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Was die G7 alles angehen müssen: Schwerer als die Aufgaben des Herkules

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 26.06.2022 Hans Monath

Kein Problem lässt sich bearbeiten ohne Folgen für ein anderes. Und die Welt könnte sich in zwei Lager spalten. Ein Kommentar zur Lage der G7.

Boris Johnson, Olaf Scholz und Joe Biden (von links). © Foto: dpa Boris Johnson, Olaf Scholz und Joe Biden (von links).

Man könnte auf einen Helden aus der antiken Mythologie zurückgreifen, um die Herausforderung für die Staats- und Regierungschefs der wirtschaftsstarken Demokratien zu beschreiben, die beim G7-Gipfel in Elmau auf sie warten. Etwa so: Was sie vorhaben, ist komplizierter als die schweren Aufgaben des Herkules, die er mit Kraft und Köpfchen löste.

Denn König Eurystheus hatte ihm zwölf Aufträge gegeben, die er der Reihe nach abarbeiten konnte: erst den Löwen töten, dann den Augiasstall ausmisten, dann die nächste Aufgabe. Dagegen haben die Probleme, mit denen sich der Gipfel herumschlagen muss, die unangenehme Eigenschaft, dass sie alle miteinander zusammenhängen. Drehen die G7-Führer an einer Schraube, reagiert darauf sofort eine Mechanik irgendwo in der großen Weltmaschine.

[Lesen Sie mehr: Aufgaben für den G7-Gipfel: Die Suche nach Lösungen für die größten Probleme der Welt (T+)]

Interdependenz heißt der Fachbegriff dafür. Wie heute alles mit allem zusammenhängt, lässt sich anschaulich machen. Ursprünglich wollten sich die G7 darauf konzentrieren, die von zwei Jahren Corona-Pandemie schwer angeschlagene Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Die aber ist seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine nun neuen brutalen Stresstests unterworfen.

Und nicht nur der Boykott ukrainischer Getreidelieferungen durch Russland trifft Menschen anderswo auf der Welt, die nun hungern.

Auch die Sanktionen des Westens haben Auswirkungen auf Dritte, etwa indem die Abkoppelung von russischer Energie die Weltmarktpreise noch weiter in die Höhe treibt. Schon warnen Aktivisten, die Suche nach alternativen Ölquellen beschleunige Petro-Förderung in Regionen, in denen bedrohte indigene Völker leben und ökologische Katastrophen drohen.


Video: Start des G7-Gipfels im Zeichen des Krieges (glomex)

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Schwaches Wirtschaftswachstum, Kriegsfolgen, globaler Kampf gegen Klimawandel, Ernährungssicherheit, Covid-Schutz – kein Problem lässt sich bearbeiten ohne Folgen für ein anderes.

[Glaubwürdig? Die G7 und der Klimaschutz. Hier geht's zur aktuellen Folge unseres Klimapodcasts Gradmesser.]

Nun muss niemand die G7-Führer bedauern, denn das Mandat für ihre Aufgaben hat ihnen nicht die Welt gegeben – das haben sie sich selbst genommen. Obwohl sie nur zehn Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren, treffen die Vertreter einiger der reichsten Nationen der Welt Entscheidungen, die für Milliarden Menschen wichtig sind. Das ist oft kritisiert worden. Aber wenn sie diesmal das Richtige tun, ist das ein starkes Argument gegen die Zweifel an ihrem Mandat.

Die Interessen des globalen Südens müssen sehr genau berücksichtigen werden

Gerne übersehen wird die Tatsache, dass dem Westen bei der Verurteilung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wichtige Partner fehlen, die mit ihren Bevölkerungszahlen fast die Hälfte der Erde repräsentieren: Viele Schwellen- und Entwicklungsländer verweigern sich der G7-Lesart und machen nicht Russland, sondern die westlichen Sanktionen für hohe Energie- und Nahrungsmittelpreise verantwortlich.

Die Warnung von Olaf Scholz ist berechtigt, wonach sich die Welt in eine "G7 plus"-Gruppe und eine "Brics-plus"-Gruppe ("Brics" sind Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) spalten kann. Deshalb ist es ein vernünftiger Ansatz, Indonesien, Indien, Südafrika, Senegal und Argentinien nach Elmau einzuladen. Diese Partner wegen ihrer Haltung zu Russland zu verurteilen, wäre töricht und selbstschädigend, stattdessen müssen sie umworben werden.

Der Gipfel muss deshalb nicht nur ein Paket schnüren, dass eine langfristige Finanzierung der Ukraine garantiert. Wenn die demokratischen Industriestaaten nicht auch beweisen, dass sie wirksame Antworten auf die sich überlappenden Krisen finden können und dabei auch die Interessen des globalen Südens sehr genau berücksichtigen, wird der Westen weiter an Glaubwürdigkeit und Einfluss verlieren. Potenzielle Partner werden auf Abstand gehen.

Denn es gilt: Wer nicht will, dass Autokratien noch mehr Macht und Einfluss gewinnen, braucht Freunde auf der Welt – gerade unter den Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Politik des Werbens um sie muss deshalb auch nach dem Gipfel weitergehen.

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