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Wachstum: Der Biontech-Faktor: Impfstoff-Produzent trägt fast ein Fünftel zur Wirtschaftsleistung bei

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 14.01.2022 Olk, Julian
0,5 Prozentpunkte des BIPS macht schätzungsweise allein Biontech aus. © dpa 0,5 Prozentpunkte des BIPS macht schätzungsweise allein Biontech aus.

Nach dem Absturz im ersten Corona-Jahr legte die deutsche Wirtschaft 2021 wieder zu. Das hatte besonders mit der Leistung des Mainzer Unternehmens Biontech zu tun.

Dass ein einzelnes Unternehmen einen erheblichen Anteil an der Wirtschaftsleistung trägt, kommt nur selten vor. Nun hat die Corona-Pandemie genau dafür gesorgt. Verschiedenen Wirtschaftswissenschaftlern zufolge hat der Impfstoffproduzent Biontech für fast ein Fünftel des deutschen Wirtschaftswachstums 2021 gesorgt.

Das Statistische Bundesamt hat am Freitag eine erste Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2021 veröffentlicht, wonach das Plus bei insgesamt 2,7 Prozent lag. 0,5 Prozentpunkte davon macht schätzungsweise allein Biontech aus.

Das Statistische Bundesamt bestätigte, dass Biontech grundsätzlich in die Statistik mit eingeflossen ist. Detailauskünfte zu einzelnen Unternehmen kann die Behörde nicht geben. Michael Kuhn, Leiter der Gruppe „Inlandsprodukt, Input-Output-Rechnung“ beim Statistischen Bundesamt, sagte aber: „Es ist sicherlich so, dass Biontech großen Einfluss hat.“

Die Rechnung ist plausibel: Zwar wird nur ein Teil der Impfdosen im Marburger Werk von Biontech produziert. Gerade zu Beginn des Jahres 2021 stellte das Unternehmen seinen Impfstoff vor allem in einem belgischen Werk her. Doch Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), erklärte gegenüber dem Handelsblatt: „Biontech hat mit Pfizer eine Vereinbarung zur Markteinführung und Vermarktung, wobei die Erlöse später geteilt werden.“ Die Forderung von Biontech gegenüber Pfizer lag schon Ende September laut Quartalsbericht bei etwa zehn Milliarden Euro.

Die Zahlungen von Pfizer gehen dabei als Exporte in die deutsche Leistungsbilanz ein. Die erwarteten Ausgaben für Vorprodukte sind zudem laut den Angaben von Biontech verhältnismäßig gering. Alles in allem kommen so wohl die 0,5 Prozentpunkte höheres BIP-Wachstum zustande.

Nils Jannsen, Leiter Konjunktur Deutschland am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) sagt: „Dass ein einzelnes Unternehmen das BIP so stark anhebt, ist äußerst ungewöhnlich und dem Umstand geschuldet, dass es im Vergleichsjahr 2020 noch keine entsprechenden Lizenzeinnahmen gab.“ Dullien nennt das ein „hervorragendes Zeichen für die deutsche Forschungslandschaft“.

Biontech hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben zwischen 16 und 17 Milliarden Euro mit seinem Corona-Impfstoff umgesetzt – dem ersten auf dem Markt erhältlichen Produkt des Unternehmens seit seiner Gründung 2008 überhaupt. Das ist ein enormer Sprung: 2020 lag der Umsatz noch bei weniger als einer halben Milliarde.

Wirtschaft im vierten Quartal geschrumpft

Trotz Biontech fiel das BIP mit einem Wachstum von insgesamt 2,7 Prozent 2021 geringer aus als lange erhofft, zeigen die vom Statistischen Bundesamt am Freitag vermeldeten Zahlen. Vor allem die schwächelnde Konjunktur gegen Jahresende hat dazu beigetragen. Im vierten Quartal ist die deutsche Wirtschaft laut einer ersten Schätzung geschrumpft. Bei 0,5 bis einem Prozent soll das Minus laut Statistischem Bundesamt liegen.

Das weiter grassierende Coronavirus inklusive erneuter Beschränkungen etwa im Einzelhandel sowie weltweite Lieferengpässe bremsen Europas größte Volkswirtschaft. Reihenweise schraubten Wirtschaftsforschungsinstitute in den vergangenen Wochen ihre Prognosen für dieses Jahr nach unten.

Volkswirte gehen inzwischen davon aus, dass die Konjunktur erst im Frühjahr 2022 wieder richtig anspringen wird. Jüngsten Prognosen zufolge dürfte die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr trotz etwas trüberer Aussichten immer noch zwischen 3,5 Prozent und gut vier Prozent zulegen. Das wäre dann wieder eine Größenordnung wie in den Jahren nach der tiefen Rezession 2009 infolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Mit dem Wachstum von 2,7 Prozent 2021 hat Deutschland damit weiterhin nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Um rund zwei Prozent ist das BIP noch von dem des Jahres 2019 entfernt. „Trotz andauernder Coronapandemie und der damit verbundenen Lieferengpässe hat sich die deutsche Wirtschaft 2021 erholt“, sagte Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamts.

Lasten der Krise dämpfen Deutschland weiterhin

Die Hoffnung auf den großen Aufschwung war besonders durch das Sparpolster der privaten Haushalte getrieben. Während der Pandemie 2020 hatten diese Geld beiseitegelegt wie selten zuvor. Die Hoffnung war, dass sie 2021 ihre Ersparnisse abbauen und umso mehr Geld ausgeben.

Allerdings stagnierte der private Konsum im Vergleich zum Vorjahr. „Damit blieb die Sparquote weiter auf einem sehr viel höheren Niveau als vor der Krise“, sagte Stefan Hauf vom Statistischen Bundesamt. „Der wirtschaftliche Stillstand im Winter wird vor allem durch die vierte Coronawelle verursacht, die dem Gastgewerbe und anderen konsumnahen Dienstleitern ein Umsatzminus beschert“, erklärte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Bei den Konsumausgaben des Staates ist es dafür zu einem starken Anstieg um 3,4 Prozent gekommen. Dieser ist vor allem auf die Beschaffung von Corona-Tests und -Impfstoff sowie den Aufbau und Betrieb von Test- und Impfzentren zurückzuführen. Das Schuldendefizit des Staates bewegt sich in der Folge mit 4,3 Prozent weiter auf dem Niveau des Vorjahres.

Ärger aus Brüssel droht Deutschland deswegen nicht. Die EU-Staaten hatten wegen der Coronakrise erstmals die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts ausgesetzt, wonach das Haushaltsdefizit nicht über drei Prozent und die Gesamtverschuldung nicht über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen darf. 2023 soll der Pakt wieder greifen. Um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern, mussten die EU-Staaten enorme Schulden aufnehmen.

Die Staatsquote, die das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt wiedergibt, erreicht historische Höchststände. Sie liegt nun bei etwa 52 Prozent für den Gesamtstaat. Davon entfallen mehr als 17 Prozent auf den Bund.

Der Blick auf die einzelnen Branchen zeigt, dass sich die Industrie und die Unternehmensdienstleister trotz der Lieferprobleme und anhaltender Pandemie-Einschränkungen immerhin etwas erholen konnten und ihre Wertschöpfung um jeweils rund fünf Prozent steigerten. Mit 0,6 Prozent konnten die sonstigen Dienstleister, zu denen unter anderem die Kreativwirtschaft zählt, ihre Einbußen aus dem Vorjahr kaum wettmachen.

Mehr: So wird sich die deutsche Wirtschaft entwickeln.

Die Konsumausgaben des Staates sind vor allem auf die Beschaffung von Corona-Tests und -Impfstoff sowie den Aufbau und Betrieb und Test- und Impfzentren zurückzuführen. © dpa Die Konsumausgaben des Staates sind vor allem auf die Beschaffung von Corona-Tests und -Impfstoff sowie den Aufbau und Betrieb und Test- und Impfzentren zurückzuführen.

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