey prüft die Vorgänge genau – und visiert die Vorstände an.

Es ist nur eine kurze Passage im Geschäftsbericht von Villeroy& Boch. Der „Geschlechteranteil“ sei nicht erreicht worden. „Deshalb konnte ein Sitz im Aufsichtsrat nicht besetzt werden“, heißt es zur Unternehmensführung des Bad- und Keramikherstellers.

Zum ersten Mal wird damit schwarz auf weiß bestätigt, dass aufgrund der Frauenquote tatsächlich ein „leerer Stuhl“ im Aufsichtsrat zustande kam. Die Arbeitnehmerseite hatte das Ziel von mindestens zwei Frauen in dem Kontrollgremium verfehlt.

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„Außer einer Frau bekamen nur Männer die entsprechenden Stimmzahlen“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Rund drei Monate währte der Zustand. Dann gab es eine Ersatzbestellung durch ein Gericht: Sabine Süpke wurde als Vertreterin der Gewerkschaft bestellt. Die Funktionärin der IG BCE gehörte zuvor bereits für zehn Jahre dem Schering-Aufsichtsrat an.

Dass die 1748 gegründete Firma Villeroy& Boch nun erstmals die Quoten-Schmerzen trafen, war in dem für Gleichstellung zuständigen Ministerium von Franziska Giffey (SPD) noch gar nicht aufgefallen. Obwohl es dort ein umfassendes Monitoring der gut 100 von der festen Geschlechterquote betroffenen Unternehmen gibt, blieb die massivste Auswirkung des Gesetzes bislang unentdeckt.

Nun will die Frauenministerin hier genauer hinsehen: „Reine Männerklubs in Führungspositionen sind weder zeitgemäß noch gerecht“, sagte Giffey dem Handelsblatt. Unterstützung erhält sie von der Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar). „Der unbesetzte Stuhl demonstriert, dass das Gesetz stärker wirkt als gedacht“, meint Fidar-Chefin Monika Schulz-Strelow. Unternehmen dürften nicht glauben, dass sie unter dem Radar fliegen könnten. „Schnell entsteht ein Imageschaden“, warnt Schulz-Strelow.

Seit 2016 gilt mit dem „Gesetz für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen“ eine feste Frauenquote von 30 Prozent in den Aufsichtsräten. Die Regelung greift für börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Großunternehmen. Wird bei einer Neubesetzung die Quote nicht erfüllt und für einen frei werdenden Posten keine Frau gefunden, muss der Stuhl unbesetzt bleiben. Das gilt für Vertreter von Anteilseignern und Arbeitnehmern.

Zudem müssen sich Unternehmen, die börsennotiert oder mitbestimmungspflichtig sind, eigene Zielgrößen für den Frauenanteil in Aufsichtsrat, Vorstand und den obersten Führungsebenen geben und öffentlich darüber berichten. Die Fortschritte werden von der Bundesregierung überprüft.

Giffey: „In den Vorständen tut sich noch zu wenig“

Die Wirtschaft ist freilich kein Freund von solchen Eingriffen. „Gesetzliche Vorgaben und vor allem Fristen können verhindern, dass sich Unternehmen ambitionierte Ziele setzen, um Frauen als Nachwuchsführungskräfte zu fördern“, sagte Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), dem Handelsblatt.

„Gerade Unternehmen mit einem geringen Reservoir an weiblichen Führungskräften könnten sich dadurch gehindert sehen, überhaupt Frauen auf derartige Positionen zu berufen, weil sie nicht sicher sein können, wieder eine Frau als Nachfolgerin zu finden.“

Dennoch zeigt der Druck durch die Regelung Wirkung. „Seit der Einführung des Gesetzes im Mai 2015 hat sich eine ganze Menge getan“, berichtet Frauenministerin Giffey. Bei den Unternehmen, für die eine feste Quote für den Aufsichtsrat gelte, sei der Frauenanteil seit 2015 von 25 Prozent auf durchschnittlich 31 Prozent gestiegen. „Das ist ein großer Erfolg und zeigt, dass diese Unternehmen ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachkommen“, meint Giffey.

Fidar-Chefin Schulz-Strelow fordert hingegen mehr „Breitenwirkung“. Sie rechnet vor: „Würde die feste Quote auf alle börsennotierten oder mitbestimmten Unternehmen ausgeweitet, wären schon rund 3.500 Firmen gezwungen, endlich zu handeln.“ Dann wären auch viele öffentliche Unternehmen mit betroffen. Dies sei umso mehr geboten, als Unternehmen, an denen Bund, Länder und Kommunen beteiligt seien, bei der Gleichstellung noch mehr in der Pflicht stünden als die Privatwirtschaft.

Daten, die Fidar erhoben hat, scheinen die These zu stützen, dass sich nur mit gesetzlichen Regelungen in den Unternehmen etwas bewegt. Demnach liegt der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der quotenpflichtigen Unternehmen aktuell bei rund 31 Prozent. Bei Dax-Unternehmen, die lediglich Zielgrößen definieren und veröffentlichen müssen, liegt der Anteil bei nur knapp 20 Prozent.

Für die mächtigeren Vorstandsposten schreibt das Gesetz gar keine feste Quote vor, sondern nur freiwillige „Zielgrößen“. Von dieser Regelung sind rund 3500 Unternehmen betroffen. Allerdings ist auch die Zielgröße „null“ zulässig, was bedeutet, dass gar keine Frau in einer Führungsposition angestrebt wird.

„In den Vorständen tut sich noch zu wenig“, sagte Ministerin Giffey dem Handelsblatt. Hier betrage der Frauenanteil nur rund sechs Prozent. Und das, obwohl Frauen das Studium im Schnitt mit besseren Abschlüssen verließen. „Frauen können alles – auch Vorstand!“, betonte Giffey. „Das sollte endlich in den Unternehmen ankommen.“

„Mit Sanktionen rechnen“

Frauen in der Führungsspitze der deutschen Wirtschaft seien gut für das Geschäft, denn gemischte Teams seien erfolgreicher, erklärte die SPD-Politikerin. Das lasse sich an den Geschäftszahlen vieler Unternehmen ablesen. „Wer sich als Unternehmen dieser Chance verschließt, schöpft nicht alle Möglichkeiten aus, um erfolgreich zu sein“, mahnte Giffey.

„Wir werden die Unternehmen künftig noch stärker in die Pflicht nehmen“, kündigte die Ministerin an. Sie will eine Begründungspflicht für jene Unternehmen einführen, die sich die Zielgröße „null“ bei Frauen in den Vorständen geben. „Wer sich dabei nicht an die Regeln hält, sollte auch mit Sanktionen rechnen müssen“, drohte Giffey. Auch Unternehmen, die gar keine Angaben machen, sollen Bußgelder drohen.

Nach dem Handelsgesetzbuch können Verstöße gegen Veröffentlichungspflichten mit bis zu zehn Millionen Euro oder fünf Prozent des Jahresumsatzes geahndet werden.

Die Wirtschaft hält das für wenig zielführend. „Sanktionen für Unternehmen, die Quoten in Aufsichtsräten und Vorständen nicht erfüllen, werden nicht helfen“, meint Iris Plöger vom BDI. In den Kernbereichen der produzierenden Industrie liege der Frauenanteil unter 30 Prozent. Den meisten Unternehmen werde nur ein „Freikauf“ oder die Einstellung von Geschäftstätigkeiten bleiben. „Das wäre kontraproduktiv, auch im Sinne einer effektiven Frauenförderung“, betonte Plöger.

Der BDI will weg von „Elitendebatten“. Viel sinnvoller sei es, die Ebenen unterhalb des Aufsichtsrats und des Vorstandes durch deutlichen Aufwuchs der Anzahl qualifizierter Frauen zu fördern. Plöger fordert zudem, auf die „neuen Formen des Wirtschaftens“ zu setzen, vor allem auf jene der Digitalisierung. Flexible Arbeitszeiten, auch Teilzeit könnten ebenfalls dazu beitragen. „Dann muss aber ganzheitlich gedacht werden“, fordert Plöger. Bildung und Ausbildung, Arbeitsrecht und Gesellschaftsrecht aus einem Guss wären dringend notwendig. „Und Digitalisierung trägt ja schon jetzt dazu bei, eine vermeintliche Technikferne von Frauen zu überwinden.“

Im Ministerium von Franziska Giffey wird indes schon am neuen Gesetz für mehr Gleichstellung gefeilt, das die Zielgrößenverpflichtungen ins Visier nimmt. „Wie die gesetzlichen Regelungen im Einzelnen ausgestaltet sein werden, erarbeiten wir derzeit“, bestätigte ein Ministeriumssprecher dem Handelsblatt. Der Plan sehe vor, dass die nötigen Anpassungen schon im kommenden Jahr umgesetzt würden.

Tatsächlich ist dies der einzige Schritt, den der Koalitionsvertrag zum Thema „mehr Frauen in Führungspositionen“ festlegt. „Das bietet wenig Handhabe für die Ministerin, um mehr zu bewegen“, sieht denn auch Fidar-Chefin Schulz-Strelow. „Dabei muss der miserable Status quo bei Vorständen noch viel mehr in den Mittelpunkt gerückt werden.“ Sie plädiert dafür, über Rankings und die damit verbundene öffentliche Wirkung mehr Druck auf die Wirtschaft aufzubauen. 

Den Blick auf den Vorstand zu richten scheint indes Sinn zu machen. Denn hier geht für Frauen kaum etwas voran. So zeigt das aktuelle Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, dass der Frauenanteil in den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen zuletzt bei etwas mehr als acht Prozent im Durchschnitt stagnierte. Bei den Dax-30-Unternehmen ging es ganz leicht nach oben, im SDax hingegen verloren Frauen sogar wieder einige Posten. Im Finanzsektor würde es gar 70 Jahre dauern, bis in den Vorständen Geschlechtergleichheit herrschte, bliebe es beim bisherigen Tempo.

So sieht es im Übrigen auch beim traditionsreichen Unternehmen Villeroy& Boch aus, das sich selbst gerne als internationale „Lifestyle-Marke“ in Szene setzt. Nun wurde zwar der Aufsichtsrat wieder quotengerecht besetzt. Der Vorstand ist allerdings zu hundert Prozent männlich. 

Frauen in Aufsichtsräten sind noch immer in der Minderheit. Bei Villeroy & Boch führt das nun dazu, dass ein Stuhl im Aufsichtsrat leer bleibt. © dpa Frauen in Aufsichtsräten sind noch immer in der Minderheit. Bei Villeroy & Boch führt das nun dazu, dass ein Stuhl im Aufsichtsrat leer bleibt.

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