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Warum die DDR-Garagen so wichtig sind

SZ - Sächsische Zeitung-Logo SZ - Sächsische Zeitung 24.09.2022
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Warum die DDR-Garagen so wichtig sind

Tag für Tag gegen 15 Uhr kommt er hierher. Tino Willkommen, der darauf besteht, Willi genannt zu werden, öffnet per Hand das grüne Schwingtor seiner Garage. Die steht am Wasserberg in Neustadt in Sachsen gleich in der Nähe des Abzweigs nach Polenz. „Ich bin so alt wie diese Anlage, Jahrgang 1974“, sagt er. Dann setzt er sich auf einen Klappstuhl hinten in der Ecke seines Refugiums. Vor ihm steht ein alter rotweißer Balkenmäher mit Hänger, den repariert der frühere Stahlbetonbauer zurzeit. „Ich habe keinen Führerschein mehr“, sagt er, „aber der Mäher fährt nicht schneller als sechs Kilometer pro Stunde, den darf ich auch ohne Schein fahren.“

Seine Garage ist eine von 182 Stück des Typs „Dresden“, die sich auf dem kommunalen Grundstück von Neustadt befinden. „Vor vier Jahren habe ich das Ding gekauft“, sagt der 48-Jährige. 800 Euro für eine 475 Zentimeter lange, 185 hohe und 245 breite Behausung aus Betonteilen. Ein Dach über dem Kopf und dem Balkenmäher für 13 Euro Grundsteuer und 120 Euro Pacht für das Grundstück. So viel müsse er pro Jahr an die Stadtverwaltung zahlen. Mehr nicht. Strom und Wasser wurden 2021 abgestellt. Er nimmt einen Schluck aus einer goldig bedruckten Bierbüchse, die er nach dem Schluck wieder auf den kleinen Tisch hinten in der dunklen Ecke stellt.

Sechs Jahre lang sei er hier der Garagenwart gewesen, habe sich um vieles und viele gekümmert im Verein. „Wir hatten eine Werkstattrampe, eine hydraulische Hebebühne. Die haben alles weggerissen. In einer der Garagen baute ich sogar mal eine kleine Bar ein mit Tresen, Getränkelager und Gläsern an der Wand“, erinnert sich Willi. „Wir feierten Fete mit so viel Leuten, die in eine Garage gehen. Man soll nicht glauben, wie viele da rein gehen.“ Der Neustädter blickt auf den Fußboden, dann sagt er: „Der Verein hat sich aufgelöst. Fand sich keiner mehr, der Lust hatte darauf.“ An einer der Garagenwände hängt draußen ein vergilbter Zettel, auf dem steht: „Garagenkomplex Abzweig Polenz: Auf Grund des großen Desinteresses der Garagenbesitzer an der Gemeinschaft und der anhaltenden schlechten Zahlungsmoral einiger Eigentümer war dieser Schritt unvermeidbar. Vertreter der Gemeinschaft.“

Jetzt betreibe nicht mehr der Verein den ganzen Hof, sondern jeder einzelne Besitzer kümmere sich um seine einzelne Garage. „Das ist typisch. Gemeinschaft, das war einmal. Jeder macht nur noch für sich“, sagt Willi. „Und das Grundstück, auf dem die Garagen stehen, gehörte uns sowieso nie.“

Solche Garagenkomplexe wie in Neustadt in Sachsen bezeichnet Kulturwissenschaftlerin Luise Rellensmann als „Biotop der Alltagskultur eines verschwundenen Staates“. Für die Professorin der Hochschule München sind die „Reihenhaussiedlungen für Trabis“, die „verlängerten Wohnzimmer für Männer des Ostens“ ein spannendes Kulturgut, das sie seit fünf Jahren untersucht.

Diese Bauten seien der 1983 in Westberlin geborene Wissenschaftlerin erstmals in Cottbus aufgefallen. Dort legte sie am Lehrstuhl für Denkmalpflege der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg ihren Master ab und promovierte. „Da kam ich auf dem Weg zur Uni immer wieder an diesen Höfen vorbei, die ich bisher nicht kannte und wollte mehr davon wissen“, sagt sie. Die Ost-Immobilien, so verstand sie nach und nach, seien einerseits Räume für Schutz und Wartung, andererseits handele es sich um Versammlungs- und Rückzugsorte sowie soziale Treffpunkte, die bisher keiner wirklich erforscht habe.

Über diese Plätze der Geschichte gab die 39-Jährige vor einem Jahr „Das Garagenmanifest“ heraus. Dort erklärt sie, dass die Standorte als „schützenswerte Alltagsarchitektur in den toten Winkel der institutionellen Denkmalpflege“ fallen, aber unbedingt mehr Aufmerksamkeit bekommen müssten.

Der Pirnaer Carsten Meyer nimmt die wissenschaftliche Perspektive gelassen hin. Ihn beschäftigen vor Ort ganz andere Probleme. Der 45-Jährige ist Vorsitzender des „Autovereins Hof IV, Rudolf-Breitscheid-Straße Pirna Sonnenstein e. V.“ Er sagt: „Hundert Prozent der 155 Garagen auf dem Gelände sind vermietet.“ 150 Euro Pacht müsse jedes Mitglied pro Jahr an den Verein zahlen sowie 50 Euro für den Erhalt der Anlage, Versicherung und Winterdienst. „Da geht es vor allem darum, dass alle wirklich bezahlen. Wir organisieren keine Feste oder so, sondern einmal im Jahr eine Mitgliederversammlung, um alle anstehenden Fragen zu klären“, sagt Meyer. Das funktioniere bestens. Ein Problem seien allerdings die Schmierereien an den Garagenwänden. „Richtig lästig, diese Graffitis immer wieder überstreichen zu lassen. Das sind ungeplante Kosten.“

Das habe es früher in der DDR nicht gegeben, meint der Pirnaer. Er kenne die alten Garagengeschichten aber nur aus den Erzählungen seines Vaters. „Der baute 1978 die Anlage mit auf“, sagt der Sohn. Noch immer ranken sich Legenden darum, wie die Genehmigung dafür besorgt wurde, woher das Baumaterial kam und wie viele Stunden Eigenleistung tatsächlich erbracht wurden. Zuerst sei es darum gegangen, vor allem in den Neubaugebieten günstige Unterstellmöglichkeiten für die privaten Fahrzeuge zu schaffen. Denn die Plattenbauten waren ausschließlich für das Wohnen konzipiert. Doch Autos hatten einen großen Wert im Arbeiter- und Bauernstaat. Bis zu zehn Jahre oder länger dauerte die Wartezeit, bis ein neuer Trabant oder Wartburg erworben werden konnte. Manche besaßen auch einen Moskwitsch oder Skoda, auch für sie brauchte es einen sicheren Platz.

Schon beim Bau der Garagen in Eigeninitiative fanden sich vorzugsweise Männergemeinschaften, die bis zum Ende der DDR und teilweise darüber hinaus hielten. Erbauer wie Meyers Vater erzählen gern davon, wie sie an den Wochenenden auf ihren Höfen vor den offenen Toren standen, oft in ausgebeulten Trainingshosen, die Radios dudelten vor sich hin, man schwatzte über Ersatzteilbeschaffung, Mangelwirtschaft, Frauen und Sportergebnisse. Kann sein, dass es nach Schmieröl und Terpentin roch, manchmal nach gegrillter Wurst und Bier, aber so ganz genau weiß das Carsten Meyer nicht. Er sei ja damals ein Kind gewesen.

Noch heute würden die Simson-Mokicks über den Hof preschen, sich Jugendliche treffen und in der einen oder anderen Garage feiern. In einigen der kleinen Autohäuser stünden Oldtimer. Die mobilen Heiligtümer würden die Eigentümer aber ungern öffentlich zeigen, denn die Angst, dass die Raritäten gestohlen werden könnten, sei groß.

Wissenschaftlerin Luise Rellensmann untersucht in ihrer Forschungsarbeit die Gegenwart und Vergangenheit der architektonischen und sozialen Besonderheit dieses ostdeutschen Phänomens einer „menschenbezogenen Architektur“. Sie stellt fest, dass bereits in der Zeit der DDR die einzelnen Bauten nicht ausschließlich ihrem vorgegebenen Zweck dienten, sondern sich schon beim Aufbau Gemeinschaften bildeten. „Als die Bauten standen, entwickelten sie sich neben ihrer eigentlichen Funktion außerdem zu Bastelstuben oder kleinen Werkstätten. Da wurde repariert, geschraubt, getunt, aber auch getischlert, gesägt, lackiert oder etwas aufgebaut.“ Der gegenseitige Tausch von Waren habe dazugehört, Kurbelwellen wurden gegen Winterreifen, Zylinderkopfdichtungen gegen Scheibenwischer oder einen Kasten „Radeberger Export“ gekaupelt. Rares für Rares.

Einen der ungewöhnlichsten Fälle lernte die Forscherin in Rostock kennen. Mitten in der Südvorstadt, unweit der Ostsee, begann der Schiffselektroniker Walter Gerber Ende der 1970er-Jahre ein Ein-Mann-U-Boot in seiner Garage zusammenzuschweißen. Mit dem Kahn wollte er aus der DDR fliehen. Er habe zum Test des Bootes aus dem Betonfußboden eine Betonplatte von zwei mal einem Meter ausgegraben. Zwei Fluchtversuche mit dem U-Boot scheiterten allerdings. Er kam vor Gericht, bekam vier Jahre und sechs Monate Freiheitsentzug.

„Noch heute“, meint Luise Rellensmann, „sind die Garagen Freiräume in einer sonst sehr kontrollierten Welt.“ Die vor allem männlichen Personen könnten dort ungestört ihren Hobbys nachgehen. Das seien Ideenräume, Erinnerungsorte, Werkstatt, Partylocation oder Kleingartenersatz. Sie habe Männer getroffen, die Motorräder umbauten, Holz drechselten, Fisch räucherten, Angelköder herstellten und sogar professionell Einzelteile von Kugelschreibern zusammensteckten oder T-Shirts bedrucken, eine Art ausgelagerte Heimarbeit. Start-Ups und verrückte Ideen werden in Garagen geboren, zahlreiche Bands haben hier ihren Ursprung, sie dienen als Lager, Fitnessraum oder im Notfall zum Übernachten. „Das ist allerdings sehr selten. Meistens sind diese Höfe ruhige Zonen, die von den Ordnungsämtern kaum beachtet oder bewusst ignoriert werden“, sagt die Forscherin.

Wie viele der DDR-Garagenbauten in Sachsen und insgesamt in den neuen Bundesländern existieren, dazu gibt es keine Statistik. Der Sprecher des Verbandes Deutscher Grundstücksnutzer e. V. (VDGN) mit Sitz in Berlin, Holger Becker, schätzt, dass in den fünf neuen Bundesländern bis zu zwei Millionen Einzelgaragen in den Gemeinschaftskomplexen existieren. „Aber oft wissen das die einzelnen Kommunen selber nicht, denn die Bauten stehen ja nicht ausschließlich auf kommunalem Land, sondern ebenso auf privaten Grundstücken, Kirchengelände oder was auch immer“, sagt er.

In Neustadt in Sachsen stehen auf kommunalem Land 14 Garagenkomplexe mit insgesamt 1.321 Garagen. So antwortet Hans-Jörg Büttner vom Amt für Stadtentwicklung und Bauwesen auf SZ-Anfrage. In Pirna gibt es in Summe fast tausend Garagen, die überwiegend im Eigentum der städtischen Wohnungsgesellschaft, der Stadt oder Hospitalstiftung sind, teilt Stadtsprecher Thomas Gockel mit. Im Eigentum der Stadt Leipzig befinden sich 227 Grundstücke mit Garagenhöfe, in Dresden seien es zurzeit 224 Grundstücke mit rund 3.300 Garagen, samt aktiven Nutzungsverträgen, teilt das Amt für Hochbau und Immobilienverwaltung mit.

„In Chemnitz existieren angeblich bis zu 30.000 solche einzelnen Garagen“, sagt Luise Rellensmann. Die Stadt habe ihre Standorte in drei Kategorien unterteilt, wobei die Hälfte der Höfe wohl auf Dauer nicht weiter existieren werde. Für die anderen gäbe es zum Teil langfristige Nutzungszusagen. Als „soziokultureller Ort“ sind die Garagen jetzt zum sogar Projekt der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 geworden. Vom 30. Mai bis 3. Juni dieses Jahres schickte die Münchner Professorin 110 Studierende ihrer Hochschule nach Chemnitz. Sie fotografierten, kartografierten und erfassten mit digitalen Vermessungs- und Darstellungsmethoden 156 Garagenhöfe.

Es ging zuerst um architekturbezogene Informationen zu Lage, Bauart und Material. Aber die Studierenden, die teilweise das erste Mal in Sachsen waren, bekamen Einsichten in das soziale Leben und Geschichte der Garagengemeinschaften. „Sie begegneten teilweise den Nutzern, sprachen mit ihnen, hörten sich ihre Lebensgeschichten an“, sagt Rellensmann. Bis Januar kommenden Jahren dauere die Auswertung der 250K-Dateien.

Dass die Garagenhöfe im Osten derzeit so stark im Fokus stehen, hat noch einen weiteren Grund. Tino Willkommen, der darauf besteht, Willi genannt zu werden, erwähnte ganz nebenbei, dass ihm das Grundstück, auf dem seine Garage steht, nie gehörte. Und genau das beschreibt das Problem. In Leipzig vertritt aus diesem Grund der VDGN die Interessen von 22 Garagenvereinen mit 2.750 Mitgliedern.

Den Hintergrund der Auseinandersetzung erklärt der Sprecher so: In der DDR wurde die Höfe auf sogenanntem „volkseigenen Boden“ errichtet. Doch nach der Wende bekamen die ursprünglichen Besitzer oder deren Nachkommen ihr Land zurück. Um die Eigentumsverhältnisse zu regeln, beschloss die Bundesregierung 1995 das „Schuldrechtsanpassungsgesetz“. Es folgte ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1999, das die Garagen auf fremdem Grund für wenig schutzwürdig einstufte. Nach dem 31. Dezember 2006 war es plötzlich egal, ob Garagen- oder Grundstückseigentümer ihren Vertrag kündigten, es entfiel jegliche Entschädigung. Ende 2022 muss der Eigentümer sogar noch für eventuelle Abrisskosten aufkommen.

Und der Bedarf nach dem Land wächst. In Dresden ließ der Baubürgermeister kürzlich das Potenzial der 224 Garagenkomplexe auf ihre Nutzungsmöglichkeiten untersuchen. Die Analyse ergab, dass einerseits Garagen die kommenden zehn Jahre erhalten bleiben. Andererseits eignen sich sechs Standorte mit 335 Garagen für den kommunalen und 49 mit 615 Garagen für individuellen Wohnungsbau. 58 Grundstücke mit 765 Garagen werden für den Eigenbedarf verschiedener Fachämter benötigt. 40 Garagenkomplexe mit 250 Garagen sollen abgerissen und begrünt werden. Für neun Standorte mit insgesamt 900 Garagen enthält die Potenzialanalyse des Fachamts noch gar keinen Vorschlag, teilt das Presseamt des Rathauses mit.

Willi in Neustadt in Sachsen wird sein Beton-Refugium mindestens zehn Jahre behalten können. Diese Nachricht bekam er aus der Verwaltung von Neustadt in Sachsen. In Pirna wurden den jeweiligen Garagenverein oder Einzelpächter bereits 2015 eine Vertragsverlängerung gewährt, wenn die städtebauliche Entwicklung oder der schlechte Zustand der Garagen dem nicht entgegenstand. Drei der Garagenhöfe wurden abgerissen. Das bestätigt Stadtsprecher Thomas Gockel. In Leipzig beschloss der Stadtrat im Juni die Rechtssicherheit für Garagenhöfe. Die Verwaltung wurde beauftragt, ein „Stadtentwicklungskonzept“ zum Thema Garagenhöfe zu erarbeiten.

Der Sprecher des Verbandes Deutscher Grundstücksnutzer e. V., Holger Becker sagt: „Wir haben uns in Leipzig an mehreren Standorten mit der Stadt einigen können und nehmen jetzt die Dächer der Garagenhöfe als Standorte für große Solaranlagen. Damit bekommen die Höfe plötzlich eine völlig neue Funktion und Zukunft.“ Willi in Neustadt denkt über die Idee nach. Dann hätte er auch endlich wieder Strom.

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