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Wegen Corona: Seeleute weltweit in Zwangs-Quarantäne

dw.com-Logo dw.com 10.07.2020 Dirk Kaufmann

Noch immer sitzen viele Tausend Seeleute auf ihren Schiffen fest, weil sie wegen der Corona-Krise nicht in ihre Heimatländer können. Trotz vielfältiger Appelle hat sich ihre Lage bislang nicht wirklich verbessert.

Provided by Deutsche Welle © Getty Images/AFP/M. Valenzuela Provided by Deutsche Welle

In der Arktis findet gerade eine international mit großem Interesse verfolgte Expedition statt. Das deutsche Forschungsschiff Polarstern driftet, eingefroren im Packeis, durch das nördliche Polarmeer. Im April musste das Experiment allerdings unterbrochen werden: Der Wechsel von 100 Wissenschaftlern fiel wegen der durch COVID-19 bedingten Reiseeinschränkungen aus.

Nach insgesamt drei Wochen konnte das Problem schließlich gelöst werden: Die beiden Forschungsschiffe Sonne und Maria S. Merian brachten das Ablöseteam von Bremerhaven nach Spitzbergen, nachdem die Wissenschaftler zwei Wochen in Quarantäne verbracht hatten und damit als nicht infiziert galten.

Das Forschungsschiff © picture-alliance/dpa/S. Graupner/Alfrd-Wegener-Institut Das Forschungsschiff

"Ein unhaltbarer Zustand"

Was für ein Ausnahmeprojekt wie die Arktisforschung vergleichsweise reibungslos funktioniert, lässt sich aber nicht auf die gesamte Seeschifffahrt übertragen. Bereits zum Internationalen "Tag des Seefahrers", der am 25. Juni begangen wurde, beklagte der Verband Deutscher Reeder (VDR) die prekäre Lage der Seeleute.

"Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass Crewwechsel immer noch nicht in annähernd ausreichendem Maß erlaubt sind", hatte Alfred Hartmann, Reeder aus Leer in Ostfriesland und Präsident des VDR gesagt. Nach Schätzung des Verbandes warteten Ende Juni noch 200.000 Seeleute an Bord auf Ablösung, eben so viele an Land auf ihren Einsatz.

"Drängender denn je"

Die Lage habe sich in den vergangenen Wochen leicht entspannt, sagt Maya Schwiegershausen-Lüth jetzt zur DW. Sie ist bei der Gewerkschaft Verdi für maritime Wirtschaft zuständig. Doch "auch wenn die Zahl der Gestrandeten reduziert werden konnte, ist das Thema drängender denn je."

Schätzungen der Seeschifffahrtsorganisation IMO, einer UN-Organisation, und Erhebungen der Internationalen Transportarbeiterföderation ITF zufolge, warteten "heute noch immer 120.000 bis 150.000 Seeleute darauf, ihren Arbeitsplatz verlassen zu können und die Heimreise anzutreten", so Schwiegershausen-Güth. Und sie erinnert an "eine ähnlich große Zahl von Seeleuten, die zu Hause darauf warten, wieder ihren Dienst an Bord der Schiffe antreten zu können."

Das Karussell dreht sich nicht mehr

Die Corona-Krise hat ein zwar kompliziertes, aber seit Jahren funktionierendes Personalkarussell ausgebremst: Mehr als 1,2 Millionen Seeleute arbeiten weltweit auf etwa 55.000 Handelsschiffen und rund 200.000 von ihnen werden monatlich ausgetauscht und durch frische Crews ersetzt.

Das funktioniert so nicht mehr. Denn im Zuge der Corona-Seuchenbekämpfung müssen jetzt lokal unterschiedliche Quarantäne-Vorschriften befolgt und sich immer wieder ändernde Visum-Bestimmungen beachtet werden. Außerdem besteht oft keine Möglichkeit zur Weiterreise per Flugzeug.

Seine Ladung mag dieses Containerschiff in Zeebrügge noch löschen können, die Mannschaft darf aber nicht von Bord gehen © picture-alliance/imageBROKER Seine Ladung mag dieses Containerschiff in Zeebrügge noch löschen können, die Mannschaft darf aber nicht von Bord gehen

Auch wirtschaftlich problematisch

In immer mehr Häfen seien Crewwechsel zwar wieder möglich, das Problem sei aber noch lange nicht gelöst. "Lassen wir uns nicht täuschen"; so VDR-Präsident Hartmann zum "Tag des Seefahrers". Geglückte Wechsel der Besatzungen seien "die Ausnahme, bei weitem nicht die Regel."

Dabei hatte der Reeder auch auf die wirtschaftlichen Probleme hingewiesen, die durch die Schwierigkeiten beim Wechsel der Crews entstehen: "Wenn sich die Situation nicht ändert, werden Logistik-Ketten reißen, weil Schiffe nicht weiterfahren können", sagte Hartmann. "Dann ist auch der Nachschub für uns alle gefährdet." Tatsächlich werden rund 90 Prozent der weltweit gehandelten Güter auf dem Seeweg transportiert.

Private Hilfe und päpstlicher Beistand

Den auf ihren Schiffen festsitzenden Seeleuten wird die Zeit immer länger und an Bord nehmen zwischenmenschliche Spannungen zu. Kein Wunder, wenn auf relativ engem Raum viele zunehmend frustrierte Menschen zusammengesperrt sind.

Für die Bedrängten gibt es selten handfeste Hilfe, ihnen bleibt höchstens Trost und Zuspruch von privater Seite. In den Häfen kümmern sich die Seemannsmission, die Kirchen oder Privatpersonen um die Festsitzenden.

Außerdem haben sich in den vergangenen Wochen neben anderen Papst Franziskus, UN-Generalsekretär António Guterres, die EU-Kommission und die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO für die Seeleute eingesetzt.

Tropfen auf dem heißen Stein

Kleine Erfolge gibt es aber schon; Maya Schwiegershausen-Güth nennt ein Beispiel: "Im Kreuzfahrtsektor konnten wir für Deutschland und die TUI-Flotte erreichen, dass wenigstens die Grundheuer weitergezahlt wird." Dennoch sei die Situation an Bord oft unerträglich, besonders für Seeleute, "die zum zweiten oder dritten Mal ihre Verträge verlängern müssen, weil sie nicht von Bord kommen. Bei diesen Seeleuten steigt die Belastung und der psychische Druck. In jüngster Zeit wird uns immer häufiger von Suiziden berichtet - nicht verwunderlich in einer Branche, in der laut einer OECD-Studie von 2019 eine hohe Überlastungssituation und Suizidgefahr besteht."

Hilferuf an die Politik

Auch juristisch ist die Situation für Seeleute kompliziert: Es sind eben nicht nur Deutsche, die auf deutschen Schiffen arbeiten, unterwegs. Neben den Besatzungsmitgliedern mit deutschem Pass gibt es Kollegen aus vielen Ländern, besonders oft aus Asien. Dazu fahren deutsche Schiffe nicht selten unter anderer Flagge - solchen aus EU-Staaten und sehr oft aus anderen, sogenannten Flaggenstaaten aus Afrika oder der Karibik, in denen der Schiffsbetrieb weniger streng geregelt und sehr viel billiger ist.

Auch für die Arbeitnehmervertreter von Verdi ist das ein Problem. Maya Schwiegershausen-Güth fühlt sich oft "von den 'großen' Flaggenstaaten wie Panama, den Marshall Islands oder auch Malta allein gelassen. "Nur selten nehmen Flaggenstaaten ihre Verantwortung wahr und setzen sich für die Seeleute auf den Schiffen in ihrem Register ein."

Gewerkschafterin Schwiegershausen-Güth wünscht sich daher vor allem, dass sich die Politik der an Bord eingesperrten Seeleute annimmt. Die deutsche Politik müsse "sich verweigernde Nationalstaaten davon überzeugen, die Reisebeschränkungen für Seeleute aufzuheben bzw. alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, dass der sichere Crewwechsel wieder möglich ist."

Autor: Dirk Kaufmann


Video: 4 wichtige Tipps: Was Sie vor einer Wanderung tun sollten (inFranken.de)

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